Es ist wieder diese Zeit im Jahr: für 12 Tage verwandelt sich Wien ins Mekka österreichischer und internationaler Filmenthusiasten. Worauf dürfen wir uns freuen? Was darf man unter keinen Umständen verpassen? Ein kleiner Überblick.
Zum bereits 62. Mal wird die Viennale, die erstmals 1960 veranstaltet wurde, durchgeführt. Zur Eröffnung am Donnerstag, 17. Oktober 2024, wird der Kurzfilm „C’est pas moi (It’s Not Me)“ des französischen Autorenfilmers Leos Carax gezeigt. Davor wird auch der diesjährige Trailer aufgeführt, der vom rumänischen Regisseur Radu Jude verantwortet wurde. Jude ist seit Jahren Stammgast auf der Viennale, 2021 erhielt er für seine schwarze Racheporno-Komödie „Bad Luck Banging or Loony Porn“ den Goldenen Bären von Berlin. Apropos Goldener Bär: den krönenden Abschluss der Viennale 2024 bildet am Dienstag, 29. Oktober der diesjährige Bären-Gewinner, die Dokumentation „Dahomey“ der senegalesisch-stämmigen Französin Mati Diop, die die Rückführung von Schätzen des ehemaligen afrikanischen Königreichs Dahomey aus einem Pariser Museum an Benin schildert.

Nahezu alle großen Festivalteilnehmer, die ich in vorangegangenen Artikeln kurz angesprochen hatte, finden sich im diesjährigen Line-Up. Erstes großes Highlight bildet das kürzlich in Venedig mit dem Goldenen Löwen prämierte Euthanasie-Drama „The Room Next Door“, die erste englischsprachige Produktion der spanischen Regielegende Pedro Almodóvar mit den Charakterdarstellern Julianne Moore, Tilda Swinton und John Turturro in den Hauptrollen. Darin wird Moore nach vielen Jahren mit einer inzwischen todkranken Swinton wiedervereint. Wer Almodóvar kennt, weiß, dass er sich auf starke Frauenfiguren spezialisiert hat, und mit zwei starken Akteurinnen ist großes Kino garantiert.

Der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, „Anora“ des amerikanischen Regisseurs Sean Baker, verspricht ebenfalls ein großer Publikumsmagnet zu werden. Darin spielt Jungschauspielerin Mikey Madison die titelgebende Stripperin, die spontan einen russischen Oligarchensohn heiratet und sich damit eine Flucht aus dem Rotlichtmilieu erhofft, nur um dann mit seiner Familie aneinanderzugeraten, die die Ehe annullieren will. Die bisher veröffentlichten Trailer versprechen eine Achterbahnfahrt der Gefühle, viel Humor und eine starke und ungehemmte Madison kurz vor dem Durchbruch.

Politisch brisant hingegen wird es beim umstrittenen Drama „Daneh Anjeer Moghadas (Die Saat des Heiligen Feigenbaums)“ des aus dem Iran geflohenen Filmemachers Mohammad Rasoulof, der in seinem Heimatland zu einer achtjährigen Gefängnisstrafe wegen Regimekritik verurteilt wurde. Es gelang ihm dennoch, sein fast dreistündiges Werk nach Cannes zu schmuggeln, wo er mit einem Spezialpreis von der Jury unter dem Vorsitz von Greta Gerwig ausgezeichnet wurde. Ein Richter am Revolutionsgericht gerät ob seiner neuen Rolle mit seiner Familie aneinander und verliert zudem seine Dienstwaffe. Der deutsche Beitrag zur Oscar-Verleihung nächsten März.

Ebenfalls politisch, aber weitaus lustiger und subversiver geht es in „Rumours“ des Regietrios Guy Maddin, Evan Johnson und Galen Johnson zu. Darin wird der G7-Gipfel der Staats- und Regierungschefs der sieben reichsten Demokratien, der in Deutschland stattfindet, zu einer urkomischen Farce, wenn sie sich, während sie an einer gemeinsamen Abschlusserklärung arbeiten, im Wald verlaufen und dort unter anderem auf ein überdimensionales Gehirn stoßen. Cate Blanchett führt als deutsche Bundeskanzlerin, wohl inspiriert von Angela Merkel, das Ensemble an. Wenn das nicht vielversprechend klingt…

Der Oscar-nominierte Schauspieler Jesse Eisenberg („The Social Network“) beweist dieses Jahr, dass er auch das Zeug zum Regisseur hat. Er schrieb und inszenierte die Tragikomödie „A Real Pain“ mit sich selbst und dem Emmy-prämierten Kieran Culkin („Succession“) in den Hauptrollen zweier entfremdeter Cousins, die sich gemeinsam auf familiäre Spurensuche nach Polen begeben, aber aufgrund ihrer unterschiedlichen Charakterzüge aneinandergeraten.

Ganz besonders gespannt bin ich auf Brady Corbets Epos „The Brutalist“. In ausnehmenden 215 Minuten erzählt er die fiktive Geschichte eines ungarischen Holocaust-Überlebenden (Adrien Brody), der nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA emigriert und dort ein aufwendiges Bauprojekt für einen mysteriösen Mäzen (Guy Pearce) übernimmt, das zu Konflikten mit seiner Frau (Felicity Jones) führt. In Venedig mit dem Regiepreis gewürdigt, gilt „The Brutalist“ bereits jetzt als großer Award-Kandidat mit Brody in Bestform.

Ebenfalls bereits hoch für die großen Preise gehandelt wird Jacques Audiard mit seinem Musical-Drama „Emilia Pérez“. Getragen von einem überragenden Frauenensemble, erzählt er die Geschichte eines gefürchteten mexikanischen Drogenbosses (Karla Sofia Gascón), der eine unterbezahlte amerikanische Anwältin (Zoë Saldaña) anheuert, damit er sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen und endlich als Frau leben kann. Saldaña, Gascón und ihre Kolleginnen Selena Gomez und Adriana Paz wurden gemeinsam als Beste Schauspielerinnen in Cannes geehrt, zudem gewann Audiard den Jurypreis.
Weitere Filme, die in den kommenden Wochen und Monaten noch auf einigen Besten- und Nominierungslisten zu finden sein dürften, sind das melancholische indische Frauendrama „All We Imagine as Light“ von Payal Kapadia, Gewinner des Großen Preises der Jury in Cannes, das gefeierte brasilianische Familiendrama „I’m Still Here“ von Walter Salles und die abgründige Tragikomödie „A Different Man“ von Aaron Schimberg mit Sebastian Stan, Renate Reinsve und Adam Pearson in den Hauptrollen.
Das alles und noch vieles mehr findet sich in den nächsten Tagen und Wochen hier auf meiner Plattform. Auf eine spannende, abwechslungsreiche und unvergessliche Viennale 2024. Stay tuned!
Viennale-Trailer 2024 von Radu Jude: