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Jedes Jahr Mitte Mai wird eine kleine Hafenstadt in Südostfrankreich zum frühsommerlichen Mekka der Filmindustrie. So auch 2025. Große Filme, glamouröse Auftritte, gut aufgelegte Superstars – und der Kampf um die Goldene Palme.

Präsidentin Iris Knobloch und der künstlerische Direktor des Festivals, Thierry Frémaux, haben einmal mehr weder Kosten noch Mühen gescheut, ein hochkarätiges Line-Up für die 78. Ausgabe des bedeutendsten Filmfestivals der Welt auf die Beine zu stellen. Fast 3000 Filme haben sich die Organisatoren im Vorfeld angesehen, 22 Werke sind in den Offiziellen Wettbewerb eingeladen worden.

© 2025 Monica Schipper / Getty Images. Alle Rechte vorbehalten.

Über die Preisträger entscheidet die Wettbewerbsjury, die in diesem Jahr unter dem Vorsitz der französischen Schauspielerin Juliette Binoche steht. Die amtierende Präsidentin der Europäischen Filmakademie ist seit 40 Jahren eine beständige Größe der französischen und internationalen Filmindustrie und krönte ihre Karriere mit dem Gewinn des Oscars als beste Nebendarstellerin in Anthony Minghellas Weltkriegsepos „The English Patient“ (1996). Ihr zur Seite steht eine namhafte Riege internationaler Filmschaffender. Halle Berry, 2001 erste schwarze Oscar-Preisträgerin als beste Hauptdarstellerin in „Monster’s Ball“; der gerade erst als Winkeladvokat und Trump-Mentor in „The Apprentice“ nominierte Jeremy Strong; die indische Regisseurin Payal Kapadia, letztes Jahr für „All We Imagine as Light“ im Cannes-Wettbewerb mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet: sowie der vielbeschäftigte südkoreanische Autorenfilmer Hong Sang-soo, der gerade erst zum wiederholten Male im Berlinale-Wettbewerb vertreten war, gehören zu Binoches Jurykollegen. Komplettiert wird das neunköpfige Gremium durch die Schauspielerin Alba Rohrwacher (Italien), der Autorin Leïla Slimani (Marokko, Frankreich) sowie den beiden Filmemachern Carlos Reygadas (Mexiko) und Dieudo Hamadi (Kongo).

© 2025 Les Films du Fleuve. Alle Rechte vorbehalten.

Die großen Highlights, auf die sich dieser erlauchte Kreis freuen darf, haben es jedenfalls in sich: die belgischen Stammgäste Jean-Pierre und Luc Dardenne kehren mit ihrem Drama „Jeunes mères (The Young Mother’s Home)“ zurück, in denen fünf junge Mütter und ihre Kinder eine Wohngemeinschaft bilden. Nach zwei Goldenen Palmen, einem Grand Prix, einem Sonderpreis 2022 sowie jeweils einem Regie- und Drehbuchpreis hoffen die Brüder auf eine Erweiterung ihrer bereits beachtlichen Trophäensammlung.

© 2025 MUBI, Nordisk Film, Plaion Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Aus Norwegen macht sich Joachim Trier auf den Weg an die Riviera, um sein neuestes Werk „Sentimental Value“ zu präsentieren, vier Jahre nach dem großen Erfolg von „The Worst Person in the World“ (Oscar-Nominierungen für den internationalen Film und fürs Drehbuch), der ebenfalls im Wettbewerb uraufgeführt wurde und Renate Reinsve den Darstellerpreis einbrachte. Sie spielt auch hier die Hauptfigur der Nora, die mit der plötzlichen Rückkehr ihres lange abwesenden Vaters Gustav (Stellan Skarsgård) konfrontiert wird, die sie und ihre Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) vor große Probleme stellt, als Gustav ein neues Filmprojekt inszenieren will.

© 2025 ARP Productions, Detour Filmproduction. Alle Rechte vorbehalten.

Drei Monate, nachdem er mit seiner elegischen Tragikomödie „Blue Moon“ das Berlinale-Publikum, darunter auch mich, begeistert hat, bringt der amerikanische Indie-Liebling Richard Linklater bereits sein nächstes Projekt nach Cannes. Es gäbe ja auch keinen passenderen Anlass, um „Nouvelle Vague“ erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren. Komplett auf Französisch gedreht, zollt Linklater Jean-Luc Godard angemessen Tribut, indem er die Entstehungsgeschichte seines stilbildenden und revolutionären Krimidramas „À bout de souffle (Breathless)“ (1960) dramatisiert. Als Jean Seberg ist Zoey Deutch zu sehen, einzige Amerikanerin in einem ansonsten rein französischen Cast.

© 2025 Focus Features, Universal Pictures International. Alle Rechte vorbehalten.

Ein anderer amerikanischer Autorenfilmer, dessen neues Werk bereits mit großer Vorfreude antizipiert wird, ist Wes Anderson. Auch „The Phoenician Scheme“ hat wieder all die Merkmale, die den Exzentriker extraordinaire auszeichnen: symmetrische Bildkompositionen, lakonischer Humor, lässige Einzeiler, und ein fantasievolles Produktionsdesign. Von einer großen, handverlesenen Riege namhafter Stars ganz zu schweigen: angeführt wird das Ensemble diesmal von Oscar-Preisträger Benicio del Toro und Kate Winslets talentierter Tochter Mia Threapleton.

© 2025 Focus Features, Universal Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Vor mittlerweile drei Jahren verfilmte der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus den zeitlos tragischen Akira Kurosawa-Klassiker „Ikiru“ (1952) unter dem Titel „Living“ neu. Nach Drehbuch des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro und mit einem famosen Bill Nighy in der Hauptrolle. Jetzt kommt Hermaus mit „The History of Sound“ nach Cannes und bringt seine beiden Hauptdarsteller Paul Mescal und Josh O’Connor mit, die in New England kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs die volkstümlichen Lieder der Gegend aufnehmen und für künftige Generationen erhalten wollen. Verspricht eine ergreifende Liebesgeschichte zu werden.

© 2025 A24, Square Peg. Alle Rechte vorbehalten.

Nur fünf Jahre nach der globalen COVID19-Pandemie und ihren immer noch nicht gänzlich aufgearbeiteten Langzeitfolgen wagt sich Horrorspezialist Ari Aster mit „Eddington“ an ein etwas anderes Genrewerk, das die eskalierende Situation in einer Kleinstadt in New Mexico während des ersten Lockdowns dramatisiert. Joaquin Phoenix spielt den Sheriff, Emma Stone seine Frau und Pedro Pascal den um seine Wiederwahl bangenden Bürgermeister. Was wird Aster wohl aus seinem Western-Setting mit Pandemie-Twist herausholen?

Aus dem deutschsprachigen Raum gibt es auch einen Wettbewerbsbeitrag: Mascha Schilinskis Drama „In die Sonne schauen“. Vier Mädchen in vier verschiedenen Epochen verbringen ihre Jugend auf demselben Vierseitenhof in der Altmark. Schilinksi zeigt, wie Vergangenheit und Zukunft miteinander kollidieren.

© 2025 Sony Pictures Classics, TriStar Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Auch in den Nebenschienen haben es einige hochkarätige Produktionen ins Aufgebot von Cannes geschafft. In der „Un Certain Regard“-Schiene etwa feiert Schauspielerin Kristen Stewart ihr Regiedebüt mit „The Chronology of Water“, einer Biografie von Lidia Yuknavitch (Imogen Poots), die sowohl als Autorin als auch als begnadete Schwimmerin hervorsticht und ihre Leidenschaft als Lehrerin weitergibt. Ihr Kollege Harris Dickinson tut es Stewart in der gleichen Sparte nach und legt seinen Erstling „Urchin“ vor, in dem ein Herumtreiber Probleme hat, sich zu reintegrieren. Und dann ist da noch Superstar Scarlett Johansson, die ebenfalls erstmals Regie führt, und zwar bei „Eleanor the Great“. Die bereits 95jährige June Squibb darf hier die Hauptrolle einer 90jährigen Frau aus Florida spielen, die sich in New York mit einem 19jährigen Studenten anfreundet.

Christian Petzold stellt seinen neuesten Film dieses Mal nicht wie gewohnt in Berlin vor, sondern in der „Director’s Fortnight“-Sparte in Cannes. In „Mirrors No. 3“ spielt einmal mehr Paula Beer die Hauptrolle. Sie gerät als Laura während eines Wochenendausflugs in einen Autounfall und wird danach von einer Einheimischen aufgenommen, trotz der Bedenken von ihrer Familie. Ebenfalls in dieser Schiene vertreten ist der israelische Filmemacher Nadav Lapid mit „Yes!“ über die schwierigen Zeiten in seinem Heimatland seit Beginn des Krieges.

© 2025 Constantin Film, Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Außer Konkurrenz laufen in Cannes zwei besonders herbeigesehnte Premieren: Tom Cruise kehrt – drei Jahre nach seinem triumphalen Auftritt mit „Top Gun: Maverick“ – an die Croisette zurück und stellt den achten und womöglich wirklich letzten Teil seines langlebigen Agenten-Franchises, „Mission: Impossible – The Final Reckoning“, erstmals dem europäischen Publikum vor. Für knapp drei Stunden adrenalinhaltige Unterhaltung ist garantiert. Und zu guter Letzt hat sich noch Spike Lee angekündigt, der zur Weltpremiere seines neuesten Films „Highest 2 Lowest“ lädt, sein Remake des japanischen Crime-Thrillers „High and Low“ (1963) von Akira Kurosawa. Denzel Washington spielt den vermögenden Chef eines Musiklabels, dessen Leben und Karriere durch eine Entführung völlig aus der Bahn gerät.

© 2025 Valery Hache / AFP. Alle Rechte vorbehalten.

Die Gewinner der Preise, inklusive der „Palme d’Or“, werden am Abend des 24. Mai bekanntgegeben. Der Ehrenpreis des diesjährigen Festivals wird bei der Eröffnungszeremonie am 13. Mai an die amerikanische Schauspiellegende Robert de Niro vergeben, dessen unvergesslicher „Taxi Driver“ von Martin Scorsese 1976 den Hauptpreis gewann. De Niro war 2011 selbst Jurypräsident und kehrte zuletzt 2023, wieder mit Scorsese sowie Leonardo DiCaprio, mit „Killers of the Flower Moon“ nach Cannes zurück. DiCaprio wird die Laudatio auf De Niro halten – geübt ist er darin immerhin schon.

Ich selbst bin nicht in Cannes vor Ort, werde aber das Geschehen während des Festivals im Auge behalten und in den kommenden Wochen und Monaten hoffentlich den einen oder anderen Festivalfavoriten begutachten können. Film ab in Cannes!

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