Anlässlich des Kinostarts von „Gladiator II“: umfassender Rückblick auf die außergewöhnliche Karriere von Ridley Scott. Teil 2 spannt den Bogen von 2005 bis zur Gegenwart.
„Kingdom of Heaven“ (2005)

Fünf Jahre nach „Gladiator“ beschloss Ridley Scott, einen weiteren epischen Historienfilm zu drehen, und nahm sich für dieses Projekt der Kreuzzüge im mittelalterlichen Königreich Jerusalem an. „Kingdom of Heaven“ erzählt eine fiktionalisierte Geschichte in den 1180er Jahren, kurz vor dem Dritten Kreuzzug. Orlando Bloom, zu jener Zeit auf Rollen in historischen Abenteuerfilmen abonniert, übernahm die Hauptrolle des jungen Hufschmieds Balian, der eines Tages von seinem leiblichen Vater Godfrey (Liam Neeson), dem Baron von Ibelin, aufgesucht wird. Er begleitet ihn nach Jerusalem, wo er sich in den Dienst des an Lepra erkrankten Königs Balduin IV. (Edward Norton) stellt, sich in dessen Schwester Sibylla (Eva Green) verliebt und sich ihren kriegslüsternen Mann Guy (Marton Csokas) zum erbitterten Feind macht, der den ohnehin schon brüchigen Frieden zwischen der Gefolgschaft des katholischen Königs und der muslimischen Sarazenen, angeführt von Saladin (Ghassan Massoud), bedroht. Als der König stirbt, entbrennt eine Schlacht um Jerusalem. Balian, der sich als aufrechter Ritter einem strengen moralischen Kodex verpflichtet, gerät zwischen die Fronten und tut alles, um die Zivilbevölkerung zu beschützen.
Gewohnt bildgewaltig inszeniert und hochkarätig besetzt, ist „Kingdom of Heaven“ ein spannendes Abenteuer, das auf eine traditionelle Gut-Böse-Dichotomie verzichtet und die politischen wie auch religiösen Konflikte sorgfältig inszeniert. Dass es sich bei dieser Geschichte um kein triumphales Unterfangen handelt, dürfte Genrekenner etwas irritiert zurücklassen, wenn man sich aber näher mit der Thematik befasst, ergibt das durchaus Sinn.
Scott, der sich einmal mehr mit der vom Studio angeordneten Kinofassung nicht zufrieden zeigte, veröffentlichte später fürs Heimkino einen 45 Minuten längeren „Director’s Cut“, in dem er auch einen gänzlich entfernten Subplot um Sibyllas Sohn, der ebenfalls an Lepra erkrankt, wieder einfügte. Diese Version wird auch von vielen Kritikern als ultimative Fassung und als Meisterwerk angesehen.
Mal weniger, mal mehr erfolgreiche Genrefilme (2006 – 2008)

Vielleicht der überraschendste Eintrag in Scotts Filmografie dürfte die romantische Komödie „A Good Year“ (2006) sein, für die sich Scott zum zweiten Mal mit Russell Crowe zusammentat. Darin spielt Crowe den britischen Börsenspekulanten Max, der von seinem verstorbenen Onkel Henry (Albert Finney) dessen Anwesen in der französischen Provence samt Weingut erbt. Daraufhin reist Max dorthin, um dessen Verkauf in die Wege zu leiten, wird aber durch die Ankunft von Henrys bislang unbekannter Tochter Christie (Abbie Cornish) und die Begegnung mit der bezaubernden Fanny (Marion Cotillard) aufgehalten. Max erkennt, dass das ruhige Landleben in der Provence sehr viel mehr Vorzüge hat als seine lukrative, aber rastlose Karriere in London. Erfrischend, erquickend und mit toll aufgelegten Stars ist „A Good Year“ definitiv ein Geheimtipp unter Cineasten und Scott-Fans, auch wenn Kritikerstimmen und Einspielergebnisse etwas anderes suggerieren.
