Laut, exzessiv und wild inszeniert Sean Baker die turbulent-tragische Liebesgeschichte zwischen einer Sexarbeiterin und eines verwöhnten russischen Oligarchensohns
Mein erster Gedanke nach den insgesamt 139 Minuten Laufzeit war „Puh!“ Da hat mir dieser Sean Baker aber ein Brett von einem Film vorgesetzt. Er ließ mich etwas erschöpft und grübelnd zurück. Und von dem, was ich im Anschluss an das Screening so von anderen Kinobesuchern gehört habe, stehe ich damit bei weitem nicht allein. „Anora“ ist sicher kein Film für schwache Nerven, und für Puritaner schon gar nicht – hier geht es schließlich um eine junge Frau, die zunächst ihr Geld im Rotlichtmilieu verdient. Es ist aber ein wichtiger Film, denn, wie Baker es vor kurzem in einem Interview so prägnant sagte, braucht das Gegenwartskino Geschichten mit echten Menschen und echten Konflikten, anstatt das 428. Superhelden-/Comicbuch-Abenteuer. Und er legt ein weiteres Außenseiterportrait einer Sexarbeiterin vor, etwas, dem sich Baker schon den Großteil seiner Karriere verschrieben hatte. Seine beiden vorigen Werke, „The Florida Project“ (2017) und „Red Rocket“ (2021) wurden ebenfalls auf der Viennale gezeigt und beide sind beim Publikum wie auch bei mir gut angekommen. Bei „Anora“ ist das nicht anders, und der Film, der die „Palme d’Or“ beim Filmfestival Cannes 2024 gewonnen hat, schickt sich an, noch über Monate hinweg diskutiert zu werden.

Bereits in den ersten Minuten legt Baker mit einem rasanten Tempo los und entführt sein Publikum in die knallbunt-neonfarbene Welt eines New Yorker Stripclubs. Dort begegnen wir dann auch gleich Anora (eine furiose Mikey Madison), die im Laufe des Films darauf bestehen wird, Ani genannt zu werden. Als ein junger Kunde nach einer Escort-Dame mit russischen Sprachkenntnissen fragt, lernt Ani den verwöhnten, verantwortungslosen und impulsiven Ivan (Mark Eydelshteyn) kennen, den sie liebevoll Vanya nennt. Aus einem ausgelassenen Abend wird mehr, als Vanya Ani in sein Haus einlädt und ihr schließlich 15.000 Dollar zahlt, damit sie ihn während der Weihnachtsfeiertage exklusiv von einer Party zur nächsten begleitet, wo Ani, in rauschhaftem Exzess, mehr und mehr den ausschweifenden Lifestyle ihres neuen Freundes genießt. Während eines Aufenthalts in Las Vegas hält er spontan um ihre Hand an, um nicht zu seiner Familie zurückkehren zu müssen. Ebenso spontan geben sie sich das Jawort. Als dann aber Vanyas Familie aus den sozialen Netzwerken davon erfährt, schicken sie seinen armenischen Aufpasser Toros (Karren Karagulian) los, die Ehe sofort wieder annullieren zu lassen, bevor die Eltern in den Staaten eintreffen. Die Sache eskaliert völlig, als Toros und sein schusseliger Partner Garnick (Vache Tovmasyan) und der einigermaßen sensible und verständnisvolle Igor (Yura Borisov) die Annullierung unverzüglich erzwingen wollen.
Stellenweise verliert sich der Film in seine Situationskomik, sodass es mit zunehmender Laufzeit herausfordernd werden kann, dem vielen Fluchen, Schreien und Rangeln zuzuschauen. Viele ruhige Momente gönnt Baker seinen Figuren und dem Publikum hier nicht, besonders Madison geht in einigen intensiven Szenen hart an die Grenze. Ist die erste Hälfte des Films noch geprägt und durchzogen von einem Übermaß an Sex, Drogen und Rock ´n´ Roll, verschiebt sich der Fokus später auf eine ausgiebige und von vielen Wortgefechten begleitete Schnitzeljagd, ehe es zum Schluss dann noch einmal bittersüß und emotional wird.

„Anora“ lebt und atmet dank seiner herausragenden Darstellerin, die hier viel Mut beweist, den Part einer Sexarbeiterin mit vollem Körpereinsatz zu übernehmen und überzeugend zu porträtieren. Dies ist in jeder Einstellung Mikey Madisons Show und ihre russischen und armenischen Szenenpartner sind nur Teil davon. Bakers Inszenierung hätte etwas mehr Zurückhaltung durchaus gut getan, dem Drehbuch mehr Nuancierung, dasselbe gilt auch für die Figurenzeichnung der Nebenrollen.
Wie „Pretty Woman“ auf Steroiden, ist „Anora“ ein abgefahrener Trip vom New Yorker Rotlichtmilieu hinein in den wilden Lifestyle eines maß- und gefühllosen russischen Playboys. Eine wilde Achterbahnfahrt der Emotionen, die einen so bald nach dem Abspann nicht wieder loslässt. Zur Abwechslung mal ein Palmengewinner, der sich diese Ehre durchaus verdient.
Wertung: drei von vier Sternen!
Trailer: