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Anlässlich der bevorstehenden 75. Berlinale: Phänomenales Filmmosaik in der Tradition Robert Altmans über mehrere glücklose Menschen im kalifornischen San Fernando Valley. Paul Thomas Anderson lässt ein handverlesenes Star-Ensemble aufeinander los.

Wer einen Blick auf die Wettbewerbsbeiträge des Filmfestivals von Berlin im Millenniumsjahr wirft, dürfte sich verwundert die Augen reiben: die Liste ist nämlich nur so gespickt von hochkarätigen Filmen, darunter gleich sieben Hollywood-Produktionen mit geballter Star-Power: Oliver Stone mit seinem schwindelerregend gefilmten Sportdrama „Any Given Sunday“ mit Al Pacino, Cameron Diaz und Jamie Foxx. Danny Boyles Aussteiger-Drama „The Beach“, in dem es Leonardo DiCaprio in eine abgelegene thailändische Inselkommune, angeführt von Tilda Swinton, verschlägt. Denzel Washington als zu Unrecht für einen Mord verurteilter Boxer Rubin „Hurricane“ Carter in Norman Jewisons ergreifendem Portrait. Wim Wenders lässt Mel Gibson, Milla Jovovich und Peter Stormare ins „Million Dollar Hotel“ einchecken. Milos Formans Biografie „Man on the Moon“ mit einer umstrittenen Performance Jim Carreys als exzentrischer Enfant Terrible der Comedy-Szene, Andy Kaufman. Und in Anthony Minghellas Patricia Highsmith-Verfilmung „The Talented Mr. Ripley” wird Matt Damon zum titelgebenden Hochstapler, der das Leben von Jude Law und Gwyneth Paltrow gehörig aus den Fugen bringt. Ein Brett von einem Festival, das der damalige Direktor Moritz de Hadeln da aufgefahren hat.

© 1999 Kinowelt Filmverleih, New Line Cinema. Alle Rechte vorbehalten.

Der Film, der nach Ansicht der Jury unter Vorsitz der chinesischen Schauspielerin Gong Li aber am meisten herausgestochen hat – keine leichte Aufgabe bei der Konkurrenz – ist ein dreistündiges Ensembledrama, das im kalifornischen San Fernando Valley angesiedelt und mit einer großen Darstellerriege besetzt ist, darunter drei Oscar-Preisträger und fünf Nominierte. Es ist einer der seltenen Filme, in denen Superstar Tom Cruise nicht im Mittelpunkt steht und mit seiner Strahlkraft seine Kollegen in den Schatten stellen darf, wenngleich er natürlich trotzdem, eben weil er damals wie heute der Hollywood-Star schlechthin war bzw. ist, am meisten heraussticht. Das bezeugt auch die Tatsache, dass Cruise für seine Nebenrolle den „Golden Globe“ gewann und für zahlreiche andere Preise, darunter auch einen Oscar, nominiert wurde. Ebenfalls für den Goldjungen vorgeschlagen wurden Andersons Drehbuch und Aimee Manns Song „Save Me“. Manns Musik diente Anderson als Inspiration beim Drehbuchschreiben, und er schrieb seinen Darstellern die Rollen auf den Leib.

Da ist der todkranke Fernsehproduzent Earl Partridge (Jason Robards), der von seinem verständnisvollen und sensiblen Krankenpfleger Phil (Philip Seymour Hoffman) gepflegt wird, während Earls sehr viel jüngere Ehefrau Linda (Julianne Moore) mit schweren Gewissensbissen zu kämpfen hat, weil sie Earl betrogen hat. Earl wiederum wünscht sich nichts sehnlicheres, als sich vor seinem Tod mit seinem entfremdeten Sohn Frank (Tom Cruise) auszusöhnen, der seinen Vater aus tiefster Seele hasst, seit er ihn mit Franks schwerkranker Mutter im Stich gelassen hat, als Frank noch ein Kind war. Phil versucht daraufhin, ein Wiedersehen zu arrangieren. Frank gibt sexistische und energetische Seminare unter dem Titel „Seduce and Destroy“ („Verführe und zerstöre“), in denen er Männern Ratschläge gibt, wie man am besten Frauen aufreißen kann. Der Moderator von einer von Earls erfolgreichen Fernsehsendungen, der Quizshow „What Do Kids Know?“, Jimmy Gator (Philip Baker Hall), ist ebenfalls todkrank und will sich mit seiner problembehafteten Tochter Claudia (Melora Walters) versöhnen, die ihrem Vater aber schwere Vorwürfe macht, die aus ihrer Kindheit rühren. Der feinfühlige, aber schusselige Polizist Jim (John C. Reilly) verliebt sich in Claudia, als er wegen Lärmbelästigung zu ihrer Wohnung gerufen wird. Wenig später verliert er seine Dienstpistole. Das neueste Wunderkind aus Jimmys Show, Stanley (Jeremy Blackman), kommt mit dem Druck, den besonders sein ignoranter und unachtsamer Vater Rick (Michael Bowen) auf ihn ausübt, nicht zurecht. Donnie (William H. Macy), der vor Jahrzehnten selbst als erfolgreicher junger Showteilnehmer für Furore sorgte, steckt inzwischen in großen finanziellen Schwierigkeiten und plant, seinen ehemaligen Dienstgeber auszurauben, um eine Zahnspangenoperation bezahlen zu können.

© 1999 Kinowelt Filmverleih, New Line Cinema. Alle Rechte vorbehalten.

Kleine Geschichten, mal traurig, mal komisch – besonders Reillys Cop hat ein paar witzige Momente – miteinander zu verknüpfen, ist eine dramaturgisch herausfordernde Kunst, aber in den Händen eines fähigen Geschichtenerzählers kann sich daraus ein episches Mosaik entwickeln. Womit sich der amerikanische Auteur Robert Altman („Nashville“ [1975], „Short Cuts“ [1993], „Gosford Park“ [2001]) über knapp fünfzig Jahre ein filmisches Gesamtwerk erschuf, beherrscht auch Anderson mit diesem Film hervorragend. Mit 188 Minuten ist „Magnolia“ zwar ausgesprochen lang, aber nicht eine Minute langweilig. Immer wieder schneiden Anderson und sein Editor Dylan Tichenor rasant zwischen den einzelnen Protagonisten hin und her, lassen die verschiedenen Handlungsstränge zuspitzen, und schenken dem Publikum dann eine der unvergesslichsten und ergreifendsten Musiksequenzen der Filmgeschichte, wenn die Handlung unvorbereitet unterbrochen wird, damit die Figuren, oder eigentlich eher die Schauspieler, zu Aimee Manns Ballade „Wise Up“ singen. Und dann kulminiert das ganze Chaos in einer – schockierenden biblischen Allegorie…

Anderson bevölkert seinen Film mit sympathischen, herrlich imperfekten Figuren, die allesamt optimal besetzt sind. Neben einem entfesselten Cruise in einer seiner absolut besten Rollen brillieren hier besonders Julianne Moore, die eine gewohnt intensive und tränenreiche Performance abliefert, aber auch Philip Seymour Hoffman, während William H. Macy und John C. Reilly eine wohlige Dosis Humor mitbringen.

Wenn sogar die schwedische Legende Ingmar Bergman „Magnolia“ als Beweis für die Stärke des amerikanischen Kinos ansieht und Roger Ebert den Film in seinen erlauchten Kreis der „Great Movies“ inkludiert, dann weiß man, dass man hier ein Meisterwerk vorliegen hat, das man zumindest einmal gesehen haben sollte, wobei einmal allein wahrscheinlich gar nicht ausreicht, um das Drama in seiner ganzen Breite schätzen zu können. „Magnolia“ ist eine dreistündige Masterclass eines rebellischen Auteurs in Hochform.

Trailer:

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