Ein Raum, 12 Männer, ein einstimmiges Urteil zu einem verzwickten Todesfall: was dieser Film aus seinem minimalen Setting herausholt, ist schlichtweg meisterlich. Zum 100. Geburtstag von Sidney Lumet am 25. Juni 2024.
In seiner 50jährigen Karriere als vielseitiger, effizienter und über alle Maßen geschätzter Autorenfilmer hat der im Juni 1924 in Philadelphia zur Welt gekommene und 2011 verstorbene Sidney Lumet viele großartige, realistische und nachwirkende Filme gedreht. Er begann seine Karriere am Theater in Off-Broadway-Produktionen, bevor er sich einen Namen als produktiver Fernsehregisseur machte, der seine schnelle und unkomplizierte Arbeitsweise auch an seine Filmsets mitnahm. Sein Gespür für schauspielerische Höchstleistungen verhalf seinen Akteuren zu absoluten Sternstunden ihrer Karrieren: Al Pacino brillierte als einziger aufrechter und nicht korrumpierbarer Streifenpolizist Frank Serpico (1973) ebenso wie als eine Hälfte des wohl glücklosesten Bankräuberduos aller Zeiten an einem brütend heißen Sommernachmittag im humoristischen Krimidrama „Dog Day Afternoon“ (1975). Gleich drei Schauspieler seiner bissigen und der Zeit vorauseilenden Mediensatire „Network“ (1976) nach Drehbuch von Paddy Chayefsky durften sich über Academy Awards freuen – nun ja, nicht ganz. Hauptdarsteller Peter Finch als manischer und suizidaler Anchorman Howard Beale starb vor der Verleihung an einem Herzinfarkt. Faye Dunaway als beste Hauptdarstellerin und Beatrice Straight als beste Nebendarstellerin mit nur einer Szene und fünf Minuten Leinwandpräsenz runden dieses seltene Siegerfoto, das es nur einmal davor („A Streetcar Named Desire“, 1951) und einmal danach („Everything Everywhere All at Once“, 2022) gegeben hat, ab. Es gibt noch so viel mehr zu sehen und zu entdecken im Kino des Sidney Lumet – ganz besonders empfohlen seien an dieser Stelle seine Agatha Christie-Verfilmung „Murder on the Orient Express“ (1974) mit exquisiter Starbesetzung (Albert Finney als Hercule Poirot, Sean Connery und die Oscar-prämierte Ingrid Bergman, u.v.m.), sein Gerichtssaal-Drama „The Verdict“ (1982) nach Drehbuch von David Mamet mit einem grandiosen Paul Newman als alkoholkrankem Pflichtverteidiger und zu guter Letzt sein letztes Werk, die großartige Krimiballade „Before the Devil Knows You’re Dead“ mit Philip Seymour Hoffman und Ethan Hawke als zwei auf die schiefe Bahn geratene Brüder, welche er 2007 im stolzen Alter von 83 Jahren inszeniert hat. Aber wenn es einen Film gibt, der über alle anderen zu stellen ist, dann ist es der Film, den er vor allen anderen gedreht hat.

1957, mit jugendlichen 33 Jahren, inszenierte Lumet das bereits 1954 von Franklin J. Schaffner fürs Fernsehen umgesetzte Justizdrama „12 Angry Men (Die 12 Geschworenen)“ für die große Leinwand. Das Drehbuch zum Kinofilm stammt abermals von Reginald Rose, wie übrigens auch eine weitere fürs Fernsehen produzierte Neuverfilmung des Stoffes von 1998 unter William Friedkins Regie mit Jack Lemmon in der Hauptrolle des rechtschaffenen, unbeugsamen Jurors. Der eigentliche Kriminalfall, den Tod eines Vaters und die mögliche Beteiligung seines Sohnes daran, wird im Film gar nicht dargestellt, aber durch die Dialoge der 12 durch die Bank perfekt besetzten Schauspieler so lebhaft rekonstruiert, dass man als Zuschauer nicht umhinkommt, sich die Ereignisse im Kopf selbst auszumalen. Das verstärkt die ohnehin schon atemlose Spannung dieses dicht inszenierten Meisterstücks eines Thrillers.
