Am Vorabend des bevorstehenden Jahreswechsels wage ich einen Blick zurück auf 365 bewegte Tage voller Höhen, Tiefen, Triumphen, und noch ein paar anderen Gedanken zum Jahr 2024
Die Vorzeichen für das Jahr 2024 standen anfangs nicht sonderlich gut: nachdem im vergangenen Jahr erst die Mitglieder der Drehbuchautoren- und kurz darauf auch die der Schauspielergewerkschaft über Monate hinweg die Arbeit niederlegten, um für bessere Konditionen in ihren Tarifverträgen und besseren Schutz vor den Auswirkungen Künstlicher Intelligenz im Kulturbereich zu streiken, mussten viele Produktionen, die eigentlich für dieses Jahr vorgesehen waren, verschoben werden. Filme, die ursprünglich bereits 2023 anlaufen sollten, kamen dafür dieses Jahr in die Kinos: mal war es die Wartezeit wert, mal weniger. Trotz der wenig rosigen Aussichten hat sich dieses Jahr aber eigentlich im Endeffekt ganz gut geschlagen. Blockbuster gab es, besonders im Animationsbereich mit „Inside Out 2“ und „Moana 2“ von Disney sowie „Despicable Me 4“ von Universal und Illumination.

Marvel Studios‘ einziges Eisen im Feuer 2024 nach dem schwer enttäuschenden Jahr davor, „Deadpool & Wolverine“, brach alle Rekorde für einen Film mit hoher Altersbegrenzung – in den USA startete er, als erster Film, der direkt von Disney vertrieben wurde, mit einem R-Rating, das Äquivalent zur FSK16-Freigabe in Deutschland sowie die JMK-Freigabe „Ab 16“ in Österreich. Dass das einst so verlässliche Superhelden-Genre aber sonst längst in einer handfesten Krise angekommen ist und Zuschauer immer seltener ins Kino gehen, um eine neue Comicbuch-Adaption zu sehen, ist auch dieses Jahr nicht mehr zu leugnen. Das hinderte aber wiederum Sony Pictures nicht daran, gleich drei neue Filme mit Figuren aus den „Spider-Man“-Comics herauszubringen. Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft selbst tritt in keinem der Werke auf, er kehrt erst 2026 mit seinem vierten Solo-Abenteuer in Disneys Marvel-Universum zurück. „Madame Web“, „Venom: The Last Dance“ und jüngst „Kraven the Hunter” blieben allesamt weit hinter den ohnehin schon gedämpften Erwartungen zurück. Ein Hoffnungsschimmer: Sony hat nach dem katastrophalen Start von „Kraven“ durchklingen lassen, sein „Spider-Man“-Universum endgültig einzustellen. Besser spät als nie…
Apropos MCU: nachdem Jonathan Majors, der eigentlich den neuen Oberbösewicht „Kang the Conqueror“ in den kommenden „Avengers“-Filmen spielen sollte, wegen gewalttätiger Übergriffe auf seine Ex-Freundin verurteilt und von Disney und Marvel entlassen wurde, disponierten beide Studios daraufhin ihre Pläne grundlegend um: die beiden nächsten Ensemblefilme 2026 und 2027 werden von dem legendärsten aller Marvel-Schurken geprägt: Dr. Doom. Und diese Rolle übernimmt niemand Geringeres als der frisch gebackene Oscar-Preisträger Robert Downey Jr., der das gewaltige Universum mit seiner Rolle als Superheld und Alpha-Avenger „Iron Man“ überhaupt erst aus der Taufe hob. Im Mai 2026 wird der fünfte Teil, „Avengers: Doomsday“ in den Kinos erwartet, seinen Einstand könnte Downey aber bereits während des Abspanns des kommenden Blockbusters „The Fantastic Four: First Steps“ Ende Juli 2025 geben.

Auch im Arthouse-Sektor hat sich dieses Jahr wieder einiges getan: im Februar ging die 74. Berlinale, die letzte unter der Doppelspitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek über die Bühne, mit einigen störenden Nebengeräuschen politischer Natur. Jurypräsidentin Lupita N’Yongo und ihre Kolleginnen und Kollegen zeichneten die Dokumentation „Dahomey“ von Mati Diop mit dem Goldenen Bären aus, späte Gerechtigkeit für das ehemalige afrikanische Königreich (heute die Republik Benin), dem 26 während der Kolonialzeit gestohlene Schätze von Frankreich zurückgegeben wurden. Mit dem Darstellerpreis wurde Sebastian Stan für seine Rolle in Aaron Schimbergs kafkaesker schwarzer Komödie „A Different Man“ ausgezeichnet. Der Ehrenbär ging unterdessen an Martin Scorsese. Drei Monate später durfte Greta Gerwig über die Palmenvergabe in Cannes präsidieren, und die Wahl der von ihr geleiteten Jury fiel auf eine amerikanische Independent-Produktion: Sean Bakers laute, exzessive und berührende Tragikomödie „Anora“ über eine New Yorker Stripperin, deren Ehe mit einem verzogenen Oligarchensprössling unter keinem guten Stern steht. Den Großen Preis der Jury erhielt der erste indische Beitrag in Cannes seit 30 Jahren, Payal Kapadias Melodram „All We Imagine as Light“, weitere Preise gingen u.a. an Jacques Audiards fulminantem Musical „Emilia Pérez“. Und in Venedig Anfang September war es Isabelle Huppert, die die Wettbewerbsjury anführte, um die Löwen zu verteilen: die spanische Regielegende Pedro Almodóvar gewann den Preis in Gold für sein Euthanasie-Drama „The Room Next Door“ mit Tilda Swinton, Julianne Moore und John Turturro in bestechender Form. Auszeichnungen gab es auch für Brady Corbets Inszenierung seines Epos „The Brutalist“, Nicole Kidmans mutiger Rolle im Erotikthriller „Babygirl“ sowie dem Drehbuch von Walter Salles‘ aufwühlendem brasilianischen Politkrimi „I’m Still Here“ nach wahrer Geschichte.

Aber es gab auch große Enttäuschungen bei den großen A-Festivals 2024 zu vermelden. Das groß angekündigte und medial herbeigesehnte Comeback der „New Hollywood“-Legende Francis Ford Coppola, sein aufwendiges und bildgewaltiges Science-Fiction-Drama „Megalopolis“, entpuppte sich als überladen, konfus und weit hinter den Erwartungen an Coppola zurückbleibend. Auch Paul Schrader („Oh Canada“) und David Cronenberg („The Shrouds“) konnten mit ihren neuen Filmen nicht begeistern. In Venedig wiederum wollten Warner Bros. und Regisseur Todd Phillips mit „Joker: Folie à Deux“ ihren durchschlagenden Erfolg von 2019 wiederholen, als die düstere Charakterstudie „Joker“, lose inspiriert von „Batmans“ Erzfeind, den Goldenen Löwen und später zwei Oscars gewann. Die Rückkehr des preisgekrönten Joaquin Phoenix, diesmal mit Superstar Lady Gaga an seiner Seite in einem Musical-Setting, geriet jedoch zum Megaflop, der nur ein Fünftel des Milliardengewinns des Vorgängers erwirtschaften konnte – bei vierfachem Budget.
Meine zehn besten Kinobesuche des Jahres 2024
Lobende Erwähnungen:
„Sasquatch Sunset“ von David und Nathan Zellner: 90 außergewöhnliche Minuten mit vier mannsgroßen Bigfoots
„A Real Pain” von Jesse Eisenberg: zwei entfremdete Cousins auf Holocaust-Tour in Polen mit einem entfesselten Kieran Culkin
Platz 10: „Gladiator II“ von Ridley Scott

Ich bin ein großer Fan des ersten Teils aus dem Jahr 2000 und war dementsprechend skeptisch, ob es überhaupt Sinn macht, noch einmal in die Welt der Gladiatorenkämpfe im römischen Kolosseum zurückzukehren, doch die verspätete Fortsetzung hat mich angenehm überrascht, weil sie die Geschichte gut weitererzählt hat. Paul Mescal und Denzel Washington haben gut abgeliefert, und das Wiedersehen mit Connie Nielsen war auch sehr bewegend. Unterhaltsam, aber kein so großer Wurf wie der Vorgänger.
Platz 9: „American Fiction“ von Cord Jefferson

Eine bissige Satire auf die gegenwärtige Kulturindustrie und seiner Stereotypen und Vorurteile, besonders hinsichtlich der afroamerikanischen Kultur. Getragen von zu Recht Oscar-nominierten Leistungen von Jeffrey Wright und Sterling K. Brown, ist der mit dem Preis für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnete Film mal urkomisch, mal sehr bewegend, aber keine Minute langweilig.
Platz 8: „Anora“ von Sean Baker

Eine berührende Geschichte mit einer famosen Hauptdarstellerin, die sich aber besonders in der Mitte etwas zu sehr in die Länge zieht und mit übertriebener Theatralik aufgeladen ist. Alles in allem habe ich mich aber 139 Minuten von Bakers Tragikomödie gut unterhalten gefühlt.
Platz 7: „Emilia Pérez“ von Jacques Audiard

Eine Mischung aus Musical, Gangsterkrimi und Familiendrama mit einer Geschlechtsumwandlung als entscheidendem Plot Point? Kann nicht funktionieren… oder etwa doch? Ja, tut es! Und wie. Und mit drei stimm- und tanzgewaltigen Protagonistinnen (Zoe Saldana, Karla Sofía Gascón und Selena Gomez) sowie schmissigen, ins Ohr gehenden Songs (allen voran „Mi Camino“), ein außergewöhnliches Erlebnis.
Platz 6: „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ von Mohammad Rasoulof

Erst Rasoulofs Flucht ins Exil, dann die bewegende Weltpremiere in Cannes und schließlich sein Auftritt bei der Viennale: dieser Film ist schon allein aufgrund seiner Begleitumstände ein Ereignis 2024. Und in knapp drei Stunden erzählt er eine packende, erschütternde und nervenaufreibende Geschichte über das repressive iranische Regime, das die Familie eines Investigativrichters auseinanderreißt. Starker Tobak!
Platz 5: „I’m Still Here“ von Walter Salles

Ähnlich wie Rasoulof verhält es sich mit dem neuen Werk von Walter Salles. Hier mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Die Geschichte der Familie Paiva aus Rio, besonders der leidgeprüften Mutter Eunice (eine großartige Fernanda Torres), ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, späte Gerechtigkeit hin oder her. Ein bewegendes Denkmal für Rubens Paiva und all diejenigen, die während der brasilianischen Militärdiktatur entführt und ermordet wurden.
Platz 4: „Conclave“ von Edward Berger

Man muss kein sonderlich religiöser Mensch sein, um an diesem klug konstruierten Thriller rund um eine Papstwahl seine Freude zu haben. Von Anfang an, als der alte Papst stirbt und Ralph Fiennes als Kardinalsdekan die Wahl des neuen Pontifex leiten soll, herrscht hier eine Hochspannung, die mit jedem Wahlgang zunimmt. Und mittendrin ein Fiennes in Bestform. Wir sehen uns in der Oscarnacht, Ralph…
Platz 3: „The Brutalist“ von Brady Corbet

Ebenfalls sicher im Rennen um die Goldjungen ist dieses Brett von einem Film. Auf horizontalem 35mm Vistavision gedreht mit einer Laufzeit von 215 Minuten – 15 Minuten Intermission inkludiert – erzählt das erst 36jährige Regietalent Corbet von 30 Jahren eines ungarisch-jüdischen Immigranten aus dem vom Holocaust gezeichneten Europa, der seine ganz eigene Version des amerikanischen Traums lebt. Als titelgebender Architekt brilliert Adrien Brody, neben ihm glänzt vor allem auch Guy Pearce. Opulente Bilder, ein majestätischer Soundtrack – dass solch episches Kino mit 10 Millionen Dollar anno 2024 noch möglich ist…
Platz 2: „The Zone of Interest” von Jonathan Glazer

Auf kaum einen Film hatte ich mich in der vergangenen Award-Saison mehr gefreut als diesen. Und als ich ihn knapp zwei Wochen vor der Oscar-Verleihung dann endlich sah, hinterließ er in der Tat einen nachhaltigen Eindruck bei mir, wie es kaum ein Film mehr zu tun vermag. Die Bilder sprechen eine idyllische, ja wohlfühlende Sprache, wenn man aber erst einmal genau hinhört, dann bekommt das nicht gezeigte Grauen eine auditive Aura, die man nicht wieder aus seinem Kopf bekommt. Dieser Film ist ein modernes Meisterwerk, Punkt.
Platz 1: „Dune: Part Two“ von Denis Villeneuve

Ja, auch ich springe auf den Hype-Zug rund um den triumphalen zweiten Teil von Villeneuves Adaption des legendären Romans von Frank Herbert auf. 167 Minuten geballte Kinokunst auf allerhöchstem Niveau. Das Versprechen des epischen Endkampfes um den Wüstenplaneten Arrakis, angeführt vom charismatischen Paul Atreides (Timothée Chalamet) und seiner Fremen-Mitstreiter, allen voran Chani (Zendaya), es wurde eingelöst. Allein schon die Bilder des Sandwurms, von Feyd-Rauthas erstem Messerkampf und der großen Schlacht waren den Eintritt ins IMAX wert. Besser ging es 2024 für mich nicht.
Das war also das abgelaufene Kinojahr 2024. Ein großes Danke all jenen, die sich den ein oder anderen Artikel von mir durchgelesen haben. Einen guten Jahreswechsel und hoffentlich viele schöne Kinomomente im neuen Jahr 2025. Im nächsten Artikel werfe ich einen ersten Blick auf die Highlights der kommenden 12 Monate.