Aaron Schimbergs kafkaeske schwarze Komödie über einen Mann in einer Identitätskrise brachte seinen Hauptdarstellern Sebastian Stan und Adam Pearson viel Kritikerlob und Preise ein.
Als Autor und Regisseur Aaron Schimberg am Ende des zweiten Viennale-Screenings in der Urania zum Publikumsgespräch anrückte, war gleich die erste Frage nach den Einflüssen des österreichisch-tschechischen Schriftsteller Franz Kafka, jener stilbildende Autor, dessen Todestag sich 2024 zum 100. Mal gejährt hat. Eines seiner bekanntesten Werke, „Die Verwandlung“, handelt von der seltsamen Metamorphose des Protagonisten Gregor Samsa in ein Insekt. Eine surreale Geschichte, die in der Filmhistorie schon öfter, mal mehr, mal weniger offensichtlich aufgegriffen wurde, am wohl bekanntesten etwa im Horrorklassiker „The Fly“ (1958) mit Vincent Price und David Cronenbergs ekligem Body-Horror-Remake aus dem Jahr 1986 mit Jeff Goldblum als Wissenschaftler, dessen Teleportations-Experiment völlig aus dem Ruder läuft. Anders aber als diese Genrewerke versteht sich „A Different Man“ als schwarzhumorige, ja nahezu tragische Charakterstudie eines Mannes, dessen Verlangen nach gesellschaftlicher Akzeptanz und eines normalen Aussehens – also genau der Umkehrschluss zu Kafkas Metapher – in eine Identitätskrise stürzt. Als Hauptdarsteller glänzt Sebastian Stan in seiner bislang besten Rolle als Schauspieler, der mit einer seltenen Erkrankung, der Neurofibromatose, zu kämpfen hat, die sein Gesicht stark deformiert.
Edward verliebt sich in seine neue Nachbarin Ingrid (Renate Reinsve), eine aufstrebende Dramatikerin. Eines Tages erhält Edward die Chance, dank einer experimentellen Behandlung seine Deformierung zu korrigieren. Doch danach lässt er nicht nur sein vorheriges Aussehen hinter sich, sondern auch gleich seine ganze Identität und lässt alle, auch Ingrid, im Glauben, dass Edward sich umgebracht hat. Einige Zeit später ist Guy, wie er sich jetzt nennt, erfolgreicher Immobilienmakler und entdeckt durch Zufall, dass Ingrid ein Theaterstück über Edward geschrieben hat, und ergattert prompt die Rolle. Guy/Edwards Leben und seine Beziehung zu Ingrid geraten völlig aus den Fugen, als der ebenfalls an Neurofibromatose leidende Oswald (Adam Pearson) buchstäblich auf der Bildfläche erscheint und Edward die Show, und später auch die Freundin, stiehlt.

Schimberg mischt Elemente einer schwarzen Komödie, eines persönlichen Dramas und eines Psychothrillers zu einer sehenswerten Genremischung zusammen, die von seinen drei sympathischen Hauptdarstellern glänzend getragen wird. Stan, der bei der Berlinale 2024 den Preis für die beste Hauptrolle entgegennehmen durfte, gibt eine überzeugende Performance als Edward, und macht seine charakterliche Entwicklung mal witzig, mal schockierend, mal berührend glaubwürdig. Renate Reinsve darf als quirliges, redseliges Love Interest auftreten, viel mehr aber leider nicht. Aber das große Highlight des Films ist zweifellos der tatsächlich mit einem deformierten Gesicht lebende Adam Pearson, den Cineasten vielleicht noch aus Jonathan Glazers düsterem Science-Fiction-Drama „Under the Skin“ an der Seite von Scarlett Johansson in Erinnerung haben dürften. Pearson spielte auch schon in Schimbergs thematisch ähnlichem Drama „Chained for Life“ (2019) mit. Hier darf der sympathische und talentierte Brite aber eine gänzlich andere Facette seines schauspielerischen Könnens zeigen und sich von der stereotypisierten melodramatischen Darstellung seinesgleichen distanzieren. In der Tat bringt Pearson sehr viel Witz in die Handlung mit ein, und sein Rapport mit Stan ist genüsslich anzusehen. Sein lebensbejahender, gegen den Strich gebürsteter Oswald treibt die bisweilen absurde Situationskomik auf die Spitze.
Der Film schlägt besonders im letzten Drittel ein paar unerwartete dramaturgische Haken, die den Plot leicht ins Surrealistische abdriften lässt. Am Ende bleibt dann noch die Frage, ob die drei Protagonisten der Geschichte mit ihrem Leben und ihren Entscheidungen zufrieden sind. „A Different Man“ bietet jedenfalls einen exzentrischen und verschrobenen Genrebeitrag zum Thema Selbstakzeptanz, der dank seiner gut aufspielenden Darsteller funktioniert.
Wertung: drei von vier Sternen
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