Einer der großen Anwärter der kommenden Awards-Saison: Wer hätte gedacht, dass die Wahl eines neuen Papstes genug Stoff für einen packenden Thriller bieten kann? „Conclave“ beweist nun genau das.
Wann immer ein Papst stirbt, oder, wie zuletzt 2013 Benedikt XVI., auf sein Amt verzichtet, blickt die gesamte Welt gebannt nach Rom. Menschenmassen versammeln sich auf dem Petersplatz und alle Augen sind auf einen Kamin gerichtet. Denn erst wenn von diesem weißer Rauch emporsteigt, wissen wir: „Habemus papam! (Es gibt einen neuen Papst!)“ Was hinter den Kulissen einer solchen Wahl passiert, darüber herrscht seit jeher eisernes Stillschweigen. Dass die Wahl vom Kardinalskollegium, angeführt von einem Dekan, durchgeführt wird und einer von den anwesenden Kardinälen eine Zweidrittelmehrheit für das Pontifikat benötigt, das ist Konsens. Was aber, wenn sich die Wahl, also die hier titelgebende „Konklave“, über mehrere Anläufe aufgeteilt auf mehrere Tage hinzieht? Im Jahr 2016 veröffentlichte Autor Robert Harris einen aufsehenerregenden Roman mit genau diesem Titel, der einen kammerspielartigen Blick innerhalb der Mauern des Vatikans unternimmt. Edward Berger, der zuletzt vor zwei Jahren Erich Maria Remarques Antikriegsroman „All Quiet on the Western Front“ für Netflix opulent neu verfilmte und dafür zahlreiche internationale Preise, darunter auch vier Oscars, gewann, nahm sich nun der Verfilmung von Harris‘ Buch an, und inszeniert nach Drehbuchadaption von Peter Straughan („Tinker Tailor Soldier Spy“ [2011], „The Goldfinch“ [2019]).

Nach dem Tod des Papstes fällt dem Kardinalsdekan, Kardinal Thomas Lawrence (Ralph Fiennes), die schwere Aufgabe zu, das drei Wochen später stattfindende Konklave zu leiten, während dem die Kardinäle aus aller Welt von der Außenwelt abgeschottet einen neuen Pontifex bestimmen müssen. Kurz vor Beginn wird Lawrence von der Ankunft eines bislang unbekannten Kirchenvertreters, der vom verstorbenen Papst heimlich berufen wurde, überrascht. Der Mexikaner Vincent Benitez (Carlos Diehz), Erzbischof von Kabul, Afghanistan. Für das Pontifikat kristallisieren sich schnell vier völlig unterschiedliche Kandidaten heraus: Kardinal Adeyemi (Lucian Msamati), der der erste afrikanische Papst der Geschichte werden könnte, aber umstrittene konservative Werte vertritt. Kardinal Tedesco (Sergio Castellitto), ein italienischer erzkonservativer Hardliner, der sogar bereit ist, Teile des zweiten vatikanischen Konzils zurückzunehmen. Der eher moderate, aber äußerst machthungrige kanadische Kardinal Tremblay (John Lithgow), dem jedes Mittel recht zu sein scheint, um die Wahl zu gewinnen. Und der besonnene amerikanische Kardinal Bellini (Stanley Tucci), der am ehesten den Vorstellungen von Lawrence entspricht. Doch nahezu jeder dieser Kandidaten hat das ein oder andere Geheimnis, von denen auch die sonst zum Schweigen verpflichteten Nonnen, angeführt von Schwester Agnes (Isabella Rossellini) mehr wissen, als sie zuzugeben bereit sind. Für den ohnehin schon in einer schweren Glaubenskrise steckenden Lawrence wird das mehrtägige Konklave zu einer emotionalen Zerreißprobe.
Von der ersten Minute an, in der Fiennes‘ Protagonist das Totenzimmer des Papstes betritt, zieht Berger die Spannungsschraube an, die er in den folgenden zwei Stunden kaum wieder lockert. Hier haben wir es wirklich mit einem packenden, einnehmenden und dicht getakteten Thriller zu tun, der die Aufmerksamkeit des Publikums erfordert und dieses mit einem wendungsreichen Plot belohnt, der bis zum Schluss die eine oder andere Überraschung bereithält. Mich hat dieses Intrigenspiel von Anfang bis Ende wirklich gut unterhalten, auch wenn es ein bisschen gedauert hat, die vielen handelnden Figuren voneinander unterscheiden zu können. Ähnlich wie etwa Sidney Lumets meisterhafter Justizthriller „12 Angry Men“ (1957) wird die Handlung mit zunehmender Dauer und wiederholten Wahlgängen immer nervenaufreibender, bis zur überraschenden Auflösung.

Bergers schnörkellose Inszenierung wird von einer großartig aufspielenden Darstellerriege getragen. Isabella Rossellini als einzige handlungstragende Frau im Ensemble hat zwar wenige, dafür nachhaltig beeindruckende Szenen, in denen sie ihre männlichen Kollegen, wie etwa John Lithgow, eiskalt an die Wand spielen darf. Lithgow selbst spielt seinen ambivalenten Part ebenfalls glänzend. Stanley Tucci als räsonierter Kardinal Bellini hat auch seine intensiven und eindrücklichen Momente, aber ein Akteur in diesem Schauspielensemble überragt sie alle, und das ist Ralph Fiennes. Seit Jahrzehnten ein verlässlicher und facettenreicher Charakterdarsteller, in guten wie in bösen Rollen, dabei aber immer ein Ausnahmetalent, gibt er hier eine seiner absolut besten Darbietungen. Wie Fiennes als Darsteller die Geschichte und seine Figur Lawrence das Konklave navigiert, ist faszinierend mitanzusehen. Ohne seine starke Präsenz würde dieser Thriller nicht diese Brisanz entwickeln, ob in den lauten, großen Momenten oder in den intimen, kleinen. Für mich eine der besten schauspielerischen Leistungen nicht nur dieses Kinojahres, sondern vielleicht sogar seit geraumer Zeit.
Die katholische Kirche dürfte mit diesem spekulativen Film keine allzu große Freude haben, aber das tut ja nichts zur Sache. „Conclave“ will mit einer nervenaufreibenden, wendigen und mit Kritik an religions- und genderpolitischen Themen unterhalten, und das tut dieser Film. Wer sich ohne Vorkenntnisse in diesen Film hineinsetzt, und das sollte man, wird mit zwei spannenden Stunden belohnt.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
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