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Ein ganz und gar außergewöhnliches, bildgewaltiges und atmosphärisch dichtes Abenteuer einer Gruppe primitiver Kreaturen. Exklusiv von der Viennale.

Die meisten Filme stehen und fallen mit denen in ihnen gesprochenen Dialogen. Entweder weil sie so ikonisch, zeitlos oder einfach nur cool sind, dass wir sie in unseren Alltag übernehmen und immer wieder aufgreifen („Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann!“, „Show me the money!“, „Nobody’s perfect!“) oder so hanebüchen, übertrieben oder einfach nur grottenschlecht, dass wir gar nicht anders können als sie immer wieder von Neuem aufzugreifen („Ich habe eine Wassermelone getragen.“, „You’re tearing me apart, Lisa!“, „He was in the Amazon with my mom where she was researching spiders right before she died.“). Seit der Entwicklung des Tons im Film 1927 wird auf das gesprochene Wort mindestens genauso viel Wert gelegt wie auf die Bilder.

Und dann ist da „Sasquatch Sunset“, ein Film, der in seinen 90 Minuten nicht eine einzige Dialogzeile enthält, denn, wie es der Titel bereits suggeriert, geht es hier um eine Gruppe von Sasquatch, sogenannten Bigfoots mit überdimensionalen Füßen, starker Fellbehaarung und stattlicher Körpergröße, deren Existenz zwar nicht zweifelsfrei belegt werden kann, aber angeblich in den letzten 150 Jahren immer wieder gesichtet wurden. Da sich diese kryptischen Kreaturen nur durch Grunzen und ausgefallener Körpersprache verständigen können, wird hier kein einziges Wort gesprochen. Das macht es zugegeben bisweilen schwer, der Handlung des Films zu folgen. Durch die starke, von beeindruckender Make-Up- und Hairstyling-Arbeit bewerkstelligte Verwandlung der Schauspieler in ihre Figuren, dauert es auch erst einmal, bis man diese überhaupt voneinander unterscheiden kann. So ging es mir zumindest, als ich mich völlig unvorbereitet in dieses Werk setzte. Die Geschichte folgt jedenfalls einer Gruppe von vier Sasquatches im Laufe eines Jahres, unterteilt in die vier Jahreszeiten. Da wäre einmal das Alphamännchen (Ko-Regisseur Nathan Zellner), das Weibchen (Riley Keough), ihrem Kind (Christophe Zajac-Denek) und einem weiteren männlichen Sasquatch (Jesse Eisenberg). Gemeinsam ziehen sie durch die gebirgigen Wälder Nordkaliforniens, immer auf der Suche nach Artverwandten, bei der Ausübung von Ritualen oder einfach nur beim Nachgehen ihrer Instinkte. Immer wieder gerät die Gruppe während ihres Trecks durch die Wälder in gefährliche Situationen, aus denen sie nicht immer unbeschadet herauskommen.

© Sasquatch Sunset, David Zellner, Nathan Zellner, USA 2024, V’24 Features. Alle Rechte vorbehalten.

Sasquatch Sunset“ erfordert besonders zu Beginn viel Konzentration, um sich mit den Protagonisten zurechtzufinden, aber auch ein gewisses Maß an Eigeninitiative, den Plot für sich selbst zu entschlüsseln, denn den Luxus, dass die Figuren einem schon im richtigen Moment sagen, worauf es in der Geschichte ankommt, gibt es hier nicht. Das macht den Film aber zu einem ungewöhnlichen Experiment, das, wenn man geduldig bleibt und sich dem Gezeigten öffnet, eine unterhaltsame, komische und mitunter auch sehr emotionale filmische Erfahrung bietet. Ich neige sonst gerne dazu, Filme, die ich nicht verstehe und deren Intentionen und Botschaften sich mir nicht erschließen, jedenfalls nicht zeitnah, als langweilig und manchmal auch furchtbar ermüdend und herausfordernd zu erachten. „Sasquatch Sunset“ ist, und das überrascht mich womöglich am meisten, aber gar nichts von alldem, sondern ein kurzweiliges Vergnügen. Vor allem auch, weil der Film so erfrischend anders ist.

Die Regie-Brüder Nathan (der im Film mitspielt) und David (der das Drehbuch geschrieben hat) Zellner verlassen sich aber nicht allein auf das Element des Andersartigen: klar, es gibt hier und da Körpersäftehumor, die Primitivität der vier Protagonisten wird oft und gerne ausgestellt und mit urkomischen Reaktionen von Umstehenden verstärkt. Aber gerade in den intensiven und gefährlichen Situationen entsteht auch so etwas wie eine menschliche Empathie, die eine emotionale Resonanz hervorruft, die man so wahrscheinlich nicht wirklich erwarten würde. Hier darf gelacht, mitgefiebert, mitgelitten und viel gerätselt werden. Eben weil hier nichts explizit ausgesprochen wird, muss das Publikum bereit sein, sich gedanklich mit dem Film, seiner Handlung und deren Hintergründe auseinanderzusetzen. Belohnt wird man dafür allemal.

Sicher kein Film für jeden Geschmack, und einer, der konventionellen Sehgewohnheiten widerstrebt, schaffen es die Zellners und ihre kongenialen und überaus mutigen Kreativpartner, sich hier nicht gänzlich zum Affen zu machen – kein Wortspiel intendiert – sondern ein ungewöhnliches, absurdes, und unvergessliches Fantasy-Abenteuer zu zaubern. Allein schon fürs bemerkenswerte Kreaturendesign sollte der ein oder andere Preis oder Nominierung drin sein!

Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

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