Eingepfercht in einem engen Raum an einem ohnehin schon sehr schwülen Sommertag sollen die 12 Geschworenen, die in der Reihenfolge ihrer Nummer rund um den langen Tisch Platz nehmen, entscheiden, ob der Junge, der für den Tod seines Vaters infolge eines Messerstichs bei einer rechtmäßigen Verurteilung die Todesstrafe erhält, schuldig ist. Bei einer ersten, anonymen Wahl per Stimmzettel stimmen elf Geschworene für schuldig, während nur einer dagegenhält. Dieser stellt sich im Verlauf der daraus resultierenden hitzigen Debatte als Juror Nummer 8 (Henry Fonda) heraus, der darauf besteht, den Fall, die Zeugenaussagen und die darin erörterten Indizien erst noch einmal gründlich durchzugehen, bevor sie zu einem einstimmigen Urteil gelangen. Damit verschafft er sich bei den meisten anderen Juroren, insbesondere dem cholerischen und möglicherweise seinem Sohn gegenüber selbst feindselig gestimmten Juror Nummer 3 (Lee J. Cobb), viel Gegenwind, während der älteste unter den Geschworenen, Nummer 9 (Joseph Sweeney), schnell Respekt für den Kollegen neben ihm aufbringt. In den folgenden rund 85 des 96 Minuten langen Thrillers nimmt Nummer 8 die Zeugenaussagen zweier vermeintlich entscheidend belastender Augenzeugen der Tat auseinander und konfrontiert die anderen Geschworenen mit ihrer offenkundigen Abneigung gegenüber dem aus einer lateinamerikanischen Kommune stammenden Jungen und ihrer Vorurteile, die eine objektive Einschätzung des Falls und damit eine unverfälschte, faire und rechtmäßige Verurteilung verhindert.

Dieser Film ist in jeder Hinsicht eine Sternstunde des amerikanischen Kinos, herausgekommen zu einer Zeit, in der das „Method Acting“ vom New Yorker „Actors Studio“, welches der legendäre Schauspielcoach Lee Strasberg (der später eine legendäre Schurkenrolle in „The Godfather Part 2“ [1974] spielen sollte) von den Lehren des russischen Schauspielers Konstantin Stanislawski entwickelte, das amerikanische Kino revolutionierte. Cobb etwa spielte drei Jahre zuvor den ikonischen Gangsterboss Johnny Friendly in „On the Waterfront“ (1954), dem von „Actors Studio“-Mitbegründer Elia Kazan inszenierten Krimiklassiker, in dem ein von Gewissensbissen geplagter Marlon Brando gegen die korrupte Hafenarbeitergewerkschaft ins Feld zieht. Auch Martin Balsam, der den Juryvorsitzenden spielt, ist ein Absolvent des stilbildenden Studios. Alle 12 Schauspieler liefern eine wahre schauspielerische Meisterleistung ab, die von einem intelligenten, raffiniert strukturierten Drehbuch und mit genialen und mitunter gewitzten Dialogduellen unterstützt wird. Nicht eine Sekunde wird es hier langweilig, Lumet verschwendet keine Zeit und keine Zeile. So bleiben die Zuschauer am Ende fast schon atemlos und verschwitzt wie die 12 Protagonisten dieses Kammerspiels zurück. Eine solch interessante Prämisse in solch einem reduzierten Setting mitreißend und schnörkellos in Szene zu setzen, und das in seinem ersten Kinofilm, beweist das unglaubliche Talent und die Finesse, die Regisseur Lumet über 50 Jahre wieder und wieder unter Beweis stellte. Dass es – bei vier Nominierungen im Laufe seiner Karriere – „nur“ zu einem Ehrenoscar 2004 gelangen sollte, zeigt einmal mehr, wie unverständlich viele Entscheidungen in der Geschichte der „Academy“ sein können.
Wer einem Meister des amerikanischen Kinos angemessen Tribut zollen oder sich einfach mal zur Abwechslung einen Klassiker aus einer anderen Ära des Hollywood-Kinos ansehen möchte, dem empfehle ich dringend und ohne jegliche Vorbehalte diese Filmperle.
Trailer: