Wie jedes Jahr gab es in der italienischen Lagunenstadt große Filmkunst zu bestaunen, über die in den kommenden Monaten noch häufiger gesprochen wird. Triumph, Tragik, und alles dazwischen.
Jurypräsidentin Isabelle Huppert ist wahrlich nicht zu beneiden – und irgendwie aber doch. Einerseits hat sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Qual der Wahl, die Preise an würdige Gewinner zu überreichen, andererseits hatte sie auch das Privileg, rund zwei Dutzend Filmperlen aus aller Welt exklusiv bestaunen zu dürfen. Und für die diesjährige Ausgabe hat sich der langjährige Festivaldirektor Alberto Barbera wieder einmal nicht lumpen lassen und einige der interessantesten Filmemacher des Gegenwartskinos an den Lido eingeladen, um die Magie des bewegten Bildes zu zelebrieren und am Leben zu erhalten, was in manchen Fällen auch wörtlich zu nehmen ist, etwa wenn Jungregisseur Brady Corbet das längst als ausgestorben geltende „Vistavision“-Format – 70mm-Projektion aus den glorreichen 1950er Jahren – entstaubt.
Die Preisträger des Jahres 2024 haben allesamt auf ihre Weise einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und einige von ihnen werden nicht nur in die Annalen Venedigs eingehen, sondern womöglich auch andernorts.

Den Hauptpreis des Festivals, den Goldenen Löwen, gewann die spanische Regielegende Pedro Almodóvar. Sein neuestes Melodram, „The Room Next Door“ ist seine erste englischsprachige Produktion, doch auch hier nimmt er sich wieder universellen Themen an. Julianne Moore spielt eine gefeierte Schriftstellerin, die nach Jahren der Entfremdung mit einer einst engen Freundin, gespielt von Tilda Swinton, wiedervereint wird. Letztere bittet sie darum, ihr in ihren letzten Lebenstagen beizustehen. Bei seiner Premiere wurde der Film mit einer 17minütigen stehenden Ovation bedacht und auch die Jury zeigte sich tief bewegt und beeindruckt. Almodóvar und seine beiden neuen Musen könnten am Anfang einer erfolgreichen Award-Saison stehen.

Für den Großen Preis der Jury fiel die Wahl auf das italienische Drama „Vermiglio“ von Maura Delpero. Eine Familientragödie im gleichnamigen Bergdorf in Trentino mit drei Schwestern im Zentrum der Handlung, von der sich eine mit einem desertierenden Soldaten vermählt. Von ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert, schrieb und inszenierte Delpero ein zurückhaltendes, aber nichtsdestotrotz wuchtiges Drama, das Ende September in die italienischen Kinos kommt.

Der Spezialpreis der Jury wurde indes an die georgisch-italienisch-französische Ko-Produktion „April“ von Dea Kulumbegashvili vergeben. Ein zeitgemäßes und dieser Tage besonders brisantes Thema, Abtreibung, steht im Zentrum der Handlung, in der Nina (Ia Sukhitashvili) ihre Wertevorstellungen und Handlungen verteidigen muss, als sie, trotz drakonischer rechtlicher Konsequenzen, im ländlichen Georgien beschuldigt wird, ihre Patienten grob vernachlässigt zu haben. Ein Film, der für viel Gesprächsstoff sorgen dürfte.

Mit dem Preis für die Beste Regie wurde das ambitionierte und epische Unterfangen Brady Corbets gewürdigt, „The Brutalist“ auf die große Leinwand zu bringen. Sieben Jahre entwickelte er mit seiner Lebensgefährtin Mona Fastvold dieses Projekt, in dem ein jüdischer Architekt und Holocaust-Flüchtling (Adrien Brody) in die USA emigriert und dort für einen wohlhabenden Geschäftsmann (Guy Pearce) ein aufwendiges Bauprojekt plant, was die Beziehung zu seiner Frau (Felicity Jones) auf eine harte Probe stellt. Auf 70mm-Film gedreht und mit über dreieinhalb Stunden ein ausdauerndes Filmerlebnis, aber den ersten Kritiken nach zu urteilen eine überwältigende und herausragende Leistung. Ein Geheimtipp, den man auf jeden Fall im Auge behalten sollte.

Den Preis für das Beste Drehbuch durften Murilo Hauser und Heitor Lorega für den auf Tatsachen beruhenden brasilianischen Thriller „I’m Still Here“ von Walter Salles entgegennehmen. Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Marcelo Rubens Paiva, der damit das plötzliche Verschwinden seines Vaters, des brasilianischen Kongressabgeordneten Rubens Paiva im Jahr 1971 während der Militärdiktatur aufarbeitet. „I’m Still Here“ schildert das Leben von Rubens‘ Frau Eunice (Fernanda Torres als jüngere, Fernanda Montenegro als ältere Frau) und ihren fünf Kindern, darunter Marcelo. Ein aufwühlendes und bedrückendes Zeitdokument.

Die Darstellerpreise, die Volpi-Cups, gingen zum einen an den französischen Charakterdarsteller Vincent Lindon für seine Rolle in „The Quiet Son“ als alleinerziehender Vater zweier junger erwachsener Söhne, von denen einer in die rechtsradikale Szene abzudriften droht und zum anderen an Hollywood-Ikone Nicole Kidman in Halina Reijns aufregendem und prickelndem Erotik-Thriller „Babygirl“ als erfolgreicher, aber sexuell frustrierter CEO in einem renommierten Unternehmen, die hinter dem Rücken ihres treusorgenden Ehemanns (Antonio Banderas) eine Affäre mit ihrem um viele Jahre jüngeren Praktikanten (Harris Dickinson) beginnt. Als bester Jungschauspieler wurde zudem Paul Kircher für seine Performance in dem französischen Coming-of-Age-Drama „And Their Children After Them“ der Regie-Zwillingsbrüder Ludovic und Zoran Boukherma ausgezeichnet.

Nun, wie haben sich aber die anderen großen Produktionen mit Starpower und viel internationaler Zugkraft in Venedig geschlagen? Zuallererst der Elefant im Raum: Todd Phillips‘ mit Spannung erwartete Fortsetzung seines Milliardenhits, „Joker: Folie à Deux“ konnte, zumindest bei den Kritikern, die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Die Musical-Elemente kommen zwar gut an und Lady Gaga als Harley Quinn gibt einen kongenialen Gegenpart zu Joaquin Phoenix‘ Joker, hat aber sonst nicht viel zu tun. Man darf trotzdem davon ausgehen, dass der Film ein Erfolg an den Kinokassen wird, wenn auch womöglich nicht so groß wie noch vor fünf Jahren.

Den wohl denkwürdigsten Auftritt des Festivals legte hingegen Angelina Jolie hin. Nachdem es in den letzten Jahren eher ruhig um sie geworden war – zumindest karrieretechnisch – schickt sie sich nun für ein großes Comeback an, das Erinnerungen an Renée Zellweger weckt, die vor fünf Jahren als Judy Garland nach mehrjähriger Absenz zurückkehrte und prompt ihren zweiten Oscar gewann. Interessante Parallelen, die sich hier auftun, denn Jolie wird bereits als ernsthafte Anwärterin für die nächste Verleihung Anfang März 2025 gehandelt. „Maria“ bildet den Abschluss einer Trilogie des chilenischen Filmemachers Pablo Larraín über bedeutende Frauenfiguren des 20. Jahrhunderts. Nach Jackie Kennedy (Natalie Portman) 2016 und Prinzessin Diana (Kristen Stewart) 2021 erzählt Larraín in „Maria“ von den letzten Tagen im Leben einer der wohl legendärsten Opernsängerinnen aller Zeiten, Maria Callas. Ähnlich zerbrechlich wie einst Marion Cotillard, ebenfalls Oscar-gekrönt, als Édith Piaf in „La Vie en Rose“ (2007), spielt sich Jolie hier die Seele aus dem Leib.

Der umtriebige und unermüdliche italienische Auteur Luca Guadagnino ließ es sich nicht nehmen, auch heuer wieder nach Venedig zu kommen und einen neuen Film in den Wettbewerb zu bringen. Daniel Craig arbeitet weiter daran, sein Image als James Bond des frühen 21. Jahrhunderts abzuschütteln und spielt in „Queer“, der Verfilmung des autobiografischen Romans von Beat-Autor William S. Burroughs, dessen Alter Ego William Lee, der sich in der Drogenszene von Mexiko-Stadt in einen jungen Dealer (Drew Starkey) verliebt. Lange als unverfilmbar gegolten, wagt Guadagnino eine Umsetzung, die ziemlich sicher nicht massentauglich sein dürfte. Craig wird für seine mutige und facettenreiche Performance gelobt.

Und Justin Kurzels Actionthriller „The Order” über einen FBI-Agenten (Jude Law), der eine Gruppe rechtsradikaler Verbrecher durch den pazifischen Nordwesten der 1980er Jahre jagt, angeführt vom charismatischen Neonazi Bob Matthews (Nicholas Hoult), erhielt durchwegs positive Notizen und erhält hoffentlich auch hierzulande einen zeitnahen Kinostart.
Mit dem nun abgeschlossenen Venediger Filmfestival ist der heiße Kinoherbst endlich eingeläutet und die diesjährige Award-Saison wird in den kommenden Wochen zunehmend an Fahrt aufnehmen. Viel Aussagekraft lässt sich vom Lido nicht herauslesen, aber gemeinsam mit Toronto und Telluride lässt sich schon einmal ein erster Überblick erahnen. Der ein oder andere Festivalteilnehmer wird hoffentlich auf der Viennale gezeigt, die heuer vom 17. bis 29. Oktober stattfindet.