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Mit vier Filmen machte sich der amerikanische Ausnahmeregisseur in den 1970er Jahren unsterblich. Nach einer Reihe kostspieliger Flops kehrt Coppola 2024 mit seinem ambitioniertesten Projekt, einem Science-Fiction-Drama, zurück. Anlass für ein umfassendes, zweiteiliges Portrait. Teil I rekapituliert seinen Aufstieg und Höhepunkt.

Über kaum einen Film wurde dieses Jahr mehr gemunkelt und getuschelt als über „Megalopolis“, das groß angekündigte Comeback des legendären Filmemachers Francis Ford Coppola. Das Science-Fiction-Drama erlebte seine Uraufführung im Rahmen des Wettbewerbs der Filmfestspiele von Cannes Mitte Mai mit großem Staraufgebot. Doch die Reaktionen auf das bildgewaltige Werk, an dem er seit über vier Jahrzehnten mit Unterbrechungen gearbeitet hat, fielen gemischt aus. Von einer triumphalen Rückkehr zu alter Form bis hin zu vernichtender Kritik an seiner fehlgeleiteten Ambition reichen die Kommentare zum Film, der Ende September 2024 weltweit in die Kinos kommt – auch in IMAX, exklusiv für eine Woche. Die hitzig geführten Debatten zu „Megalopolis“ stehen sinnbildlich für die gesamte, über 60 Jahre andauernde Karriere Coppolas, die von großen Erfolgen, aber auch ebenso großen Misserfolgen durchsetzt ist. An seinem Status als einer der einflussreichsten, prägendsten und stilbildenden Filmemacher der Filmgeschichte mag dies nicht allzu viel ändern.

1960er Jahre: Studium und erste Regiearbeiten

© 1966 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Als Sohn des Komponisten und Musikers Carmine Coppola und Italia Coppola am 7. April 1939 in Detroit geboren, studierte Francis zunächst Theaterwissenschaft an der Hofstra Universität, bevor er für ein Filmstudium an die University of California Los Angeles wechselte, wo seine ersten Kurzfilme entstanden. Daneben verdiente er Geld mit der Produktion von Erotikfilmen („Nudie-Cuties“, wie sie salopp genannt wurden). Wie viele anderer seiner Kollegen verdankt auch Coppola dem legendären B-Movie-Produzenten Roger Corman (1926 – 2024) seine ersten erfolgreichen Gehversuche in der amerikanischen Filmbranche. Nach ein paar Arbeiten als dessen Assistent verhalf Corman Coppola 1963 zu seiner ersten abendfüllenden Spielfilmarbeit: dem Low-Budget-Horrorfilm „Dementia 13“, in dem eine Erbschleicherin ihren Mann ermordet, nur um dann an seine makabre Familie mit einem grusligen Geheimnis zu geraten. Während der Dreharbeiten lernte Coppola die assistierende Produktionsdesignerin Eleanor Jessie Neil (1936 – 2024) kennen, die er im selben Jahr heiratete. Mit seinem zweiten Film „You’re A Big Boy Now“ (1966), eine absurde Komödie nach einem gleichnamigen Roman des britischen Autors David Benedictus, schloss Coppola sein Studium an der UCLA ab. Darin verlässt ein junger, verklemmter Mann sein Elternhaus und ist zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen. Als überfürsorgliche Mutter wurde Geraldine Page für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert, hinzu kamen drei Nominierungen für einen Golden Globe. Im selben Jahr steuerte Coppola zudem die Drehbücher zu den Filmen „Is Paris Burning?“ und „This Property Is Condemned“ bei.

© 1968 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Als nächstes verfilmte Coppola das Fantasy-Musical „Finian’s Rainbow“ (1968) von E.Y. Harburg und Fred Saidy, die auch die Adaption für die Leinwand übernahmen. Der legendäre Tanzvirtuose Fred Astaire übernahm die Titelrolle eines gewieften irischen Immigranten, der einen Leprechaun um seinen Topf voll Gold bringt und diesen in die Nähe des Goldspeichers von Fort Knox bringen möchte, im Glauben es dort zu vermehren. Bald streiten sich mehrere skurrile Charaktere um das Gold und seine magischen Kräfte und allerlei Situationskomik entsteht. Bereits im folgenden Jahr realisierte Coppola seinen vierten Spielfilm „The Rain People“, ein Road-Movie, in dem eine schwangere Frau (Shirley Knight) mit einem orientierungslosen Anhalter (James Caan) umherreist und schließlich an einen psychotischen Straßenpolizisten (Robert Duvall) gerät. Mit jugendlichen 30 Jahren etablierte sich der Regisseur bereits als vielseitiger Autorenfilmer, der sich im gerade aufkommenden „New Hollywood“ schnell einen Namen machte.

1970: Durchbruch als Drehbuchautor

© 1970 20th Century Fox. Alle Rechte vorbehalten.

Für Franklin J. Schaffners epische, fast dreistündige Filmbiografie „Patton“, die das Leben und die militärische Karriere des hochdekorierten Generals George S. Patton während des Zweiten Weltkriegs dramatisierte, schrieb Francis Ford Coppola gemeinsam mit Edmund H. North ein Originaldrehbuch. Unvergessen ist die Eröffnungsszene, in der George C. Scott vor einer überdimensionalen amerikanischen Fahne eine flammende, patriotische Rede vor der dritten Armee kurz vor der Normandie-Invasion 1944 hält. Sowohl der Film, Schaffners Regie, Coppolas und Norths Drehbuch als auch Scotts Performance wurden mit Oscars prämiert, Scott lehnte seinen Preis jedoch aus moralischen Gründen ab.

1972: Die ultimative Familiensaga

© 1972 Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Als sich Paramount Pictures 1969 die Rechte an Mario Puzos Mafiaroman „The Godfather“ sicherte, tat sich das Studio schwer, einen geeigneten Regisseur zu finden. Produzent Robert Evans wollte passenderweise einen italienisch-stämmigen Filmemacher engagieren, und seine erste Wahl war Sergio Leone, der jedoch ablehnte, zumal er bereits an Harry Greys Buch „The Hoods“ interessiert war, das er letztendlich 1984 unter dem Titel „Once Upon a Time in America“ verfilmte. Evans‘ Assistent schlug Coppola vor, der nach anfänglichem Zögern und gutem Zureden von Familie und Freunden annahm. Die Produktion des Films gestaltete sich äußerst schwierig, das Studio zeigte sich unzufrieden mit den eskalierenden Produktionskosten, Gordon Willis‘ oftmals dunklen und unterbelichteten Bildern und ständigen Differenzen am Set. Hauptdarsteller Marlon Brando, für den die Rolle des Familienoberhaupts ein großes Comeback nach einer Reihe künstlerischer Misserfolge darstellte, schlug sich demonstrativ auf Coppolas Seite, als dieser durch Elia Kazan ersetzt werden sollte – Coppola selbst kämpfte mit dem Studio um seine Wunschbesetzung. Der Rest ist Geschichte: im März 1972 uraufgeführt, wurde „The Godfather“ ein überwältigender Erfolg bei Kritikern und Publikum. Die exquisite Besetzung – u.a. Al Pacino, Robert Duvall, James Caan, Diane Keaton, Coppolas Schwester Talia Shire und John Cazale – wurden allesamt weltberühmt. Coppolas Abgesang auf den amerikanischen Traum durch das Sujet einer kriminellen Gangsterfamilie gilt als absoluter Meilenstein des amerikanischen Kinos. Oscars für den besten Film, Puzos und Coppolas Drehbuchadaption und Brandos Hauptrolle – den er aber, wie bereits George C. Scott aus anderen Gründen zwei Jahre zuvor, ablehnte, weil er die mangelhafte Repräsentation amerikanischer Ureinwohner in Film und Fernsehen missbilligte – bezeugen das.  

1974: Am Gipfel des Erfolgs

© 1974 Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Bevor er dann Ende 1974 mit dem zweiten Teil der Corleone-Saga auf die Leinwand zurückkehrte, präsentierte Coppola ein paar Monate vorher in Cannes seinen beklemmenden, ungemein spannenden und zeitgemäßen Noir-Thriller „The Conversation“. Darin spielt Gene Hackman den Überwachungsexperten Harry Caul, der in San Francisco für einen mysteriösen Auftraggeber ein Pärchen beschatten soll und in Folge dessen in ein nervenaufreibendes Komplott gerät, das den schuldgeplagten und paranoiden Caul an seine Grenzen bringt. Die Überwachungstechniken, die im Film zu sehen sind, haben erstaunliche Ähnlichkeit mit jenen, die im „Watergate“-Fall zum Einsatz gekommen waren. Durch die zeitliche Nähe des besagten Skandals, der US-Präsident Richard Nixon im August 1974 zum Rücktritt bewog, erhielt der Film eine erhöhte Brisanz. Im Schatten seines anderen großen Erfolgs im gleichen Jahr liefert Coppola hier eine Masterclass im Genre des Mystery-Thrillers ab, mit Hackman in bestechender Form. Für „The Conversation“ gewann Coppola beim Filmfestival in Cannes seine erste „Goldene Palme“.

© 1974 Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Im Dezember 1974 war es dann soweit und „The Godfather Part II“ feierte seine Uraufführung. Coppola, der den Film diesmal auch produzierte, und Puzo entwickelten den zweiten Teil sowohl als Fortsetzung als auch als Vorgeschichte der Corleone-Familie. In zwei parallelen Handlungssträngen wird der Aufstieg Vito Andolinis (Robert De Niro) von einem Flüchtlingskind zu einem angesehenen Bürger New Yorks und rechtschaffenem Familienvater mit Michael Corleones (Al Pacino) moralischem Niedergang und dem Auseinanderbrechen seiner Familie und seines Ansehens kontrastreich geschildert. Kritiker waren zunächst alles andere als begeistert von dem auf den ersten Blick ungewöhnlichen und kunstvollen Ansatz, den Coppola mit „The Godfather Part II“ verfolgte, doch die Academy würdigte den Film mit sechs Oscars – drei davon gingen an Coppola als Produzent, Regisseur und Co-Autor, während Nebendarsteller De Niro wie bereits Brando zwei Jahre zuvor für seine Performance als Don Vito ausgezeichnet wurde. Neben De Niro wurden auch der legendäre Schauspielcoach Lee Strasberg in einem seiner wenigen Leinwandauftritte und Michael V. Gazzo für ihre Nebenrollen nominiert. Dass unterdessen Pacino den Preis für den besten Hauptdarsteller nicht gewann, ist eine der größten Fehlentscheidungen der „Academy“. Heute gilt der Film nicht nur als eine der besten Fortsetzungen aller Zeiten, sondern als zeitloses Meisterwerk.

Im selben Jahr verantwortete Coppola auch das Drehbuch zur Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Kult-Roman „The Great Gatsby“ von Jack Clayton mit Robert Redford und Mia Farrow. Mit der Umsetzung war er jedoch nicht zufrieden.

1979: Tour de Force für ein weiteres Meisterwerk

© 1979 American Zoetrope, United Artists. Alle Rechte vorbehalten.

Für sein nächstes Regie-Projekt nach diesem großen Triumph tat sich Coppola mit dem Drehbuchautor John Milius zusammen. Von seinem Professor an der Filmhochschule herausgefordert, wagte sich Milius an eine Adaption der scheinbar unverfilmbaren Kolonialismus-Novelle „Heart of Darkness“ (1899) des Autors Joseph Conrad, an der sich bereits Orson Welles die Zähne ausgebissen hatte. Für „Apocalypse Now“ verlegte er die Handlung jedoch in das Vietnam der damaligen Gegenwart und nutzte den dort herrschenden Stellvertreterkrieg als Allegorie für die Reise ins Herz der Finsternis. Martin Sheen spielt Captain Benjamin Willard, der von seinen Vorgesetzten den Auftrag erhält, den Nùng-Fluss hinaufzufahren, um im tiefsten Dschungel des östlichen Kambodscha den vollkommen verrückt gewordenen Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando) zu ermorden, der unter den Einheimischen zu einer Art überlebensgroßer Sektenführer aufgestiegen ist. Die Produktion des Films ist mindestens ebenso faszinierend wie das daraus resultierende Endprodukt. Eleanor Coppola veröffentlichte 1991 eine Dokumentation dazu unter dem Titel „Hearts of Darkness“. Was ein einigermaßen routinemäßiger Dreh von 16 Wochen werden sollte, entwickelte sich zu einem monatelangen Albtraum für alle Beteiligten: Martin Sheen erlitt einen Herzinfarkt und hatte im Hotelzimmer in Saigon vor laufenden Kameras einen Nervenzusammenbruch, was im fertigen Film auch zu sehen ist. Brando kam nicht nur völlig unvorbereitet, sondern auch noch übergewichtig zum Drehort, was erklärt, warum Kurtz nur aus dem Dunkeln heraus agiert. Unvorhergesehene Wetterkapriolen zerstörten Sets. Coppola soll sogar mehrere Male gedroht haben, seinem Leben ein Ende zu setzen. Als der Film 1979 in den Wettbewerb nach Cannes eingeladen wurde, war er noch gar nicht fertiggestellt. Nichtsdestotrotz überreichte die Jury unter dem Vorsitz der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan Coppola eine der beiden Goldenen Palmen neben Volker Schlöndorffs Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“. Bei Gesamtkosten von über 45 Millionen Dollar spielte der Film an den Kinokassen über 100 Millionen wieder ein. Mit acht Oscar-Nominierungen bedacht, gewann „Apocalypse Now“ zwei: für Vittorio Storaros Kameraarbeit und den Ton. 2001 wurde der Film in einer auf 202 Minuten verlängerten „Redux“-Fassung wieder in die Kinos gebracht, die Coppola dann zum 40jährigen Jubiläum des Films 2019 wiederum um 20 Minuten kürzte. Diese Version, „Apocalypse Now: Final Cut“ ist seine bevorzugte Wunschversion des Films.

Mit „Apocalypse Now“ endete nicht nur Coppolas erfolgreichstes und abwechslungsreichstes Jahrzehnt, sondern wohl auch seine Glückssträhne. Denn auch wenn Kritiker ihn immer wieder unterschätzten, hatte er mit den beiden „Godfather“-Filmen, „The Conversation“ und „Apocalypse Now“ dennoch große Erfolge verbucht. Der zweite Teil dieses umfassenden Specials greift Francis Ford Coppolas weitere wendungsreiche Karriere bis hin zur Gegenwart auf.

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