Keanu Reeves wird im Science-Fiction-Franchise der Wachowski-Geschwister zu einem unverhofften Messias der Cyberpunk-Generation und schreibt damit Popkultur-Geschichte.
Irgendwann, gegen Ende der 1990er Jahre, da war das Internet noch eine relativ neue und in der breiten Öffentlichkeit wenig beachtete technische Neuerung, dessen Versprechen einer vollkommenen globalen Vernetzung mit allen Informationen in Echtzeit den Übergang ins neue Jahrtausend einläuten sollte. Computergenerierte Effekte in Filmen haben dank brillanter Meilensteine wie „Terminator 2: Judgment Day“ (1991) von James Cameron und „Jurassic Park“ (1993) und dessen 1997er-Fortsetzung von Steven Spielberg die Messlatte fotorealistischer, bildgewaltiger Blockbuster noch einmal erheblich nach oben geschraubt, auch wenn, abgesehen von diesen beiden Pionierleistungen, die überwiegende Mehrheit der im letzten Jahrzehnt des zweiten Millenniums produzierten Werke sehr schlecht gealtert sind – ich empfehle z.B. einen Blick auf Szenen aus „The Lawnmower Man“ (1992) oder der Comicverfilmung „Spawn“ (1997) zu werfen, um zu verstehen, was ich damit meine.

Die Karriere von Keanu Reeves, geboren am 2. September 1964 im Libanon, nahm in diesen Jahren ebenfalls ein wenig an Fahrt auf, nachdem er sich als draufgängerischer Cop in einem mit einer Bombe versehenen Bus in „Speed“ (1994) erstmals in einem Actionfilm beweisen durfte. Der ebenfalls stark in die Jahre gekommene Cyber-Thriller „Johnny Mnemonic“ (1995) nach Vorlage von Science-Fiction-Kultautor William Gibson, in dem Reeves einen Datenkurier spielt, dessen Gehirn wie eine externe Festplatte funktioniert, und der damit zu einer Zielscheibe verschiedenster Figuren wird, weil er als Schlüssel zur Bekämpfung eines tödlichen Virus fungiert, war zwar ein Misserfolg, genießt aber mittlerweile den Status eines Kultfilms. Diese beiden Rollen ebneten ihm aber schließlich den Weg zum wohl ambitioniertesten Projekt, welches in Hollywood zu jener Zeit die Runde machte.

Die beiden Geschwister Lily und Lana Wachowski – in den 90ern noch als Brüder Andy und Larry firmierend – machten mit ihrem spekulativen Drehbuch „Assassins“ (1995) von sich reden, welcher, stark umgestaltet, von Regisseur Richard Donner („Superman: The Movie“ [1978], „Lethal Weapon“-Reihe) als Vehikel für Sylvester Stallone umfunktioniert wurde. Ihr Drehbuch für den Neo-Noir-Crime-Thriller „Bound“ (1996), in dem sich zwei Frauen (Jennifer Tilly und Gina Gershon) ineinander verlieben und sich gegen allerhand krimineller Gestalten zur Wehr setzen, inszenierten die beiden dann doch lieber selbst. Dadurch sahen sie sich in der Lage, bei den großen Studios vorzusprechen, denn Andy (Lily) und Larry (Lana) hatten ein wesentlich größeres Eisen im Feuer. Inspiriert von ihrer Faszination für asiatisches Kampfkunst-Kino, Graphic Novels und mit einem großen Interesse an philosophischen Themen ausgestattet, schufen sie das Konzept für einen einmaligen Science-Fiction-Blockbuster, der, wie sich später herausstellen sollte, genau zur richtigen Zeit gekommen war.
Aber relativ unerprobten jungen Filmemachern einfach so ein Budget von rund 63 Millionen Dollar in die Hand zu drücken, war den Studiobossen bei Warner zu riskant. Sie gaben den Wachowskis nur einen Bruchteil des geforderten Geldes, weil sie sich wahrscheinlich ein eher mittelprächtiges finanzielles Ergebnis erhofften. Schauspielveteranen Laurence Fishburne („Apocalypse Now“ [1979], „What’s Love Got to Do with It” [1993]) und Joe Pantoliano (“The Fugitive” [1993], “Bad Boys” [1995]), der aufstrebende Mime Hugo Weaving (“The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert” [1994]) und die noch weitgehend unbekannte Carrie-Anne Moss wurden in wichtigen Parts besetzt. Die wichtigste Personalie, die der Hauptfigur, wurde zunächst Will Smith angeboten. Ende der 1990er Jahre galt der charismatische Schauspieler, nach seiner eigenen Sitcom „The Fresh Prince of Bel Air“ (1990 – 1996) sowie den Megaerfolgen „Independence Day“ (1996) und „Men in Black“ (1997) als absolut sichere Bank und Publikumsmagnet. Doch ein komplexes, tiefgründiges und noch dazu für ein erwachsenes Publikum ausgerichtetes Science-Fiction-Abenteuer war ihm Zeit und Aufwand nicht wert – eine Entscheidung, die er ganz offensichtlich bis heute bereut. Keanu Reeves kam, sah und eroberte.