Crowe spielt auch eine der Hauptrollen in Ridley Scotts Crime-Drama „American Gangster“ (2007), in dem er die wahre Geschichte des kriminellen Mastermind Frank Lucas (Denzel Washington) erzählt, der sich während des Vietnamkriegs Ende der 1960er Jahre mit geschicktem Schmuggel von hochwertigem Heroin zu einem einflussreichen und angesehenen Gangsterboss hocharbeitet, später aber vom hartnäckigen Cop und angehenden Anwalt Richie Roberts (Crowe) gejagt wird. Mit diesem Film beweist Scott einmal mehr seine Vielseitigkeit und fügt seiner ohnehin schon sehr breit aufgestellten Filmografie auch eine mitreißende Gangster-Ballade hinzu, die dank seiner Starbesetzung auch kommerziell sehr erfolgreich war. Scott wurde für den „Golden Globe“ nominiert, Nebendarstellerin Ruby Dee, die Lucas‘ Mutter spielt, gewann den „Screen Actors Guild Award“ und erhielt eine Oscar-Nominierung, auch das Szenenbild von Arthur Max und Beth Rubino war nominiert.
Bereits im darauffolgenden Jahr kehrte Scott mit „Body of Lies“ zurück, der im deutschsprachigen Raum den unglücklich gewählten Verleihtitel „Der Mann, der niemals lebte“ bekam. Eine Mischung aus Agentenfilm, Actiondrama und Politthriller, mit Leonardo DiCaprio, abermals Russell Crowe, Mark Strong und Golshifteh Farahani in den Hauptrollen. DiCaprio spielt CIA-Agent Roger Ferris, der im Nahen Osten eine Terrororganisation aufspüren soll, deren Stützpunkt in Jordanien vermutet wird. Seine ohnehin schon stressige Situation wird durch die ständigen Interventionen seines Vorgesetzten Hoffman (Crowe) in Washington verschärft, besonders als Ferris‘ Freundin Aisha (Farahani) entführt wird. Der Film erhielt gemischte Kritiken und war auch sonst ein eher bescheidener Erfolg, Farahanis Beteiligung brachte ihr Ärger im Iran ein, weil sie im Film ohne Kopftuch aufgetreten war.
„Robin Hood“ (2010)

Bereits 2007 wurde bekanntgegeben, dass Scott an einer Neuinterpretation des bereits oft verfilmten Robin Hood-Mythos unter dem Arbeitstitel „Nottingham“ arbeitet, der sich ursprünglich auf den gemeinhin als Bösewicht angesehenen Sheriff fokussiert hätte, der hier als sympathische Figur dargestellt werden sollte. Drehbuchautor Brian Helgeland wurde dann aber ein Jahr darauf mit einer kompletten Überarbeitung der Story beauftragt, die mehr an der gängigen Folklore orientiert ist. In der Hauptrolle wurde einmal mehr Russell Crowe besetzt, mit dem Scott zum vierten Mal in Folge und zum insgesamt fünften Mal zusammenarbeitete. An seiner Seite als Lady Marian agiert Cate Blanchett, während wie schon bei Scotts anderen Großproduktionen wieder namhafte Schauspieler – u.a. William Hurt, Oscar Isaac, Max von Sydow und eine junge Léa Seydoux – bis in die kurz auftretenden Nebenrollen gecastet wurden.
Düsterer, vielschichtiger und komplexer als vorangegangene Verfilmungen, erinnert dieser „Robin Hood“ mehr an ein mittelalterliches Drama in der Stilistik von „Gladiator“ denn an populäre Versionen, etwa Kevin Reynolds‘ überaus publikumsträchtiger 1991er-Streifen „Robin Hood: Prince of Thieves“ mit Kevin Costner und dem eingängigen Titelsong „Everything I Do“ von Bryan Adams, dem Scott wie auch Crowe nichts abgewinnen konnten. Aufwendig produziert – die Kosten sollen zwischen 155 und 237 Millionen Dollar gelegen haben, konnte dieser neue Abenteuerfilm aber die hohen Erwartungen bei Filmkritikern und Kinogängern nicht erfüllen, auch wenn der Film mit 320 Millionen Dollar an Ticketeinnahmen durchaus respektabel abschnitt, vor allem wenn man bedenkt, dass Filme, die zur Zeit des Mittelalters angesiedelt sind, sehr selten hohe Gewinne erzielen.
