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Vor inzwischen zehn Jahren bewies ein 69jähriger australischer Visionär seinen jüngeren Kollegen, wie man auch ohne aufwändige Computertricksereien und kompliziertes Worldbuilding einen actiongeladenen Publikumsliebling aus dem Hut zaubert. Eine Huldigung.

Man könnte durchaus sagen, dass der 14. Mai 2015 einen Platz in den Annalen der Filmgeschichte verdient. An diesem Tag nämlich nahm eine stattliche 16 Jahre andauernde Odyssee ihr feierliches Ende in einem Rahmen, der glamouröser nicht sein kann: im „Grand Auditorium Louis Lumière“ in Cannes, bei den jährlichen Filmfestspielen. Außer Konkurrenz, um den anwesenden Gästen und Kritikern einen Abend zum Durchschnaufen zu geben. Moment mal, ein Abend zum Durchschnaufen? Fehlanzeige! Was Ko-Autor und Regisseur George Miller, damals kurz vor seinem 70. Geburtstag, da auf die große Leinwand projizierte, nahm dem Publikum schlicht den Atem weg. Die ersten Reaktionen aus dem Kino heraus waren bereits euphorisch und überschwänglich, dass den bereits sehnsüchtig wartenden Fans noch mehr das Wasser im Mund zusammenlief.

© 2015 Warner Bros. Discovery, Village Roadshow Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Ja, die Weltpremiere von „Mad Max: Fury Road“ ist eines dieser Ereignisse, über dass man Jahre später noch voller nostalgischer Gefühle sprechen kann. Wenige Tage danach kam der Film dann auch gleich weltweit in die Kinos. Dem hohen Budget zwischen 150 und 180 Millionen Dollar standen letztendlich Einnahmen von 380 Millionen gegenüber. Finanzanalysten sprechen von einem bescheidenen Erfolg, den Fans war und ist es seit jeher egal. Das Comeback des postapokalyptischen Helden, der zwischen 1979 und 1985 in drei epischen Actionfilmen vom späteren Superstar Mel Gibson gespielt wurde, ist geglückt. Moment mal, Max Rockatansky war auch im Film? Das dürften sich viele nach dem Kinobesuch gefragt haben. Ja, sein Name steht immerhin im Titel, und Tom Hardys Held wider Willen ist in der ersten und letzten Einstellung des Films zu sehen. Aber jetzt mal ehrlich, was macht er eigentlich in diesem Abenteuer?

Aber wer könnte so kaltschnäuzig, so lässig, so „Bad Ass“ sein, um „Mad Max“ in seinem eigenen Film gnadenlos an die Wand zu spielen? Ein Name: Charlize Theron! Die furchtlose, wandelbare südafrikanische Oscar-Preisträgerin („Monster“ [2003]), die an diesem Punkt in ihrer Karriere längst niemandem mehr beweisen musste, dass sie weitaus mehr kann als nur ungemein hübsch auszusehen, reißt die Show im ersten Akt des Films mühelos an sich und gibt das Steuer in weiterer Folge dann auch buchstäblich nicht mehr her. Mit kahlgeschorenem Kopf, schwarzer Schminke und Armprothese gerade noch durch ihr Gesicht wiederzuerkennen, spielt sie sich mit ihrer Rolle der „Imperator Furiosa“ in die erste Liga weiblicher Filmheldinnen, die „Alien“-Legende Sigourney Weaver, „Terminator 2“-Ikone Linda Hamilton und Videospiel-Amazone Lara Croft stolz macht.

© 2015 Warner Bros. Discovery, Village Roadshow Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Furiosa ist eine einflussreiche Handlangerin des tyrannischen Despoten „Immortan Joe“ (Hugh Keays-Byrne), der mit seinen fünf Frauen (Rosie Huntington-Whiteley, Abbey Lee, Riley Keough, Zoë Kravitz, Courtney Eaton) in der Zitadelle inmitten einer postapokalyptischen Wüstenlandschaft lebt und das ausgehungerte Volk beinhart in der sengenden Sonne verdursten lässt. Irgendwann wird es aber auch Furiosa zu viel, und sie befreit die Frauen aus den Klauen Joes. Währenddessen wird der ziellose Herumtreiber Max gefangengenommen und besonders von Nux (Nicholas Hoult), einem besonders eifrigen Follower Joes, gequält. Als Furiosa und die Bräute mit einem Öltanker fliehen, bildet das den Auftakt zu einer der bildgewaltigsten Verfolgungsjagden der Filmgeschichte, inklusive Menschen, die auf langen Stäben hin- und herschwingen, sich überschlagende Vehikel, ein Sandsturm und sogar einem Musiker mit Flammenwerfer-Gitarre. Bald schließen sich Nux und Max den fliehenden Frauen an und wollen Furiosas Heimat finden, um Joe und seinem Regime zu entfliehen.

Mad Max: Fury Road“ ist ein geradliniger, schnörkelloser und atemberaubend choreografierter Höllenritt von einem Actionfilm. Was Miller mit seinem Team da in der namibischen Wüste eingefangen hat, mit überwiegend praktischen Effekten und spektakulärer Stuntkoordination, ist schlichtweg unfassbar. Wenn man sich über die schwierigen Produktionsbedingungen informiert und weiß, wieviel Rückschläge und Hürden die Filmemacher überwinden mussten, um Millers Herzensprojekt auf die Beine zu stellen, dann kann man nur anerkennend den Hut ziehen. Nur sehr wenige Actionfilme des noch jungen 21. Jahrhunderts zeugen von hohem technischen und ästhetischen Anspruch. „Fury Road“ gehört ohne jeden Zweifel zu diesem elitären Kreis.

© 2015 Warner Bros. Discovery, Village Roadshow Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Nun, dass Tom Hardy in einer möglicherweise karriereweisenden Hauptrolle von seiner weiblichen Leinwandpartnerin Charlize Theron in die Ecke gedrängt wird, kam, wohl leider naturgemäß, nicht überall gut an. „Warum nennt ihr es denn einen ‚Mad Max‘-Film, wenn Max nur als Statist seines eigenen Abenteuers herhält?“, schallte es nicht selten über das Internet. Gönnt man es den Frauen in dieser Diegese nicht, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und das Klischee der Opferrolle, von dem zufällig gerade anwesenden Sonderling gerettet werden zu müssen, abzuwehren? Es spricht jedenfalls für unsere gegenwärtigen umstrittenen ideologischen Grabenkämpfe, dass man daraus überhaupt ein Thema machen kann. Anstatt Therons Furiosa als feministische Gallionsfigur zu feiern, die sich gegen ihren repressiven Aggressor auflehnt. Davon sollte man sich bei der Lesart von „Fury Road“ nicht blenden lassen.

Neben dem finanziellen Erfolg erwies sich der Film aber auch während der Award-Saison als großer Anwärter. Bei zehn Nominierungen, darunter für den besten Film und George Millers Regie gewann das Team ganze sechs Oscars – zwei für den Ton, je einer für Filmschnitt, Ausstattung, Kostüme und Make-Up. Der Kultstatus von Therons Figur war so groß, dass Miller ihr neun Jahre später ihre eigene Vorgeschichte gab. „Furiosa: A Mad Max Saga“ mit Anya Taylor-Joy in der Titelrolle und Chris Hemsworth als sadistischer Widersacher konnte jedoch nicht an den kritischen und kommerziellen Erfolg von „Fury Road“ anknüpfen.

Wer diesen abgefahrenen Adrenalintrip übrigens in einer ganz besonders eindrücklichen Fassung sehen will, dem empfehle ich die „Black & Chrome Edition“. In klassischem Schwarz-Weiß haut der Film noch einmal eine Schippe härter rein. „Oh what a day! What a lovely day!“

Trailer:

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