Mit dem bescheidenen Budget drehten die Wachowskis dann die inzwischen legendäre und oft parodierte Eröffnungssequenz mit Carrie-Anne Moss, die eigentlich wie ein eigener Kurzfilm gehalten ist, mit offenem Ende, das nach mehr schreit. Ist sie auch, wenn man bedenkt, dass sie mit dem Hintergedanken gedreht wurde, um die Warner-Chefetage davon zu überzeugen, den Rest des ursprünglich eingeplanten Budgets bewilligt zu bekommen. Natürlich haben sie das…
Im Frühjahr 1999 fragten sich Kinogänger auf der ganzen Welt: „Was ist die ‚Matrix‘?“ Zur Erklärung: Die Wachowskis stellen sich eine Welt vor, in der hochentwickelte Maschinen die Kontrolle übernommen haben. Um ihre Energieressourcen auf einem konstant hohen Niveau zu halten, werden die Menschen versklavt und ihre Kraftreserven sukzessive aufgesaugt. Die komatösen Menschen wiederum werden in einer aufwendigen, komplexen Simulation, der „Matrix“, gefangen gehalten, wo sie ein Leben führen, so wie wir Kinogänger es seit jeher für normal erachten: Job, Familie, Freizeit. Leben, Leiden, und alles wieder von vorne. Doch in der Maschinenwelt hat es eine Gruppe Rebellen geschafft, sich aus der Sklaverei zu befreien und immer mehr Menschen aus der „Matrix“ zu retten. Diese werden in eine kleine Enklave namens „Zion“ irgendwo in der zerstörten Welt gebracht, ein fragiles Exil, das kurz davor ist, von den Maschinen entdeckt und ausgelöscht zu werden. Doch um gegen die Übermacht der Maschinen anzukommen, fehlt ein den Maschinen ebenbürtiger Messias: „the One“, wie er stets treffend bezeichnet wird. Rebellenanführer Morpheus (Laurence Fishburne) ist felsenfest davon überzeugt, diesen „Auserwählten“ gefunden zu haben. Es ist Thomas Anderson (Reeves), in der „Matrix“ ein einfacher Programmierer. Mit der Hilfe von Trinity (Carrie-Anne Moss) gelingt es, Kontakt zu ihm aufzunehmen, bevor es die von den Maschinen eingesetzten „Watchdogs“, die „Agenten“, tun, angeführt vom skrupellosen und unaufhaltsamen Smith (Hugo Weaving). Mit der bitteren Realität konfrontiert, muss Anderson eine folgenschwere Entscheidung treffen, die exemplarisch mit zwei verschiedenfarbigen Pillen verdeutlicht wird: die blaue Pille bringt ihn zurück in sein altes Leben und die Realität, die er bis dahin für authentisch gehalten hat, während ihm die rote Pille seine Befreiung und die Wahrheit über die „Matrix“ bringen soll. „Neo“, wie sich Anderson stets nennt, steht damit am Anfang eines epischen Unterfangens, das die Kinogeschichte revolutioniert und ins 21. Jahrhundert bringt.

„The Matrix“, dessen Kinostart im allgemeinen Hype um die Rückkehr der „Star Wars“-Saga fast unbeachtet geblieben ist, tat, was George Lucas mit „The Phantom Menace“ nicht vermochte: eine fesselnde, visuell phänomenale und zugleich intellektuell packende Geschichte zu erzählen. Die Action ist meisterhaft choreografiert und exekutiert, die Effekte sind bahnbrechend und haben auch nach inzwischen 25 Jahren nichts von ihrer Schönheit und Wucht eingebüßt. Zeitlupenaufnahmen, die Regisseure wie Zack Snyder seitdem bis zum Exzess und darüber hinaus verwenden, dienen hier der ohnehin schon atemlosen Spannung. Dieser Film popularisierte den „Bullet Time“-Effekt, in der eine Reihe von Kameras um die Figuren herum eine Serie von Einzelbildern aufnehmen und eine Bildersequenz von augenscheinlich langsamer Geschwindigkeit erzeugen. Die Technik geht auf die Pionierleistung Eadweard Muybridges zurück, der in den 1870er Jahren auf einer Pferderennbahn die Hufbewegung eines Pferdes dokumentierte und damit einen wichtigen Grundstein für die spätere Entwicklung der ersten Filmkameras lieferte. Ein hohes Maß an Vorbereitung, Präparation und Effizienz wurde in die Arbeit gelegt, die Kameramann Bill Pope mit seinem Team sowie VFX-Supervisor John Gaeta mit seinem Team geleistet hat. Für die revolutionären Effekte erhielt Gaeta zusammen mit den anderen Supervisors Janek Sirrs, Steve Courtley und Jon Thum einen der insgesamt vier Oscars bei der Verleihung im März 2000 neben den beiden Tonkategorien und Zach Staenbergs großartigem Filmschnitt, der die Action flüssig und niemals unnötig hektisch montierte.

Der große Erfolg von „The Matrix“ – neben den vielen Preisauszeichnungen erwirtschaftete der Film über 460 Millionen Dollar an den weltweiten Kinokassen – führte zum Beginn eines lukrativen Multimedia-Franchises, das Warner Bros. bis heute große Gewinne einbringt. Merchandise, Videospiele, Comics, Bücher und Anime wurden seitdem veröffentlicht. Die Karrieren von Reeves, Fishburne, Moss und Weaving erhielten gewaltigen Auftrieb. Fortsetzungen des Films waren ohnehin nur eine Frage der Zeit, und schon bald nahmen die Wachowskis die Arbeit an zwei Sequels auf, die sie innerhalb von nur sechs Monaten in die Kinos bringen und damit ihre Geschichte zu einer Trilogie ausbauen wollten. Als Teil 2, „The Matrix Reloaded“, im Mai 2003 seinen weltweiten Kinostart anvisierte, war der Hype rundherum fast schon vergleichbar mit jenem von „Star Wars: Episode I“ im Jahre 1999, gerade als der erste „Matrix“ seinen Siegeszug durchführte. Und wie schon George Lucas mussten auch die Wachowskis neben einem großen Kassenerfolg (740 Millionen Dollar) auch viele gemischte wie auch enttäuschte Kritiken hinnehmen. Die Effekte, genauso beeindruckend wie vier Jahre zuvor, wurden bis an die Grenzen und manchmal darüber hinaus getrieben. Die Handlung wurde maßgeblich erweitert, und erstmals auch nach „Zion“ verlagert, mitsamt seiner politischen Ränkespiele um die bevorstehende Maschinen-Invasion. Und auch den Ursprung der „Matrix“ versuchten die Wachowskis näher zu ergründen und erschufen zu diesem Zweck den „Architekten“ (Helmut Bakaitis), der einen der zungenbrechendsten und komplexesten Monologe der gesamten Filmgeschichte hält und die Handlung aufbläht und weiter verkompliziert. Die Action ist dafür immer noch astrein – die Verfolgungsjagd auf dem Freeway mit Don Davis‘ und Juno Reactors pulsierender Musik ist das unbestrittene Highlight des Films – und Neo und Trinity haben mehr intime Momente zusammen. Alles in allem aber kommt „Reloaded“ nicht einmal annähernd an die hohe Qualität seines Vorgängers heran.

