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Da ist es also, das neue Ding des legendären Regiederwischs. Ist der Film wirklich so schlecht, wie er von Kritikern und Industrieinsidern gehandelt wird oder taugt das Science-Fiction-Werk doch etwas?

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, das sich durch die gesamten 138 Minuten Laufzeit dieses Films zieht. Visuell ist „Megalopolis“ ganz klar ein Werk des 21. Jahrhunderts – sehr viele Einstellungen sind vor Greenscreens entstanden, der Einsatz einer neuartigeren Technik, die etwa bei der „Star Wars“-Serie „The Mandalorian“ genutzt wird, musste aus Kostengründen verworfen werden. Und doch haftet dem Film auch ein Stück weit ein gewisser altmodischer Flair an, etwa in den Dialogen, kunstvoll verschachtelt, mal mehr, mal weniger angelehnt an Klassiker der Literatur- und Theatergeschichte. An einer Stelle rezitiert Adam Drivers Cesar Catilina sogar direkt Hamlets „Sein oder Nichtsein“-Monolog. Es passt aber durchaus zu einem Film, dessen Handlung sich grundsätzlich auf den Konflikt bezieht zwischen jenen, die die alteingesessenen Wertevorstellungen verteidigen und den Status Quo beibehalten möchten und jenen, die große Sorge tragen ob der Zukunft unserer Städte und unserer Zivilisation. Dieser Tage, etwa im erbittert geführten Wahlkampf in den Vereinigten Staaten ums Präsidentenamt, lassen sich realpolitische Parallelen ausmachen. Wenn die demokratische Kandidatin Kamala Harris in Richtung ihres republikanischen Rivalen Donald Trump sagt, „Wir gehen nicht mehr zurück!“, dann könnte dieser Satz genauso aus dem Mund Cesars kommen, der seinem Gegenüber, Bürgermeister Franklin Cicero (Giancarlo Esposito) vorwirft, keinesfalls am Wohlergehen und der Sicherheit der Bürger von New Rome interessiert zu sein. „Das Jetzt darf nicht das Für-Immer zerstören“, sagt Cesar sinngemäß an einer anderen Stelle im Film.

© 2024 American Zoetrope, Constantin Film, Lionsgate. Alle Rechte vorbehalten.

Aber dieser Clinch zwischen dem altmodischen Bürgermeister und dem futuristisch denkenden Architekten, der für einen revolutionären, aber nicht gänzlich als sicher eingestuften Baustoff namens „Megalon“ den Nobelpreis gewann, ist nur eine Ebene in einem äußerst überladenen Epos der 85jährigen Regielegende Francis Ford Coppola, der die Genese von „Megalopolis“ am chaotischen Set seines Kriegsfilms „Apocalypse Now“ Ende der 1970er Jahre entwickelte. Sein Plan war es, die Catilinarische Verschwörung zur Zeit des Römischen Reiches in ein futuristisches New York zu überführen – daher auch das dem Titel beigefügte Anhängsel „A Fable“. „Megalopolis“ fühlt sich wie eine schräge Mischung aus Fritz Langs Genre-Meilenstein „Metropolis“ (1927) und Tinto Brass‘ ruchloses und dekadentes Historienepos „Caligula“ (1979) an, neben Versatzstücken unzähliger anderer Vorbilder, wie z.B. Ayn Rands Roman „The Fountainhead„. Von „Metropolis“ dürfte nicht nur der Titel inspiriert sein, sondern auch der Subplot rund um Julia Cicero (Nathalie Emmanuel), die versucht, zwischen Cesar und ihrem Vater zu vermitteln und damit die fast ein Jahrhundert alte Weisheit Langs und seiner damaligen Co-Autorin Thea von Harbou unterstreicht: „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.“ Und auch die Parallelen zum ausufernden und für seine pornografischen Szenen berüchtigt gewordenen „Caligula“ sind nicht von der Hand zu weisen. Hier kommt der seinerseits von Skandalen gebeutelte Shia LaBeouf ins Spiel, der als Cesars flamboyanter, intriganter und unterschwellig inzestuös agierender Cousin Clodio für allerlei denkwürdigen machtgierigen Schabernack sorgt und mit einer überkandidelten Performance hervorsticht.

© 2024 American Zoetrope, Constantin Film, Lionsgate. Alle Rechte vorbehalten.

Aber das ist noch längst nicht alles: dann ist da noch die um Einfluss buhlende platinblonde Reporterin Wow Platinum (Aubrey Plaza) – so einen Rollennamen muss man sich einmal ausdenken – die, weil sie den von ihr begehrten Cesar nicht haben kann, kurzerhand seinen unverschämt reichen Onkel Hamilton Crassus III (Jon Voight) trotz großen Altersunterschieds ehelicht, ihren Anspruch auf das verkopfte Design-Genie gegenüber Julia aber nicht aufgibt. Auch Plaza holt aus ihrer Rolle heraus, so viel sie kann, auch wenn ihr nicht allzu viel Raum bleibt. Wer meinen Ausführungen bis hierher noch einigermaßen folgen kann, der ist vielleicht für einen Kinobesuch gewappnet.

Megalopolis“ ist garantiert kein Film für jeden Geschmack, und er erfordert sehr viel Konzentration und Geduld. Es schlummern sehr viele Ideen, einige gut, einige schlecht, einige vollkommen verrückt, in diesem Werk, so viele, dass sie locker für eine Reihe von Filmen reichen würden. Aber weil Coppola sie in sein über zweistündiges, selbsterklärtes Magnum Opus steckt und darüber hinaus auch noch während der Dreharbeiten viel herumexperimentiert und improvisiert hat, vermischt sich das Ganze zu einer eigenartigen Tinktur. Viel zu oft geht hier der Faden verloren, Coppolas Plädoyer für mehr Nachhaltigkeit und einem sorgsameren Umgang mit unserer Welt, besonders im Hinblick auf kommende Generationen, ist zwar gut durchdacht und subtil inszeniert, geht aber in dem pompös aufgezogenen Spektakel fast unter. Die Bilder sind schön komponiert, wie auch die Musik des argentinischen Musikers Osvaldo Golijov. Die Effekte wirken nicht unbedingt wie ein Blockbuster mit hohem Budget, sondern viel eher wie ein experimenteller Arthouse-Film mit hohem Budget. Ob sich für Coppola das große Investment, das er für „Megalopolis“ getätigt hat, im Endeffekt lohnen wird, darf bedauerlicherweise bezweifelt werden.

© 2024 American Zoetrope, Constantin Film, Lionsgate. Alle Rechte vorbehalten.

Ich persönlich halte „Megalopolis“ hingegen keinesfalls für einen Misserfolg, vielmehr als das mutige, womöglich letzte Aufbäumen einer Regielegende, die sich nie sonderlich um Konventionen geschert oder nach Kritikerlob geangelt hat. Und auch wenn das Endergebnis von der Summe seiner einzelnen Teile geschmälert wird, und Coppola das große Potenzial seiner Story nicht vollends ausschöpft, gelingt ihm ein faszinierendes Werk, das, wenn man sich darauf einlässt, viel Stoff zum Nachdenken und Nachforschen bieten wird.

Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

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