Zurück in die Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit (2012 – 2014)

Drei Jahrzehnte nach „Blade Runner“ war es 2012 dann soweit und Ridley Scott kehrte endlich wieder ins Science-Fiction-Genre zurück, wo er seine ersten großen Erfolge verbuchen konnte. Doch nicht nur das: „Prometheus“ war seine epochale Rückkehr zum „Alien“-Franchise, welches er 1979 mitbegründet hatte. Nun ja, sozusagen, nicht ganz. Besser ausgedrückt: es ist kompliziert. Der Film besitzt jedenfalls, so Scott, „DNA-Spuren von ‚Alien‘“ und ist zeitlich als Vorgeschichte angesiedelt, in der zwei Archäologen (Noomi Rapace, Logan Marshall-Green) die Besatzung des titelgebenden Raumschiffs auf einer Mission anführen, den Ursprung der Menschheit und die Existenz ihrer Vorfahren, der „Engineers“, auf einem mysteriösen Planeten, LV-223, zu ergründen. Begleitet werden sie vom Androiden David (Michael Fassbender) und Mitglieder der „Weyland Corporation“, Sponsor des Trips. An ihrer Destination angekommen, erwartet sie, eh klar, das pure Grauen. Ebenfalls mit dabei sind Charlize Theron, Guy Pearce und Idris Elba. Scotts Science-Fiction-Comeback hat sich jedenfalls für Fans – sowohl des Genres im Allgemeinen und der Reihe im Speziellen – und Kritiker gelohnt. „Prometheus“ ist nach wie vor der umsatzstärkste „Alien“-Film und wurde für die Visuellen Effekte Oscar-nominiert.
Im darauffolgenden Jahr schrieb der renommierte Romanautor Cormac McCarthy („No Country for Old Men“ und „The Road“ wurden beide erfolgreich verfilmt, „Blood Meridian“ bislang noch nicht) zum einzigen Mal ein Originaldrehbuch. Dass dabei ein düsterer, harter, abgründiger und auch sehr brutaler Thriller dabei herauskommen würde, dürfte Kenner seiner Werke nicht überraschen. Im Drogenmilieu auf beiden Seiten der amerikanisch-mexikanischen Grenze angesiedelt, folgt „The Counselor“ dem titelgebenden Anwalt (Michael Fassbender), der in dieses gnadenlose Geschäft hineingezogen wird und bald in große Gefahr gerät. Penélope Cruz, Javier Bardem, Cameron Diaz und Brad Pitt geben sich hier ebenfalls die Ehre. Einer der am kontroversesten diskutierten Filme des Jahres 2013, mit bescheidenem Erfolg.
2014 wagte sich Scott an ein weiteres Monumental-Epos, der Verfilmung einer biblischen Episode: „Exodus: Gods and Kings“ erzählt die Geschichte von Moses (Christian Bale), der wie ein Sohn von Pharao Seti (John Turturro) großgezogen wird und mit dessen Sohn und Nachfolger Ramses (Joel Edgerton) er brüderlich verbunden ist. Als er jedoch seine wahre Herkunft erfährt, schickt Ramses ihn ins Exil. Dort erhält er Gottes Auftrag, das Volk der Israeliten aus der Sklaverei des neuen Pharaos zu befreien. Als Ramses sich weigert, löst das die zehn Plagen aus, die über die Ägypter hereinbrechen. Aufwendig inszeniert und epochal bebildert, reicht Scotts routinierte Bibelstunde jedoch nicht an „Gladiator“ und „Kingdom of Heaven“ heran. Größter Kritikpunkt am Film ist das „Whitewashing“ der Hauptrollen, und hierbei besonders Joel Edgertons verändertes Aussehen als Pharao Ramses II. Der große Aufwand zahlte sich jedenfalls nicht aus, denn sowohl Kritiker wie Publikum waren wenig beeindruckt. Cecil B. DeMille hatte zudem die Geschichte bereits zuvor, und zwar zweimal, mit „The Ten Commandments“ (1923 als Stummfilm, 1956 in glorreichem Technicolor und VistaVision) opulent verfilmt – und das verhältnismäßig wesentlich erfolgreicher.
