Drei Jugendfreunde werden im Erwachsenenalter durch eine erschütternde Tragödie wieder zusammengeführt. Clint Eastwood verfilmte Dennis Lehanes packende Krimitragödie mit starken Charakterköpfen.
Clint Eastwood ist vor kurzem stolze 95 Jahre alt geworden. Ihn als lebende Legende des amerikanischen Kinos zu bezeichnen, grenzt bereits an ein Klischee. Seit Jahrzehnten ist er als Schauspieler, Produzent, Regisseur und sogar als Komponist erfolgreich. Zunächst machte er sich einen Namen als stoischer Westernheld, am eindrücklichsten in der „Dollar“-Trilogie des italienischen Western-Maestros Sergio Leone, bevor er sich 1971, mit 41, erstmals selbst auf den Regiestuhl setzte und den Stalking-Thriller „Play Misty for Me“ mit sich selbst und Jessica Walter („Arrested Development„) in den Hauptrollen inszenierte. Zwei Jahrzehnte später stand Eastwood dann als Regisseur und Produzent auf dem Gipfel seines Erfolgs, als er mit seinem Abgesang auf altbackene Western-Mythen, „Unforgiven“ (1992), Oscars für die beste Regie und den besten Film einsackte. Es folgte ein Kritiker- und Publikumsliebling nach dem anderen, darunter das berührende Liebesdrama „The Bridges of Madison County“ (1995), der Polit-Thriller „Absolute Power“ (1997) und das äußerst humorvolle Astronautenabenteuer „Space Cowboys“ (2000). Bevor er seinen doppelten Oscar-Triumph mit der überraschenden und zutiefst bewegenden Underdog-Ballade „Million Dollar Baby“ 2004 wiederholte, was ihn zum ältesten Regie-Oscar-Preisträger machte, adaptierte er einen Kriminalroman des Bostoner Schriftstellers Dennis Lehane.

„Mystic River“ erschien erstmals 2001, und Eastwood fühlte sich besonders durch die Verbindung der drei Hauptfiguren zur Geschichte hingezogen, etwas, dass es auch in Sergio Leones fulminantem Abschluss der „Dollar“-Trilogie, „Il buono, il brutto, il cattivo (Zwei glorreiche Halunken)“ (1966) mit ihm in einer zentralen Rolle gab. Die Drehbuchadaption verantwortete Brian Helgeland, dessen Oscar-prämiertes Drehbuch für „L.A. Confidential“ (1997) nach dem Neo-Noir-Crime-Roman von James Ellroy ebenfalls von drei zusammengeworfenen gegensätzlichen Protagonisten getragen wird. Das Leben der drei Jugendfreunde Jimmy, Sean und Dave verändert sich für immer, als Dave von einem vermeintlichen Polizisten mitgenommen und sexuell missbraucht wird. Jahre später kreuzen sich die Wege der Drei wieder, als Katie (Emmy Rossum), die älteste Tochter von Jimmy (Sean Penn), getötet wird, was ihn in eine tiefe Trauer und ungeheure Wut stürzt. Sean (Kevin Bacon), der von seiner schwangeren Frau getrennt lebt, ist inzwischen Polizist und ermittelt mit seinem Partner Whitey (Laurence Fishburne) in dem Fall. Der von seinem Missbrauch noch gezeichnete Dave (Tim Robbins) gerät bald in den Kreis der Verdächtigen, weil er spät in der Tatnacht schwer verletzt nach Hause kommt, sich immer öfter in Widersprüche verstrickt und sich nicht nur gegenüber seiner Frau Celeste (Marcia Gay Harden) immer merkwürdiger verhält. Das Schicksal hat mit den drei Männern auch im Erwachsenenalter noch nicht abgeschlossen.
Es ist eine erschütternde Tragödie, die sich hier Szene für Szene, Beat für Beat, abspielt. Den Albtraum eines jeden Vaters, den frühen, gewaltsamen und sinnlosen Verlust des eigenen Kindes, spielt Sean Penn mit einer dermaßen brodelnden Intensität, dass es in den besonders eindringlichen Szenen regelrecht unter die Haut geht. Penn schafft es aber auch, seine Figur eine schmale moralische Gratwanderung durchlaufen zu lassen, die mich als Zuschauer zwar mit ihr mitfühlen, aber auch an ihr zweifeln lässt. Die andere tragische Figur in „Mystic River“ wird mit nicht minderer Ausdruckskraft von einem famosen Tim Robbins gespielt, dessen ambivalentes Spiel zwischen Unschuldsmiene, posttraumatischer Orientierungslosigkeit und an Paranoia grenzender Desillusionierung angelegt ist. Auch bei seinem Dave kann man sich bis zum entscheidenden Wendepunkt nicht sicher sein, was die Tragik der Geschichte noch einmal unterstreicht. „Mystic River“ ist kein Film für zarte Gemüter, denn die Themen, die der Film verhandelt, rühren tief in den Abgründen der menschlichen Seele.

Eastwoods Film ist eine eindrucksvolle Charakterstudie über durch traumatische Kindheitserlebnisse überschattete Existenzen, und die Auswirkungen, die diese auch noch später im Leben auf Menschen nehmen können. Auch wenn Jimmy, Dave und Sean sich nach dem dramatischen Einschnitt in ihrer Jugend aus den Augen verlieren, bringt sie ein weiterer Einschnitt als Familienväter wieder zusammen und zieht einen Bogen zwischen diesen beiden Ereignissen. Und in beiden Fällen, so viel sei an dieser Stelle verraten, hält ein Auto neben Dave an, in das er eigentlich nicht hätte einsteigen dürfen. Aber nicht nur die drei männlichen Hauptfiguren, auch ihre Ehefrauen spielen eine nicht ganz unwesentliche Rolle in den Geschehnissen in „Mystic River“, am markantesten etwa Daves Frau Celeste, die durch ihre Beobachtungen in der Tatnacht und ihre Vermutungen über Dave sehr stark in den Fall involviert ist und diesen durch ihre Verdachtsmomente entscheidend beeinflusst. Und Jimmys zweite Ehefrau Annabeth (Laura Linney), Katies Stiefmutter? Sie hält wie ein Fels in der Brandung zu ihrem von Trauer umwölkten Mann und redet ihm seine Gewissensbisse ob der moralischen Abgründe seines Vergeltungsdrangs a la Lady Macbeth aus.
„Mystic River“ besticht durch seine dichte Inszenierung und dem ausdrucksstarken und intensiven Spiel seiner Darsteller. Penn und Robbins wurden für ihre Rollen völlig zu Recht mit nahezu allen großen Filmpreisen ausgezeichnet, darunter jeweils einem Oscar und einem Golden Globe Award. Eastwood untermauerte mit seiner bereits 24. Regiearbeit sein Ausnahmetalent als einer der vielseitigsten Filmemacher des amerikanischen Kinos, dessen Gespür für starke Charaktere und aufrüttelnde Plots auch in fortschrittlichem Alter kein bisschen nachlässt.
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