Das prolongiert sich auch beim im November 2003 veröffentlichten dritten Teil, „The Matrix Revolutions“, dem großen Finale (vorerst). Während in „Zion“ der Krieg zwischen Menschen und Maschinen in einem blutigen Gefecht mündet, will Neo mit Trinity zur Maschinenstadt aufbrechen, um endlich einen Waffenstillstand und dauerhaften Frieden herbeizuführen. Mit Neos heldenhaftem Opfer samt Kreuzigungspose am Ende seines ultimativen Kampfes mit Agent Smith ist der moderne Schöpfungsmythos des digitalen Zeitalters zu Ende erzählt. Ist er doch?
Dass ein spitzfindiges Studio wie Warner Bros. es nicht bei einer einigermaßen runden Trilogie belassen kann, sollte in einer Ära, in der jedes Studio mindestens ein Filmuniversum betreibt, wirklich keine große Überraschung mehr sein. Pläne, die Reihe ohne die Wachowskis fortzuführen, wurden Mitte der 2010er Jahre publik. Als dann aber 2019 die Produktion eines vierten Teils bestätigt wurde, für die Lana Wachowski diesmal ohne Schwester Lily als Regisseurin zurückkehrt, machte sich wieder so etwas wie Vorfreude auf eine Rückkehr in die „Matrix“ breit. Das Drehbuch schrieb Lana gemeinsam mit Bestseller-Autor David Mitchell, dessen Roman „Cloud Atlas“ sie mit Lily (damals noch Andy) und dem deutschen Filmemacher Tom Tykwer 2012 verfilmte, und Aleksandar Hemon, der mit Wachowski und Mitchell an der kurzlebigen Science-Fiction-Serie „Sense8“ (2015 – 2018) für Netflix arbeitete. Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss, beide in der Zwischenzeit kaum äußerlich gealtert, kehrten in ihre ikonischen Rollen zurück, Fishburne und Weaving jedoch nicht. Sie wurden durch jüngere Schauspieler, Yahya Abdul-Mateen II bzw. Jonathan Groff, ersetzt. Als einziger erwähnenswerter Neuzugang stellt sich Jessica Henwick heraus, deren Figur Bugs die Handlung erst so richtig ins Rollen bringt. „The Matrix Resurrections“ kam im Dezember 2021 in die weltweiten Kinos.

Dass eine späte Fortsetzung immer ein gewisses Risiko darstellt, einzig aus nostalgischen Gründen realisiert zu werden, nahm sich Wachowski bei ihrem Ansatz zum vierten Teil zu Herzen und wagt einen radikalen neuen Ansatz, der sicher nicht bei allen „Matrix“-Fans Anklang findet. Ich fand ihn interessant, wenn auch sehr verwirrend und letztendlich doch enttäuschend auf dem gleichen Niveau wie „The Matrix Revolutions“. So wie der Film ein Paradoxon an sich ist, so ist auch meine Beziehung dazu. Dass Neo und Trinity nach all den Jahren immer noch da draußen sind und wie Ying und Yang einfach zusammengehören, ist im Film am stärksten herausgearbeitet und bewahrt den emotionalen Kern der übergreifenden Geschichte. Dass die Filme im Grunde eine Liebesgeschichte in einer postapokalyptischen Welt sind, wird bei aller visueller Wucht und technischer Revolution gern vergessen. Dass der Film, inmitten der globalen Pandemie, gefloppt war, ist dennoch sehr schade. „The Matrix Resurrections“ kann durchaus als zeitgemäßer und mitunter satirischer Epilog zur „Matrix“-Trilogie interpretiert werden, der die Entwicklung des Blockbuster-Kinos widerspiegelt. Dass bereits ein weiterer Film, diesmal von Drew Goddard und mit Lana Wachowski als ausführender Produzentin, in Vorbereitung ist, ist dabei nur eine Randnotiz.
Natürlich bleibt es, damals wie heute, jedem einzelnen Zuschauer selbst überlassen, ob er die blaue Pille einzunehmen gedenkt und vergessen will, was er sich da eigentlich anschaut, oder doch lieber die rote, und sich auf ein abgefahrenes, faszinierendes und auch zum Nachdenken über seine eigene Existenz anregendes audiovisuelles Spektakel einlässt. Wer sich für letzteres entscheidet, hat eine gute Wahl getroffen.