So stylisch und vorlagentreu ist noch keine Graphic Novel verfilmt worden: Robert Rodriguez und der legendäre Vorlagengeber Frank Miller schicken eine ganze Parade an Stars in einen bildgewaltigen Höllentrip. In Memoriam Michael Madsen (1957 – 2025).

Irgendwo zwischen zynischen Detektivgeschichten aus der Feder eines Raymond Chandler oder Dashiell Hammett und visuell enorm einfallsreichen „Graphic Novels“ eines Will Eisner oder Alan Moore bewegt sich der in Fankreisen geradezu vergötterte Frank Miller. Der inzwischen 68-jährige Autor und Zeichner machte sich einen Namen durch seine düsteren Geschichten, die er für einige Charaktere der großen Comic-Verlage „Marvel“ und „DC“ konzipiert hat. Zu den bekanntesten seiner vielen Arbeiten hierfür zählen etwa „Daredevil“, für den er die Nebenfigur „Elektra“ schuf, eine „Wolverine“-Miniserie im Herbst 1982 und schließlich die sehr erfolgreiche und stilbildende „Batman“-Miniserie „The Dark Knight Returns“ (1986). Aber auch mit eigenen Kreationen weiß Miller seine Fans zu begeistern, wie etwa seine etwas andere Geschichtsstunde „300“ (1996) über das heldenhafte Aufbäumen von 300 muskelbepackten, kampfstarken und resilienten Spartanern unter Führung ihres Königs Leonidas gegen das übermächtige persische Heer des sich zur Gottheit aufspielenden Xerxes. Unter der Regie von Zack Snyder wurde „300“ 2007 verfilmt. Als Drehbuchautor schrieb Frank Miller Anfang der 1990er Jahre dann auch die weniger erfolgreichen Fortsetzungen von Paul Verhoevens Science-Fiction-Satire „Robocop“ (1987).
Aber für eine Serie hat sich Frank Miller seinen Kultstatus einzementiert. Ab 1991 begann Miller für „Dark Horse Comics“ Episoden aus dem fiktiven Moloch Basin City zu publizieren. Zuerst für ein Special zum fünften Jubiläum des Verlags im April jenen Jahres, bevor ab Mai in „Dark Horse Presents“ mehr Strips veröffentlicht wurden. Bis 2000 erschienen jeweils auf mehrere Ausgaben verteilt insgesamt sechs Geschichten sowie eine Kollektion sogenannter „One-Shots“ (einzelne Kapitel). Ein besonders begnadeter Fan von „Sin City“ ist der texanische Regie-Haudegen Robert Rodriguez, der sich mit seiner an klassische Spaghetti-Western erinnernden „Mariachi“-Trilogie, dem irren Genremix „From Dusk Till Dawn“ (1996), aber auch der kinderfreundlichen „Spy Kids“-Filmreihe einen Namen machte. Rodriguez wollte die groteske Welt Millers aber nicht einfach nur für die Leinwand adaptieren, sondern diese buchstäblich auf diese übersetzen. Mit Digitalkameras drehte er so, noch bevor er die Darsteller für die illustren Figuren besetzt hatte, Probeaufnahmen vor Greenscreens, mit denen er den skeptischen Miller schließlich von seinem wagemutigen Projekt überzeugen konnte. Die Panels des Comics dienten den Beiden als Storyboard für den Film.