„The Martian“ (2015)

Seinen größten kommerziellen Erfolg verbuchte Ridley Scott mit der Verfilmung des Science-Fiction-Bestsellers „The Martian“ von Schriftsteller Andy Weir. Darin geht es um den Astronauten Mark Watney (Matt Damon), der an der Mars-Mission „Ares III“ teilnimmt, während eines Sturms von seinem Team getrennt und daraufhin für tot gehalten wird. So bleibt Watney schließlich alleine auf dem unwirtlichen roten Planeten zurück. Es gelingt ihm jedoch, NASA ein Lebenszeichen zukommen zu lassen. Da die nächste bemannte Marsmission, „Ares IV“ jedoch erst in vier Jahren landen soll, und die NASA der „Ares III“-Besatzung eine Rettungsmission untersagt, muss der gelernte Botaniker sein ganzes Wissen und viel Grips auffahren, um alleine über lange Zeit auf dem Mars zu überleben.
Neben Matt Damon in einer seiner besten Rollen ist „The Martian“ nur so gespickt von namhaften Hollywood-Stars, darunter Jessica Chastain, Jeff Daniels, Sean Bean, Kristen Wiig, Donald Glover und Sebastian Stan. Von 20th Century Fox 2013 in Auftrag gegeben, sollte zunächst Drew Goddard neben der Drehbuchadaption auch die Regie übernehmen, begann aber später mit der Entwicklung der Comicbuch-Verfilmung „Sinister Six“ über eine Superschurken-Allianz bestehend aus den Erzfeinden von „Spider-Man“. Produzent Simon Kinberg konnte schließlich Scott für das Projekt begeistern, der den Film als eine ausgewogene Mischung aus Unterhaltung und Unterricht beschrieb. In der Tat wird „The Martian“ als einer der realistischsten Science-Fiction-Filme der jüngeren Zeit angesehen. NASA unterstützte die Produktion und beriet die Filmemacher hinsichtlich Wissenschaft und Technologie, da sie sich durch den Film ein hilfreiches Werbetool für bemannte Weltraummissionen erhofften. Zu Recht: nur wenige Tage vor Kinostart entdeckten Wissenschaftler in der Tat Bildbeweise, dass Wasser auf der Marsoberfläche existiert.
„The Martian“ erzielte über 630 Millionen Dollar weltweite Ticketeinnahmen und erhielt durch die Bank hervorragende Kritiken, unter anderem auch vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama. Bei den Golden Globes, die „The Martian“ zur generellen Verblüffung als Komödie/Musical einstuften, gewann er für den besten Film in dieser Sparte und Damons Performance, während Scott für seine Regieleistung nominiert wurde. Bei der Oscar-Verleihung ging er mit sieben Nominierungen – unter anderem für den besten Film, das beste adaptierte Drehbuch und Damon als bester Hauptdarsteller, jedoch nicht für die Regie – ins Rennen, aber komplett leer aus.
Rückkehr zu Altbekanntem und kontroverser True Crime-Thriller (2017)

Im Jahr seines 80. Geburtstags brachte Scott nicht nur einen, sondern gleich drei neue Projekte auf die Kinoleinwand, von denen er zwei selbst inszenierte. Nach dem großen Erfolg von „Prometheus“, der dem „Alien“-Franchise neues Leben einhauchen konnte und Scotts triumphale Rückkehr ins Science-Fiction-Genre einläutete, kehrte er fünf Jahre später mit der Fortsetzung „Alien: Covenant“ zurück, die nun endgültig im „Alien“-Universum angesiedelt ist. Michael Fassbender kehrt ebenfalls zurück und übernimmt diesmal sogar eine Doppelrolle. Zur Besatzung des Raumschiffs „Covenant“, das elf Jahre nach der „Prometheus“ zu einer Kolonialisierungs-Mission auf einen fremden Planeten aufbricht, nur um dann einen anderen und gefährlicheren auszukundschaften, gehören Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride und Demián Bichir. Am Drehbuch werkelten Jack Paglen, Michael Green, John Logan und Dante Harper. Scott sah „Alien: Covenant“ als erste von insgesamt sechs weiteren Vorgeschichten zu seinem 1979er-Original, doch der hinter den Erwartungen zurückgebliebene finanzielle Erfolg dürfte diese Pläne nicht nur auf Eis gelegt, sondern vielmehr durchkreuzt haben. Erst 2024 erschien mit Fede Álvarez‘ „Alien: Romulus“, zwischen den ersten beiden Teilen von Scott bzw. James Cameron angesiedelt, ein neuer Franchise-Eintrag.
Nur wenige Monate später, im Oktober 2017, erschien die lange geplante und erwartete Fortsetzung zu Scotts anderem Science-Fiction-Kultklassiker, „Blade Runner 2049“ mit Ryan Gosling und Harrison Ford unter der Regie von Denis Villeneuve, für die Scott als ausführender Produzent fungierte. Ähnlich wie sein Vorgänger, erhielt auch dieses Werk durchwegs positive Kritiken, aber nur bescheidenen kommerziellen Erfolg – 276 Millionen Dollar bei Kosten zwischen 150 und 185 Millionen. Roger Deakins‘ Kameraarbeit und die atemberaubenden Visuellen Effekte erhielten dafür – endlich! – verdiente Oscars.
Scott inszenierte stattdessen mit „All the Money in the World“ die wahre, aufsehenerregende Entführungsgeschichte von John Paul Getty III (Charlie Plummer), Enkel des damals reichsten Mannes der Welt, Öltycoon J. Paul Getty (Christopher Plummer, nicht verwandt), in Rom. Weil sich der ungemein geizige Getty standhaft weigert, der Lösegeldforderung von 17 Millionen Dollar an die Ndrangheta-Mafia nachzukommen, verhandelt die verzweifelte Mutter des Buben, Gail (Michelle Williams), mithilfe von Gettys Sicherheitsberater (Mark Wahlberg) unermüdlich mit ihrem Ex-Schwiegervater. An diesen Thriller wird man sich nicht aufgrund seiner Qualität erinnern, sondern vielmehr durch die unzähligen Kontroversen hinter den Kulissen: weil die ursprüngliche Besetzung von Getty, Kevin Spacey, wegen schwerwiegender Anschuldigungen von sexueller Gewalt in Misskredit geraten war, drehte Scott, obwohl der Film bereits fertiggestellt war und nur sechs Wochen vor der Premiere stand, dessen Szenen mit Christopher Plummer, damals bereits 88, neu. Dafür kehrten Wahlberg und Williams zur Produktion zurück. Während Wahlberg mit 1,5 Millionen Dollar zusätzlicher Gage kompensiert wurde, erhielt Williams nur einen Tagessatz von lächerlichen 80 Dollar, was in der durch die „#metoo“- und „Time’s Up“-Bewegungen und Gender-Ungleichheit ohnehin schon gebeutelten Filmindustrie nur weiter Öl ins Feuer goss. Wahlberg spendete schließlich seine Gage in Williams‘ Namen an die Rechtsvertretung von „Time’s Up“. Christopher Plummers außergewöhnliche Umstände wurden mit Nominierungen für den britischen Filmpreis, den Golden Globe und den Oscar gewürdigt. Scott und Williams erhielten ebenfalls Golden Globe-Nominierungen.
Zurück zu den Wurzeln (2021 – 2023)

Bedingt durch die COVID19-Pandemie verschob sich der Kinostart von Scotts Historiendrama „The Last Duel“ um fast ein Jahr von Ende 2020 auf Oktober 2021. Das Drehbuch, dessen Struktur stark von Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon“ (1951) inspiriert ist, wurde von Matt Damon, Ben Affleck und Nicole Holofcener geschrieben, Damon übernahm zudem eine der Hauptrollen, während Affleck als Lehnsherr Pierre eine Nebenrolle spielt. Auf einer wahren Begebenheit aus dem mittelalterlichen Frankreich im Jahr 1386 basierend, erzählt Scott aus den Perspektiven der drei Hauptfiguren die Geschichte zweier einstiger Freunde, Jean de Carrogues (Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver), deren Freundschaft endet, als Jacques Jeans Frau Marguerite (Jodie Comer) vergewaltigt und der gedemütigte Ehemann bei König Charles VI (Alex Lawther) ein Duell bis zum Tod einfordert. Es wird das letzte Duell dieser Art werden. 44 Jahre nach seinem Regiedebüt „The Duellists“, in dem es ebenfalls um zwei konkurrierende französische Ehrenmänner geht, büßt Scott nichts von seiner Bildgewalt und inszenatorischen Geschicklichkeit ein. Dass der Film dennoch ein finanzieller Misserfolg wurde, kreidet Scott, der sich nie zurücknimmt, wenn es um seine Meinung geht, Millennials an, die auf Smartphones großgezogen wurden. Interessante Erkenntnis…
Nur einen Monat später erschien dann ein weiterer True Crime-Thriller unter Scotts Regie, „House of Gucci“. Adam Driver spielt den Firmenerben Maurizio Gucci, dessen stürmische Beziehung mit der materialistischen Patrizia Reggiani (Lady Gaga) auf Unverständnis seitens seiner Familie stößt. Die selbstbewusste Frau setzt alles daran, dass Maurizio das Erbe seines Vaters Rodolfo (Jeremy Irons) samt 50% Anteile am Modehaus behält. Doch das ist ihr längst nicht genug, und Patrizia spielt die Familie Gucci geschickt gegeneinander aus und geht schließlich sogar über Leichen. Während das Modeunternehmen bis heute erfolgreich weitergeführt wird, ist keiner der Guccis mehr darin involviert. Vom Untergang einer einflussreichen Familie und einem aufsehenerregenden Mord erzählt Scott in diesem, ja, stylischen Thriller. Neben Driver und Gaga sowie Irons spielen hier auch Al Pacino, Salma Hayek, Jack Huston und ein völlig durchgeknallter Jared Leto mit einem irrwitzigen Akzent hier mit. Besonders Pop-Superstar Lady Gaga wurde für ihre Rolle sehr gelobt und für den Golden Globe, den Screen Actors Guild Award und den MTV Movie Award nominiert, während Letos kontroverser Auftritt ihm die Goldene Himbeere als schlechtester Nebendarsteller einbrachte. Dafür wurde das Make-Up- und Hairstyling-Team Oscar-nominiert. Kritiker und Publikum reagierten jedenfalls gespalten.

Ein weiteres Historiendrama, das ihn 46 Jahre nach „The Duellists“ wieder ins Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts verschlagen sollte, brachte Ridley Scott im November 2023 in die Kinos. Joaquin Phoenix darf hier abermals einen größenwahnsinnigen und völlig ruchlosen Kaiser verkörpern: „Napoleon“. Nicht nur Phoenix‘ Performance in „Gladiator“, auch sein preisgekrönter Auftritt als „Joker“ (2019) überzeugten Scott, ihm die Rolle des legendären französischen Feldherrn zu übertragen. An seiner Seite als einflussreiche erste Ehefrau Joséphine: Vanessa Kirby. Der Film zeichnet Bonapartes Aufstieg in den 1790er Jahren über seine kaiserliche Krönung 1804 bis hin zu seinem Niedergang in der Schlacht von Waterloo 1815 nach. Szenenbild, Kostüme und die visuellen Effekte erhielten Oscar-Nominierungen, allerdings stieß der Film vor allem bei französischen Rezensenten auf viel Kritik. Sony Pictures brachte den Film in die Kinos, bevor Apple Studios „Napoleon“ ab März 2024 auf seinem Streamingdienst „Apple TV+“ veröffentlichte, für den später auch, typisch Scott, ein wesentlich längerer „Director’s Cut“ geplant ist. So spielte der Film immerhin 221 Millionen Dollar ein, hat aber noch einen weiten Weg vor sich, die Kosten, die zwischen 130 und 200 Millionen liegen, einzuholen.
Für Drehbuchautor David Scarpa, der bereits „All the Money in the World” schrieb, war „Napoleon” zumindest eine gute Vorbereitung, denn er hat für Scott auch das Drehbuch zu dessen mit Spannung erwarteter Fortsetzung zum Megaerfolg „Gladiator“ geschrieben. Seit Jahren immer mal wieder angekündigt, ist es jetzt endlich soweit und das neue Epos schickt sich an, alles zuvor dagewesene noch einmal in den staubigen Schatten zu stellen. Ob „Gladiator II“ wirklich hält, was er verspricht? Das werden wir zeitnah herausfinden…