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An der südfranzösischen Riviera werden die Zelte wieder abgebaut, die Stars kehren nach Hause zurück, eine Handvoll Filmperlen wurden mit Preisen dekoriert. Ein Rückblick auf zehn Tage Cannes.

Am Samstagabend des 24. Mai 2025 stand die Verleihung der „Palme d’Or“ und der anderen wichtigen Preise des Festivals in Cannes auf dem Programm. Die Jury unter dem Vorsitz der französischen Schauspielerin Juliette Binoche hatte die ehrenhafte, wenn auch kräftezehrende Aufgabe, aus 22 Wettbewerbsbeiträgen in weniger als anderthalb Wochen verdiente Gewinner zu küren. Halle Berry, Alba Rohrwacher, Jeremy Strong, Carlos Reygadas, Payal Kapadia, Dieudo Hamadi, Hong Sang-soo und Leïla Slimani standen Binoche dabei zur Seite. Die Auswahl, die sie getroffen haben, ist in jedem Fall eine interessante. Sie deckt sich auch in etwa mit dem Kritikerspiegel.

2025 MUBI, Neon, MK2 Films. Alle Rechte vorbehalten.

Die „Goldene Palme“ des 78. Festivals geht jedenfalls an Jafar Panahi. Der iranische Regisseur, der noch vor zwei Jahren in seinem Heimatland wegen seiner regimekritischen Filmarbeit inhaftiert und infolge eines Hungerstreiks freigelassen wurde, wonach er das Land verließ, gewann für seinen Polit-Thriller „Un Simple Accident (It Was Just an Accident)“. Ähnlich wie sein Landsmann Mohammad Rasoulof, der im Vorjahr mit seiner bitteren Anklage „The Seed of the Sacred Fig (Die Saat des Heiligen Feigenbaums)“ ebenfalls in Cannes für Furore sorgte, ist auch Panahis neuer Film eine Abrechnung mit dem korrupten iranischen Regime. Ein Mann und seine schwangere Frau suchen darin eines Nachts nach einem Autounfall Hilfe in einer nahegelegenen Werkstatt. Deren Besitzer glaubt jedoch in dem Mann seinen einstigen Peiniger zu erkennen und entführt ihn. Er kann ihn jedoch nicht zweifelsfrei identifizieren und hadert damit, ob er ihn wirklich exekutieren soll. Mit seinem Cannes-Triumph komplettiert Panahi als erst vierter Filmemacher nach Henri-Georges Clouzot (Frankreich), Michelangelo Antonioni (Italien) und Robert Altman (USA) seine Goldtrophäensammlung bei den drei großen Filmfestivals von Berlin, Cannes und Venedig.

© 2025 MUBI, Nordisk Film, Plaion Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Einer der großen Favoriten auf den Hauptpreis dieses Jahr durfte schließlich den Großen Preis der Jury entgegennehmen: Joachim Triers Rückkehr nach Cannes vier Jahre nach „The Worst Person in the World“ mit dem berührenden norwegischen Familiendrama „Sentimental Value“ war in jedem Fall ein großer Erfolg. Stellan Skarsgård kehrt als alternder Filmregisseur ins Leben seiner beiden entfremdeten Töchter, gespielt von Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas, zurück und bietet ersterer die Hauptrolle in seinem neuen Film an, um sich ihr wieder anzunähern. In einer Nebenrolle als Hollywood-Schauspielerin ist Elle Fanning zu sehen, die auf dem Roten Teppich kräftig die Werbetrommel für Joachim Trier rührte. Wird es wirklich „sein“ Sommer?

© 2025 MUBI, Neue Visionen Filmverleih, ZDF. Alle Rechte vorbehalten.

Den Jurypreis teilen sich unterdessen zwei Werke: zum einen der deutsche Beitrag „In die Sonne schauen (Sound of Falling)“, der zweite Spielfilm von Mascha Schilinksi, der gleich zu Beginn des Festivals viel Lob von Kritikern erfuhr. Vergangenheit und Gegenwart vierer Generationen von Frauenfiguren, die auf dem gleichen Vierseitenhof in der Altmark aufwachsen, kollidieren miteinander. Zum anderen das spanisch-französische Krimidrama „Sirât“ von Oliver Laxe, in dem Sergi López als verzweifelter Vater mit seinem Sohn nach Marokko reist, wo seine Tochter nach einer Rave-Party spurlos verschwunden ist. Einer der Produzenten des Films ist Pedro Almodóvar.

© 2025 MK2 Films, Neon, MUBI, Port au Prince Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Gleich zwei Preise gab es für den brasilianischen Polit-Thriller „O Agente Secreto (The Secret Agent)“ von Autor und Regisseur Kleber Mendonça Filho, der bereits 2019 mit dem brillanten Genremix „Bacurau“ in Cannes den Jurypreis holen durfte. Filho gewinnt diesmal den Regiepreis, während sein Hauptdarsteller Wagner Moura in seiner Rolle als gejagter Technikexperte auf der Flucht nach Recife während der brasilianischen Militärdiktatur den Darstellerpreis erhält.

© 2025 Les Films du Fleuve. Alle Rechte vorbehalten.

Als beste Darstellerin wird unterdessen die Französin Nadia Melliti prämiert. Sie bekommt den Preis für ihre Rolle in Hafsia Herzis Coming-of-Age-Drama „La Petite Dernière (The Little Sister)“ als 17jähriges französisch-algerisches Mädchen, das als Studentin in Paris mit ihrer queeren Identität und ihrer Loyalität zu ihrer Familie hadert. Herzis Film gewann auch die „Queer Palm“. Und zu guter Letzt geht der Award fürs beste Drehbuch einmal mehr an die belgischen Stammgäste Jean-Pierre und Luc Dardenne. Es ist in Cannes eigentlich schon zur Tradition geworden, dass die beiden Brüder stets mit etwas Edlem wieder abreisen. Diesmal ist es ihr Arbeitspapier zu ihrem Sozialdrama „Jeunes Mères (Young Mothers)“, in dem fünf junge Mütter mit ihren kleinen Kindern eine Wohngemeinschaft bilden. Ein Spezialpreis geht an das Science-Fiction-Drama „Resurrection“ des Chinesen Bi Gan, über eine Frau, die in die Traumwelt eines Monsters eindringt.

© 2025 ARP Productions, Detour Filmproduction. Alle Rechte vorbehalten.

Eine eklektische Mischung, die die Jury da ausgewählt hat. Die großen Kaliber, die von Festivaldirektor Thierry Frémaux und Präsidentin Iris Knobloch selektiert wurden, gingen jedenfalls alle leer aus. Dazu zählen Ari Asters polarisierender und verhalten aufgenommener Pandemie-Western „Eddington“ mit Joaquin Phoenix als Kleinstadt-Sheriff im Clinch mit Pedro Pascal als Bürgermeister, Wes Andersons neueste Komödie „The Phoenician Scheme“ mit großer Starbesetzung, Richard Linklaters Godard-Verbeugung „Nouvelle Vague“ über die Entstehung des unvergänglichen Klassikers „À bout de souffle (Breathless)“ (1960) und die neuesten Werke solch gefeierter Filmemacher wie Julia Ducournau („Alpha“), Carla Simón („Romería“), Lynne Ramsay („Die, My Love“ mit Jennifer Lawrence und Robert Pattinson) und Kelly Reichardt („The Mastermind“).  

In der „Un Certain Regard“-Sektion stellten die Schauspielstars Scarlett Johansson („Eleanor the Great“), Kristen Stewart („The Chronology of Water“) und Harris Dickinson („Urchin“) jeweils ihr Regiedebüt vor. Der Hauptpreis ging aber an ein anderes Debüt, nämlich an jenes des Chilenen Diego Céspedes, „The Mysterious Gaze of the Flamingo“ über eine queere Familie in einer abgelegenen Bergbaustadt im Norden Chiles. Frank Dillane wurde für seine Hauptrolle in „Urchin“ der Darstellerpreis zuerkannt.

© 2025 Constantin Film, Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Zu den großen Highlights des abgelaufenen Festivals zählten auch zwei Premieren außer Konkurrenz: nachdem Superstar Tom Cruise am zweiten Abend dem Publikum seinen achten „Mission: Impossible“-Teil „The Final Reckoning“ präsentierte, kehrte Anfang der Woche Kultregisseur Spike Lee an die Croisette zurück, vier Jahre nachdem er sich als Präsident der Wettbewerbsjury einen Fauxpas leistete, und den historischen Triumph von Julia Ducournaus „Titane“ gleich zu Beginn der Preisverleihung verkündete. „No fuck-ups this time“, sagte Lee in Richtung anwesende Journalisten, als er sein Remake des Crime-Thrillers „High and Low“ (1963) der japanischen Legende Akira Kurosawa erstmals der Öffentlichkeit zeigte. Bei dieser Gelegenheit durfte Lee seinem Hauptdarsteller, Denzel Washington, der zuvor noch nie in Cannes war, eine Goldene Palme für sein beeindruckendes Lebenswerk überreichen. Im stylischen Crime-Thriller „Highest 2 Lowest“, ihrer fünften Kollaboration, spielt Washington den einflussreichen Besitzer eines Musiklabels, dessen teure Übernahme durch einen perfiden Kidnapping-Plot durchkreuzt wird. Kinostart ist in den USA Ende August, bevor der Film Anfang September auf „Apple TV+“ zum Stream verfügbar sein wird.

Das war also die 78. Ausgabe des glamourösesten und renommiertesten Filmfestivals der Welt. In den kommenden Wochen und Monaten wird man sicher noch viel von den hier gezeigten Filmen sehen und hören. Ich freue mich jedenfalls auf den einen oder anderen Film, den ich dann zu gegebener Zeit begutachten werde. Das nächste große Highlight im Filmkalender wird dann das dritte große A-Festival in Venedig Ende August bzw. Anfang September sein. Bis dahin: see you at the movies!

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