Rodriguez holte Miller gleich als Regiepartner mit ins Boot, weswegen er aus der amerikanischen Gewerkschaft der Film- und Fernsehregisseure austrat, deren Regularien eine solche Zusammenarbeit nicht gestatten. Für eine Szene saß dann später auch Quentin Tarantino auf dem Regiestuhl, für die symbolische Gage von einem Dollar. Dies tat er als Gegenleistung für Rodriguez‘ Filmmusik zu Tarantinos zweitem „Kill Bill“-Teil, die er ebenfalls für nur einen Dollar komponierte. Gemeinsam schufen die drei visionären Querköpfe ein visuell unvergleichliches Werk, das auch 20 Jahre später nichts von seiner beeindruckenden Bildqualität eingebüßt hat. Kunstvoll verweben sich hier vier Storylines aus dem Fundus von Millers „Sin City“-Kanon zu einem finsteren Episodenfilm. „The Salesman“ (Josh Hartnett) ist ein charmanter Mann, aber auch ein kaltblütiger Killer, der Jagd auf einsame Frauen macht. In einer durchzechten Nacht macht der einsame, vom Leben stark gezeichnete Ex-Häftling Marv (Mickey Rourke in einer starken Comeback-Rolle) die Bekanntschaft mit der engelsgleichen Schönheit Goldie (Jaime King). Als sie am nächsten Morgen tot neben ihm im Bett liegt und ihm der Mord in die Schuhe geschoben wird, will er den sadistischen Killer (Elijah Wood) auf eigene Faust zur Strecke bringen. Dwight (Clive Owen) will seine Freundin Shellie (Brittany Murphy) vor ihrem gewalttätigen Ex Jackie Boy (Benicio del Toro) beschützen und diesen am liebsten ganz unschädlich machen, auch wenn das der örtlichen Polizei und den Damen des Rotlichtmilieus, angeführt von Dwights Exfreundin Gail (Rosario Dawson), nicht in den Kram passt. Und dann ist da noch der einzige aufrechte und integre Cop in „Sin City“, der alternde John Hartigan (Bruce Willis), der an Herzproblemen leidet. Mit seinem Partner Bob (Michael Madsen) heftet er sich an die Fersen des Pädophilen Junior Roarke (Nick Stahl), der von seinem Vater, dem korrupten Senator (Powers Boothe), vor Repressalien geschützt wird. Hartigan rettet die kleine Nancy Callahan (Makenzie Vega) aus Juniors Klauen, muss dafür aber ins Gefängnis. Acht Jahre später benutzt Junior ihn aber als Lockvogel, um die inzwischen erwachsene Nancy (Jessica Alba), die jetzt in einem schäbigen Stripschuppen tanzt, aufzuspüren.
„Sin City“ zeichnet sich visuell durch sein innovatives und detailverliebtes Farbdesign aus. Die ursprünglich in Farbe gedrehten Szenen wurden in der Postproduktion auf Schwarz-Weiß korrigiert, während einige Figuren, Details oder Requisiten durch gezieltes Keying farblich hervorgehoben wurden. So erzielen Rodriguez und Miller die typische Ästhetik, mit der letzterer die „Graphic Novels“ gezeichnet hat. Diese Stilistik zieht sich durch alle Kapitel des Films und war für damalige Verhältnisse geradezu revolutionär. Diese Ästhetik komplimentiert die grimmige Atmosphäre, die sich von Anfang an in diesem Film entfaltet. Ganz klar am klassischen „Film Noir“ angelehnt, mit geschliffenen, pointierten und ironischen Dialogen, unterlegt mit stimmungsvoller Musik, die in jedem der drei großen Kapitel von einem eigenen Komponisten verantwortet wird. Marvs Geschichte wird von Graeme Revell, jene von Dwight von John Debney und jene von Hartigan von Rodriguez selbst untermalt.

Rodriguez und Miller gelang es, für ihr vielseitiges Figurenpersonal ein handverlesenes Ensemble an Charakterdarstellern zu verpflichten, die sich allesamt furchtlos in ihre teilweise verstörenden und meist gegen ihren Typus gebürsteten Rollen stürzen. Einige sind dabei kaum wiederzuerkennen. Wer etwa Elijah Wood noch als heldenhaften Hobbit in Peter Jacksons „Lord of the Rings“-Trilogie in Erinnerung hat, wird hier von seiner radikalen Kehrtwende entweder fasziniert oder angewidert sein. Nick Stahl darf als besonders abscheulicher „Yellow Bastard“ jegliche moralische Limitierungen hinter sich lassen, ebenso wie Benicio del Toro als psychotischer Jackie Boy. Highlight des Films ist aber Mickey Rourke als Marv, der hier ganz besonders viel Spaß zu haben scheint.
„Sin City“ fängt jedenfalls eindrucksvoll, mit viel technischem Know-how und einer straffen Inszenierung, die düstere Stimmung und den pechschwarzen Humor der Vorlage ein und bringt diesen auf die Leinwand. Ganze neun Jahre später setzten die Beiden dann die lange erwartete Fortsetzung, „A Dame to Kill For“, um, mit einigen neuen, aber auch einigen wiederkehrenden Figuren. Da diese aber leider weit hinter den Erwartungen von Kritikern und Zuschauern geblieben war, ist ein weiterer filmischer Ausflug nach „Sin City“ wohl leider nicht mehr geplant. Das ist schade, denn wie heißt es doch so schön an einer Stelle dieses Films: „Turn the right corner in Sin City, and you can find anything… Anything.“
Trailer: