Pedro Almodóvar ruminiert in diesem meisterhaften Alterswerk über die Sterblichkeit und lässt dafür drei schauspielerische Schwergewichte zu bestechender Form auflaufen. Exklusiv von der Viennale.
Pedro Almodóvar wurde vor wenigen Wochen 75 Jahre alt und darf auf eine inzwischen rund 50jährige Schaffenszeit zurückblicken. Viele andere Menschen werden sich in dieser Phase ihres Lebens irgendwann zwangsläufig die Frage stellen, wie viel Zeit ihnen noch bleibt, wie und vor allem mit wem sie diese zu verbringen gedenken und auch, wie sie dem Unvermeidlichen begegnen und sich damit arrangieren. Es ist ein schwerwiegendes, beklemmendes, aber nun einmal allgegenwärtiges und unausweichliches Thema, mit dem sich jeder Mensch auseinandersetzen muss. Almodóvar selbst hat vor 22 Jahren bereits einmal ein ähnliches melancholisches Drama umgesetzt, in dem zwei Männer eine freundschaftliche Beziehung zueinander aufbauen, während ihre Lebensgefährtinnen im Koma liegen: „Hable Con Ella (Sprich mit Ihr)“. Ein großer nationaler wie auch internationaler Erfolg für den spanischen Auteur, der ihm eine Oscar-Nominierung für die Beste Regie sowie die Auszeichnung fürs beste Originaldrehbuch eintrug – eine äußerst seltene Ehre für einen fremdsprachigen Film, die aber die Universalität des Themas Trauerbewältigung und Sterblichkeit untermauert.

Nichtsdestotrotz drehte Almodóvar sein neuestes Drama erstmals in englischer Sprache und arbeitete mit renommierten internationalen Charakterdarstellern an einer filmischen Übersetzung des Romans „What Are You Going Through“ der amerikanischen Autorin Sigrid Nunez. Darin erfährt die Schriftstellerin Ingrid (Julianne Moore), die panische Angst vor dem Tod hat und darüber ein Buch geschrieben hat, während einer Signierstunde in Manhattan von einer alten Bekannten, dass ihre gemeinsame Freundin, die renommierte Kriegsberichterstatterin Martha (Tilda Swinton), mit Gebärmutterhalskrebs im dritten Stadium in einem nahegelegenen Krankenhaus liegt. Daraufhin kommt es nach Jahren zu einer Wiedervereinigung der einstigen Arbeitskolleginnen und Freundinnen, bei der Martha, die eine entfremdete erwachsene Tochter hat, die sie wegen ihres Jobs vernachlässigt und ihr die Abwesenheit ihres Vaters nie adäquat erklärt hat, bei der Aufarbeitung ihrer Lebensgeschichte ihren Lebenswillen ein Stück weit zurückgewinnt. Später wird sie Ingrid um einen extremen und rechtlich sehr riskanten Gefallen bitten: Martha will sich, weil die Chemotherapie nicht anschlägt, selbst von ihrem Leiden erlösen und bittet Ingrid, ihr die verbleibende Zeit beizustehen und im Raum nebenan zu sein, wenn sie ihre Selbstmordpille nimmt. Erst nach einigem Zögern und einer Unterredung mit und heimlicher Unterstützung durch Damian (John Turturro), einem gemeinsamen Exfreund der beiden Frauen, stimmt Ingrid zu und zieht vorübergehend mit Martha in ein eigens gemietetes, farbenfroh ausgestattetes Loft außerhalb der Stadt.
Almodóvar inszeniert diese Geschichte mit viel Ruhe und einer erstaunlichen Leichtigkeit, nie besonders melodramatisch oder gar bedrückend und findet sogar einige erheiternde, gar komische Elemente darin. Wie immer stattet er seine Szenerie mit stark kontrastierten Farben aus und erzeugt so eingängliche Bilder, die mit elegischen Kompositionen von Alberto Iglesias unterlegt werden, aber auch literarisch-poetischen Referenzen, etwa James Joyces „The Dead“.

Seine große Stärke zieht „The Room Next Door“ aus seiner exzellent aufspielenden Darstellerriege. Die beiden Oscar-prämierten Hauptdarstellerinnen Swinton und Moore spielen ihre Rollen mit gewohnter Nuance, dramatischer Intensität und gut platziertem Witz, da Swinton aber den herausfordernderen Part übernommen hat, wiegt ihre Leistung um einiges mehr. Dass die inzwischen bald 64jährige Britin ein nahezu einzigartiges und zeitloses Chamäleon ist, das einfach nicht aus der Zeit zu fallen scheint, beweist sie hier einmal mehr ganz dezidiert, vor allem im letzten Drittel des Films. Trotz seiner reduzierten Leinwandpräsenz gelingt es auch John Turturro, einige eindrückliche Momente zu kreieren, und auch andere Facetten zu den universellen Themen, die der Film verhandelt, hinzuzufügen, die seinem Charakter, so kurz er auch vorkommt, eine gewisse Tiefe verleihen.
Feinfühlig inszeniert, mit lakonischem Humor durchsetzt und glänzend gespielt, erweist sich Almodóvars Plädoyer für Selbstbestimmung am Lebensende als würdiger Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig 2024. Ein Film, der noch ein wenig nachwirkt, aber keinesfalls deprimierend wirkt.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: