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Ende August bis Anfang September tummeln sich wieder zahlreiche internationale Filmstars in der Lagunenstadt, um ihre neuesten Produktionen vorzustellen. Die spannende Award-Saison 2024/25 kann kommen.

Gleich zur Eröffnung der diesjährigen Ausgabe, deren Wettbewerbsjury von der wandelbaren französischen Charakterdarstellerin Isabelle Huppert („Die Klavierspielerin“, „Amour“, „Elle“, für letzteren Oscar-nominiert) geleitet wird, begrüßte Festivaldirektor Alberto Barbera eine lebende Legende des amerikanischen Genrekinos. Sigourney Weaver, die im Oktober ihren 75. Geburtstag feiern wird, wurde zu diesem Anlass mit einem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk geehrt. Und das kann sich sehen lassen: 1979 nahm sie es in Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker „Alien“ mit einem erbarmungslosen Weltraummonster auf und wurde sieben Jahre später mit James Camerons spektakulärer Fortsetzung zu einer Vorreiterin für starke Frauenfiguren im ansonsten männlich dominierten Actionkino. Aber auch in charakterbetonten Filmen wusste sie stets zu glänzen, wie ihre beiden Oscar-Nominierungen im selben Jahr als Primatenforscherin Dian Fossey in „Gorillas in the Mist“ und als zickige Chefin in der Workplace-Komödie „Working Girl“ 1988 zeigten. Später soll auch der australische Filmemacher Peter Weir („Dead Poets Society„, „The Truman Show„, „Master and Commander„) gebührend für seine Karriere gefeiert werden.

© 2024 Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Zur Uraufführung gelangte am Eröffnungsabend, Mittwoch des 28. August, aber kein Wettbewerbsbeitrag, sondern die lange erwartete Fortsetzung einer Kultkomödie aus den 1980er Jahren: Tim Burton holt Michael Keaton als makabren, unflätigen Untoten aus dem Jenseits zurück und lässt ihn erneut auf Winona Ryder, Catherine O’Hara und ihre Familie los: „Beetlejuice Beetlejuice“ kommt am 6. September in die nordamerikanischen, am 12. September auch in die österreichischen Kinos.

Was den eigentlichen Wettbewerb – und damit die wahrscheinlich ersten Ausrufezeichen für die kommenden Preisverleihungen – angeht, so dürfte es im Rennen um den Goldenen Löwen zu einem engen, überaus spannenden Kräftemessen internationaler Produktionen kommen. Die namhaftesten haben allesamt schon im Vorfeld für Gesprächsbedarf gesorgt und ein Kandidat schickt sich sogar an, den Titel seines Vorgängers zu verteidigen.

© 2024 Warner Bros. Pictures, Niko Tavernise. Alle Rechte vorbehalten.

Die Rede ist von „Joker: Folie à Deux“, der Fortsetzung von Todd Phillips‘ umstrittenen, aber erfolgreichen Adaption des wohl legendärsten Schurken des Superheldenkinos. Groß war die Überraschung, als der Erstling 2019, dank der brillanten Tour de Force-Darbietung von Joaquin Phoenix, den Goldenen Löwen erhielt. Später sollte der Film über eine Milliarde Dollar in die weltweiten Kinokassen spülen und für insgesamt elf Oscars nominiert werden, von denen nur Phoenix und Komponistin Hildur Guðnadóttir einen gewinnen konnten. Lässt sich so ein Erfolg überhaupt wiederholen? Wollen das die Macher überhaupt? Es wurden jedenfalls keine Kosten und Mühen gescheut, das Budget wurde vervierfacht und als Jokers kongeniale Gesangs-, Tanz- und Crime-Partnerin extraordinaire Harley Quinn wurde niemand Geringeres als Pop-Superstar Lady Gaga verpflichtet, die bereits mit ihrem Filmdebüt „A Star is Born“ (2018) Venedig aufmischte. Selbst wenn es keine Preise geben sollte, so dürfte zumindest die Werbetrommel für den baldigen Kinostart Anfang Oktober ordentlich rühren.

© 2024 Netflix, Pablo Larraín. Alle Rechte vorbehalten.

Bereits am zweiten Festivaltag stellt der chilenische Filmemacher Pablo Larraín seine neueste Biografie vor: nach Jackie Kennedy 2016 und Lady Diana 2021 nimmt er sich diesmal der legendären Opernsängerin Maria Callas an. Angelina Jolie verkörpert sie in deren letzten Lebensjahren in den 1970er Jahren in New York und nahm dafür sieben Monate intensiven Gesangsunterricht. Wenn Natalie Portmans und Kristen Stewarts überragende Darstellungen zweier Ikonen des 20. Jahrhunderts Kritiker und Publikum gleichermaßen begeisterten, dann sollte ihnen die wandelbare und furchtlose Jolie in nichts nachstehen. Die Rechte an dem Film hat sich Netflix gesichert.

© 2024 A24. Alle Rechte vorbehalten.

Luca Guadagnino ist zurzeit einer der fleißigsten Regisseure. Erst im April erschien das wegen der Streiks 2023 verschobene Beziehungsdrama „Challengers“ im Tennismilieu mit Zendaya in einer aufsehenerregenden Rolle, schon kehrt der italienische Auteur, der bereits mitten in den Dreharbeiten seines nächsten Projekts steckt, an den Lido zurück, nachdem er dort 2021 den Regiepreis für sein Horrordrama „Bones and All“ gewann. Diesmal hat er den ehemaligen Bond-Darsteller Daniel Craig mitgebracht, um seine Verfilmung von „Queer“, dem gleichnamigen Roman von William S. Burroughs, einem der bedeutendsten Schriftsteller der „Beat-Generation“ Mitte des 20. Jahrhunderts, vorzustellen. Darin spielt Craig William Lee, der nach einem katastrophalen Drogendeal in New Orleans nach Mexiko-Stadt flieht und sich dort in einen jungen Dealer, gespielt von Jungschauspieler Drew Starkey, verliebt. Das dürfte einer der interessantesten Wettbewerbsbeiträge des Jahres sein.

