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Anlässlich der bevorstehenden 75. Berlinale: Was für ein abgefahrener, 140minütiger Ausflug ins Berliner Nachtleben. Einer der außergewöhnlichsten, und auch besten, deutschen Filme, die je gedreht wurden.

Wenn man heutzutage über den Zustand des deutschen Films diskutiert, dann kommt man nicht umhin, vielerorts fast nur noch Unkenrufe zu vernehmen. Auf der einen Seite sind da Filme von renommierten Regisseuren wie ein Christian Petzold, der zuletzt mit „Roter Himmel“ (2023) für Furore gesorgt hat, bzw. Filme von Autorenfilmern wie Matthias Glasner („Sterben“, 2024) oder Tom Tykwer, Andreas Dresen, Edgar Reitz und Wim Wenders mit persönlicher Note und hohem künstlerischen Anspruch. Auf der anderen Seite gibt es dann aber natürlich auch die auf die breite Masse ausgerichteten Publikumsfilme eines Bora Dagtekin, Matthias Schweighöfer, „Bully“ Herbig und, ja, Til Schweiger. Kritiker lassen höchst selten ein gutes Haar an deren Werken: zu einfältig der Humor, zu austauschbar die Charaktere und Handlungen, zu flach, zu infantil, zu belanglos. Ja, der deutsche Film hat, wie auch jede andere internationale Filmindustrie seine Höhen und Tiefen, Licht und Schatten und nicht selten ein Identitätsproblem. Will es künstlerisch anspruchsvoll sein oder soll es ein möglichst breites Publikum erreichen? Wobei, und mit dieser Frage stehe ich sicher nicht allein da, wäre es zu verwegen, nach beidem zu streben?

© 2015 Senator Film. Alle Rechte vorbehalten.

Der deutsche Film, der dies in letzter Zeit meiner Meinung nach am besten bewerkstelligt hat, ist ohne jeden Zweifel der famos inszenierte und gespielte Actionthriller „Victoria“ von Sebastian Schipper. Ein Film, wie es ihn so wahrlich noch nicht gegeben hat. Eine einzige, 140minütige Plansequenz. Größtenteils improvisierte Dialoge auf Basis eines nur 12seitigen Drehbuchs mit detailliertem Handlungsablauf. Sympathische Jungschauspieler, die sich auf einen atmosphärisch dichten und atemberaubend durchkomponierten Höllentrip durch das Berliner Nachtleben begeben. Der gesamte Film entstand in den frühen Morgenstunden des 27. April 2014 von 4:30 Uhr bis 7:00 Uhr, gedreht wurde in Berlin-Kreuzberg und Berlin-Mitte.

In einer Berliner Diskothek macht die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) die Bekanntschaft mit vier jungen Männern: Sonne (Frederick Lau), dem sie im Laufe der Nacht näher kommen wird, Blinker (Burak Yiğit), Fuß (Max Mauff) und Boxer (Franz Rogowski). Gemeinsam ziehen sie weiter durch die Stadt. Später begleitet Sonne Victoria zu ihrem Arbeitsplatz, einem Café, das um 7 Uhr öffnet, und lernt sie besser kennen. Ihr harmonisches Zusammensein wird durch die anderen Jungs unterbrochen, die zu einem Überfall aufbrechen und, weil Fuß zu betrunken ist, obendrein noch einen Fluchtwagenfahrer brauchen, weswegen sie Victoria mitnehmen. Doch es läuft alles aus dem Ruder.

© 2015 Senator Film. Alle Rechte vorbehalten.

Man kann Kameramann Sturla Brandt Grøvlen für seine außergewöhnliche Bildregie nicht angemessen genug loben, und die Wettbewerbsjury der 65. Berlinale unter Vorsitz von Darren Aronofsky verlieh ihm immerhin einen Preis für eine herausragende künstlerische Leistung. Die Kamera bleibt immer nah an den Protagonisten dran, sie ist faktisch eine eigene Figur im Film, die den Zuschauer repräsentiert, der sich inmitten einer chaotischen und frenetischen Partynacht wiederfindet. Aber der Film ist nicht einfach nur ein hektisches Action-Spektakel ohne Schnitt und doppelten Boden. Schipper und Crew lassen viel Raum für atmosphärische und ruhige Momente, die inmitten der spannenden Handlung eindrückliche Charaktermomente einfangen und kurze Verschnaufpausen ermöglichen.

Selten, wenn überhaupt hat man die Millionenmetropole Berlin in solch rohen, unverfälschten und einnehmenden Bildern gesehen. Hätte der Film auch mit Schnitten funktioniert? Absolut, keine Frage. So aber entkommt hier nichts, keine Nuance, kein Fehler bleibt hier unentdeckt, weshalb die schauspielerischen Leistungen hier absolut top sind, besonders von den beiden Hauptakteuren, Laia Costa und Frederick Lau, die auch eine spürbare Chemie zueinander aufbauen. Wie es Sebastian Schipper und Konsorten gelingt, solch einen filmischen Kraftakt in einem einzigen Take festzuhalten, und es dabei auch noch so geschmeidig durchzuziehen, ist wahrlich eine künstlerische Meisterleistung. Sechs deutsche Filmpreise – für Film, Regie, Kamera, Musik und die beiden Hauptdarsteller – sowie Nominierungen für drei europäische Filmpreise sind der verdiente Lohn. Schade, dass „Victoria“ es wegen der zum großen Teil englischen Dialoge nicht zu den Oscars geschafft hat.

Ein packendes Filmjuwel, von dem bis heute viel zu wenige gehört haben. Knapp zweieinhalb Stunden, die einen von Anfang an packen und bis zum Showdown nicht mehr loslassen. Solche Filme braucht das internationale Kino jetzt mehr denn je!

Trailer:

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