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Eine furiose Saoirse Ronan navigiert die Alkoholsucht ihrer labilen Protagonistin inmitten der malerischen Landschaften der schottischen Orkney-Inseln in Nora Fingscheidts Memoiren-Verfilmung

Eigentlich sollte es mittlerweile keine große Überraschung mehr sein: es gibt so gut wie nichts, was Saoirse Ronan nicht kann. Im zarten Alter von 13 Jahren begann die in New York geborene Irin ihre Filmkarriere und landete gleich mit ihrer dritten Kinorolle ihren ersten großen Erfolg – und ihre erste Oscar-Nominierung – für ihre Nebenrolle der intriganten Briony in Joe Wrights Verfilmung des erschütternden Romans „Atonement“ von Ian McEwan über Schuld und Vergebung im Angesicht eines verhängnisvollen Missverständnisses. Seitdem ist Ronan von den Kinoleinwänden nicht mehr wegzudenken. Im Jahrestakt liefert sie eine facettenreiche und beeindruckende Performance nach der anderen ab und hat seitdem drei weitere Nominierungen für den wichtigsten Filmpreis in ihrer Vita stehen, nämlich für ihre Hauptrollen in John Crowleys gefeiertem Drama „Brooklyn“ (2015) sowie Greta Gerwigs ersten beiden Regiearbeiten „Lady Bird“ (2017) und der Literaturneuverfilmung „Little Women“ (2019). Nun, mit 30 Jahren und bereits einer beachtlichen Karriere im Rückspiegel, schickt sie sich nicht nur für einen weiteren Anlauf auf den begehrten Goldjungen an – Sir Steve McQueens Kriegsdrama „Blitz“ wird ebenfalls hoch gehandelt, besonders Ronans Nebenrolle als verzweifelte Mutter eines Buben, der im zerbombten London während des Blitzkriegs durch die Stadt umherirrt. Ihr anderes Eisen im Feuer ist „The Outrun“ nach den gleichnamigen Memoiren der schottischen Journalistin und Autorin Amy Liptrot, die ihren schmerzhaften Weg aus der Alkoholsucht dokumentiert. Für die Regie wurde die deutsche Regisseurin Nora Fingscheidt engagiert, die sich auf solche stark charakterbezogenen Dramen spezialisiert hat, handelt ihr Langfilmdebüt „Systemsprenger“ (2018) doch von einem unerziehbaren und schwer verhaltensgestörten Mädchen und ihre erste internationale Produktion „The Unforgivable“ (2021) mit Sandra Bullock von einer Frau, die nach einer mehrjährigen Gefängnisstrafe Probleme hat, in die Gesellschaft reintegriert zu werden.

© 2024. The Outrun, Nora Fingscheidt, Vereinigtes Königreich/Deutschland 2024, V’24 Features

Auch „The Outrun“ wirft einen schonungslosen, ehrlichen Blick auf ein schwieriges Thema, nämlich der Alkoholsucht. Rona, die auf den schottischen Orkney-Inseln aufgewachsen ist und sehr unter der Trennung ihrer Eltern – Mutter Annie (Saskia Reeves) sucht Halt in der Religion, ihr Vater Andrew (Stephen Dillane) leidet unter einer bipolaren Störung – leidet. Während ihres Biologie-Studiums in London entwickelt Rona eine schwere Abhängigkeit zu Alkohol, die ihre Beziehung zu Daynin (Paapa Essiedu) ruiniert und in einen versuchten gewalttätigen sexuellen Übergriff kulminiert. Nach einer 90-tägigen Entzugstherapie kehrt Rona zu ihrer Familie zurück und hilft ihrem Vater auf seiner Farm, muss aber immer wieder mit Rückfällen fertigwerden. Schließlich nimmt sie einen Job bei der „Royal Society for the Protection of Birds“ an und macht sich auf die Suche nach den extrem selten gewordenen Wachtelkönigen, die einzigartige Laute von sich geben, während sie in der Abgeschiedenheit der Natur über ihr Leben reflektiert.

Fingscheidt inszeniert Liptrots Geschichte, für die beide am Drehbuch zusammenarbeiteten, mit viel Fingerspitzengefühl, aber leider bisweilen sehr konfus. Da der Film unvermittelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herspringt, geht zumindest bei mir oftmals die Orientierung verloren, was mich zwar durchaus mit der Hauptfigur mitfühlen lässt, aber für das Verständnis der Geschichte eher nachteilig ist. Das trübt ein wenig den ersten Eindruck. Der starke Kontrast zwischen Ronas wildem Londoner Partyleben und ihrer melancholischen Introspektion inmitten der malerischen schottischen Inseln ist aber dafür gut ausgearbeitet, ansonsten ist der Film auch sehr solide erzählt und wird von guten darstellerischen Leistungen getragen, wobei hier nicht nur Ronan, die auch eine der Produzentinnen des Films ist, eine ausgesprochen starke und rohe Performance an den Tag legt, sondern auch Reeves als leidgeprüfte Mutter und Dillane als Vater, dessen manische Episoden sehr eindringlich gespielt sind.

© 2024. The Outrun, Nora Fingscheidt, Vereinigtes Königreich/Deutschland 2024, V’24 Features

Ein ehrlicher, mutiger und ungeschönter Blick auf eine ernstzunehmende Sucht und Krankheit, ist „The Outrun“ ein weiterer gelungener Eintrag zu einer offenen und wichtigen Diskussion eines Tabuthemas. Getragen von einer großartigen Saoirse Ronan, verliert sich der Film zwar in seinen unfokussierten Zeitsprüngen, bleibt aber dennoch eine Weile im Gedächtnis.

Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

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