© 2024 El Deseo, Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Ebenfalls mit großer Spannung erwartet wird „The Room Next Door“, der erste englischsprachige Film des spanischen Regiederwischs Pedro Almodóvar. Wie schon in einigen seiner Filme zuvor huldigt er auch hier wieder starken Frauenfiguren, von denen er zwei nach Jahren der Entfremdung wieder aufeinandertreffen lässt. Tilda Swinton und Julianne Moore in einer Romanverfilmung von Almodóvar? Hat das Zeug zu einem Hit.

© 2024 Focus Features, Universal Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Das mit Sicherheit aufwendigste und ambitionierteste Epos kommt dieses Jahr vom amerikanischen Regietalent Brady Corbet, der seine Karriere als Schauspieler u.a. in Michael Hanekes US-Remake von „Funny Games“ begann. „The Brutalist“, eine amerikanisch-britisch-ungarische Koproduktion ist ein 215minütiges, auf 70mm Film gedrehtes Drama, in dem Corbet, der mit seiner Lebensgefährtin Mona Fastvold auch das Drehbuch schrieb, 30 Jahre im Leben eines jüdischen Architekten und Holocaust-Überlebenden, gespielt von Adrien Brody – über 20 Jahre nach seiner ähnlichen, preisgekrönten Titelrolle in Roman Polanskis „The Pianist“ – Revue passieren lässt. László Tóth und seine Frau Erzsébet (Felicity Jones) wollen in den USA ein neues Leben beginnen, wofür László einen Vertrag mit dem wohlhabenden, mysteriösen Harrison Van Buren (Guy Pearce) eingeht. In Nebenrollen sind Joe Alwyn, Alessandro Nivola und Jonathan Hyde zu sehen.

© 2024 Amazon MGM Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Einen spannenden Crime-Thriller hat der australische Regisseur Justin Kurzel nach Venedig mitgebracht. „The Order“ erzählt die auf Tatsachen beruhende Geschichte eines FBI-Agenten aus Idaho, der dem charismatischen, aber skrupellosen Anführer einer rassistischen Räuberbande auf der Spur ist, die im pazifischen Nordwesten ihr Unwesen treibt. Jude Law spielt den Jäger, Nicholas Hoult den Gejagten. Wer „Hell or High Water“ (2016) mit Jeff Bridges, Chris Pine und Ben Foster mochte, sollte sich diesen Krimi vormerken.

© 2024 A24, Man Up Film, Niko Tavernise. Alle Rechte vorbehalten.

Und für Fans prickelnder Unterhaltung, die sich nicht zu schade sind, eine amouröse Affäre am Arbeitsplatz zu verfolgen: „Babygirl“. Darin spielt die im vergangenen Juni mit dem Preis fürs Lebenswerk vom „American Film Institute“ gewürdigte Nicole Kidman den erfolgreichen CEO eines Unternehmens, die eine verbotene Beziehung mit ihrem um einige Jahre jüngeren Praktikanten (Harris Dickinson) eingeht, hinter dem Rücken ihres Ehemanns (Antonio Banderas). Es ist dies die dritte Spielfilmregie der niederländischen Schauspielerin und Filmemacherin Halina Reijn. Ob „Babygirl“ ähnlich wie die Filme ihres Landsmannes Paul Verhoeven für Furore sorgen wird?

Ebenfalls im Wettbewerb vertreten sind unter anderem auch noch Filme des brasilianischen Auteurs Walter Salles („I’m Still Here“), des Argentiniers Luis Ortega („Kill the Jockey“), des Italieners Gianni Amelio („Battlefield“) und des Malaysiers Yeo Siew Hua („Stranger Eyes“).

© 2024 Apple Studios, Plan B Entertainment. Alle Rechte vorbehalten.

Außer Konkurrenz werden außerdem die ersten beiden Teile von Kevin Costners aufwendigem und epochalem Westerndrama „Horizon“ gezeigt, der zweite als Weltpremiere. Die japanische Legende Takeshi Kitano meldet sich mit „Broken Rage“ zurück, wie auch das amerikanische Enfant Terrible Harmony Korine mit dem Experimentalthriller „Baby Invasion“. Der französische Altmeister Claude Lelouch debütiert seine neueste Tragikomödie „Finalement“. Und große Starpower ist bei der Uraufführung von „Spider-Man“-Regisseur Jon Watts‘ neuer Actionkomödie „Wolfs“ garantiert, wenn die beiden Superstars George Clooney und Brad Pitt als Auftragskiller auf das gleiche Ziel angesetzt werden – „Mr. and Mrs. Smith“ reloaded?

Das Festival endet am 7. September mit der Preisverleihung. Neben Huppert entscheidet eine Riege internationaler Filmemacher über die Gewinner: James Gray (USA), Andrew Haigh (England), Agnieszka Holland (Polen), Kleber Mendonça Filho (Brasilien), Abderrahmane Sissako (Mauretanien), Giuseppe Tornatore (Italien), Julia von Heinz (Deutschland) sowie die chinesische Schauspielerin Zhang Ziyi.

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