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Der wohl bekannteste und meistdiskutierte niederländische Filmemacher, der von seiner Heimat aus Hollywood erobert hat und mit seinen Genrefilmen Zensoren und Publikum herausforderte. Ein Portrait.

Zu Österreichs letztem Gruppengegner bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland, den Niederlanden, gibt es filmhistorisch wenig Interessantes zu entdecken – zumindest aus meiner Sicht. Regisseure wie Dick Maas, der die Trilogie rund um die Proletenfamilie „Flodder“ verantwortete und seinen Horrorfilm „De Lift (Fahrstuhl des Grauens)“ (1983) in Hollywood gleich selbst neu inszenierte („Down“, 2001), oder Tom Six, der die Grenzen des guten Geschmacks mit seiner „Human Centipede“-Trilogie mehr als nur ausreizte, haben es über ihre Landesgrenzen hinweg zu einiger Bekanntheit gebracht. Schauspieler wie der unvergessliche Rutger Hauer, der besonders in Ridley Scotts Science-Fiction-Meisterwerk „Blade Runner“ (1982) eine fabelhafte und vielschichtige Schurkenrolle spielen durfte, Jeroen Krabbé („The Fugitive“, 1993), Famke Janssen („James Bond: GoldenEye [1995], Jean Grey in der „X-Men“-Reihe), Carice van Houten („Game of Thrones“) und Yorick von Wageningen („The Girl with the Dragon Tattoo“, 2011) haben international Karriere gemacht. Wenn es aber einen Niederländer gibt, der einen nachhaltigen Eindruck auf das Publikum machen konnte und der es mit jedem seiner Filme schaffte, Diskussionen und hitzige Debatten heraufzubeschwören, dann ist es der 1938 in Amsterdam geborene Paul Verhoeven. Ein Mann, der es verstand, Sex und Gewalt so intensiv und schonungslos zu inszenieren, dass ihm schnell der Nimbus eines Skandalregisseurs zugewiesen wurde, dem er mit jedem neuen Projekt gerecht werden musste. Selten hat er seine Kritiker diesbezüglich enttäuscht.

© 1973 VNF. Alle Rechte vorbehalten.

Verhoeven begann seine Filmkarriere mit einigen Kurzfilmen in seiner Heimat in den 1960er Jahren. Für die königliche niederländische Marine drehte er 1965 die Dokumentation „Het korps Mariniers“, bevor er fürs holländische Fernsehen arbeitete, wo er unter anderem auch die Serie „Floris“ (1969) mit einem jungen Rutger Hauer drehte. Sein erster Spielfilm „Wat zien ik!? (Business is Business)“ (1971) begründete eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem ebenfalls in Hollywood erfolgreichen Kameramann Jan de Bont, der später auch als Regisseur („Speed“, 1994; „Twister“, 1996) reüssieren sollte. Der Film war aber kein nennenswerter Erfolg. Das änderte sich aber bereits zwei Jahre später: „Turks fruit (Türkische Früchte)“, wieder mit Hauer in der Hauptrolle, wurde sein erstes Ausrufezeichen als visionärer und kontroverser Geschichtenerzähler. Das Erotikdrama basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jan Wolkers, den Verhoeven mit Drehbuchautor Gerard Soeteman adaptierte. Der Film über die tragische Liebesgeschichte eines Künstlers und eines Mädchens aus gutem Hause war in seinem Ursprungsland ein großer Erfolg und wurde schließlich für den „Academy Award“ als bester fremdsprachiger Film nominiert. Bereits hier lässt sich Verhoevens Faible für explizite Sexszenen erkennen. Die beiden Hauptdarsteller Hauer und Monique van de Ven, die später selbst Regisseurin werden sollte, spielten auch die Hauptrollen in Verhoevens nächstem Film, dem Melodram „Keetje Tippel“ (1975), der ebenfalls erfolgreich in den Niederlanden lief. Van de Ven spielt die titelgebende Keetje, angelehnt an die Autorin der Buchvorlage, Neel Doff, die aus ihrer prekären Familiensituation und der daraus resultierenden Prostitution ausbrechen will und mit mehreren Männern, dem Banker Hugo (Hauer), dem Künstler George (Peter Faber) und dem reichen Sozialisten André (Eddie Brugman) anbändelt. Das romantische Kriegsdrama „Soldaat van Oranje (Soldier of Orange)“ (1977) handelt von Studenten der Leiden Universität (Verhoevens Alma Mater) zur Zeit der deutschen Besetzung während des Zweiten Weltkriegs. Rutger Hauer und Jeroen Krabbé spielen zwei Studenten, die sich mit ihren Freunden der Widerstandsbewegung anschließen und um ihr Überleben kämpfen. Aufwendig inszeniert, erwies sich auch dieser Film als Publikumserfolg in Holland und wurde für einen Golden Globe nominiert. Kameramann Jost Vacano wird vier Jahre später einen weiteren epischen Kriegsfilm bebildern: Wolfgang Petersens „Das Boot“. Verhoeven bleibt der Thematik des Zweiten Weltkrieges auch mit dem Fernsehdrama „Voorbij, voorbij“ (1979) treu, bevor er sich mit dem Drama „Spetters“ (1980) wieder auf seine Kernthemen konzentriert: hier geraten vier junge Männer (u.a. Hauer) aus dem Dirtbike-Milieu in ein kompliziertes Affärengeflecht mit einer verführerischen Femme Fatale (Renée Soutendijk). Kontrovers diskutiert wegen der Darstellung Homosexueller, Christen, Polizisten und der Presse, sorgte „Spetters“ nichtsdestotrotz für Verhoevens und Hauers internationalen Durchbruch und ebnete ihnen später den Weg nach Hollywood. Davor drehte der Regisseur aber noch einen Film in seiner Heimat, den erotischen Psychothriller „De vierde Man (Der vierte Mann)“ (1983). Darin hat der bisexuelle Autor Gerard (Jeroen Krabbé) – die Figur angelehnt an den Autor der Romanvorlage – eine Affäre mit der geheimnisvollen Christine (Renée Soutendijk), verliebt sich aber in einen ihrer Lover, Herman (Thom Hoffman). Aber nicht nur das Gefühlschaos, auch erotische und mitunter abgründige Visionen, die auch mit Christines Vergangenheit zusammenhängen, nehmen Gerard sehr mit. Der Film nimmt bereits einige Merkmale späterer Verhoeven-Werke, insbesondere „Basic Instinct“, vorweg. „De vierde Man“ wurde in den Niederlanden zwar verhalten aufgenommen, wurde aber international zum erfolgreichsten holländischen Film aller Zeiten.

© 1985 MGM, Orion Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

1985 drehte Verhoeven dann seine erste internationale Koproduktion, mit einem Titel, der nicht passender sein könnte, beschreibt er doch kurz und knapp, was Zuschauer erwartet, wenn sie einen Film von Paul Verhoeven sehen: „Flesh and Blood“. Ein historischer Abenteuerfilm, der im Italien des frühen 16. Jahrhunderts spielt, mit einer großen internationalen Starbesetzung. Regent Arnolfini (Fernando Hilbeck) wird während einer Abwesenheit durch einen Coup gestürzt. Daraufhin heuert er eine Bande Söldner an, ihm bei der Rückeroberung des Throns zu helfen, verrät sie aber, mit Ausnahme des Anführers Hawkwood (Jack Thompson), und macht sich damit unerbittliche Feinde. Einer davon ist Martin (Rutger Hauer), der zu Beginn des Films die Totgeburt seines Sohnes verkraften muss. Bei einem Überfall kidnappen Martin und seine Gefolgsleute die Braut Agnes (Jennifer Jason Leigh) von Arnolfinis Sohn Steven (Tom Burlinson), und obwohl Martin sich vor seinen Männern an ihr vergeht, sucht die junge Frau Schutz bei ihm und es entwickeln sich sogar Gefühle zwischen ihnen. In einer von einer Seuche kontaminierten Burg verschanzt sich Martin mit ihr und seinen Männern, während Steven alles daransetzt, Agnes zurückzubekommen. Bildgewaltig und aufwendig umgesetzt, landete der Film aufgrund seiner Sex- und Gewaltszenen in einigen Ländern auf dem Index. Das Spektakel zahlte sich allerdings nicht aus: bei Kosten von 6,5 Millionen Dollar kamen an den nordamerikanischen Kinokassen nur Einnahmen von rund 100,000 Dollar zustande.

© 1987 MGM, Orion Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Den ersten seiner insgesamt vier Science-Fiction-Filme inszenierte Verhoeven 1987. Nach einem Konzept des Drehbuchautors Edward Neumeier, der fürs Drehbuch mit dem angehenden Regisseur Michael Miner zusammenarbeitete, entwirft Verhoeven mit „Robocop“ ein düsteres Zukunftsszenario, in dem die Kriminalität in Detroit derart außer Kontrolle geraten ist, dass die Regierung einen riesigen Technologiekonzern namens „OCP“ beauftragt, die Polizei mit hochentwickelten Maschinen aufzurüsten. Ein erstes Experiment mit einem Droiden endet in einem Massaker. Der junge, ambitionierte Entwickler Bob Morton (Miguel Ferrer) stellt daraufhin seinen eigenen Prototyp vor: einen schwer bewaffneten Cyborg in einer metallenen Rüstung. Dafür wird der von der Gang des sadistischen Kriminellen Boddicker (Kurtwood Smith) brutal ermordete Cop Alex Murphy (Peter Weller) wiederbelebt und seiner Erinnerungen entledigt. Gesetzestreu, kaltblütig und effizient geht dieser „Robocop“ seiner Arbeit nach, bis er nach und nach doch noch von seiner menschlichen Vergangenheit eingeholt wird. Aber auch der Machtkampf innerhalb von „OCP“, in den auch Boddickers Gang involviert ist, bringt Murphy in große Schwierigkeiten. Verhoeven lehnte das Projekt zunächst zweimal ab, bis seine Frau ihn doch dazu überredete, zuzusagen. Obwohl er lieber einen ernsteren Film gemacht hätte, war er vom Comic-inspirierten Zugang der beiden Autoren überzeugt. Die überspitzte und oftmals drastische Gewaltdarstellung sorgte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht nur für hitzige Diskussionen, sondern auch für etliche Zensurprobleme, so auch im besonders pingeligen Westdeutschland, in dem der Film nur gekürzt in den Kinos laufen durfte. Die ungeschnittene Version wurde erst 2013 vom Index für jugendgefährdende Medien gestrichen. Daher wird bei der Rezeption des Films oft die ins Satirische gezogene Kritik an den Einfluss großer, omnipräsenter Konzerne, an exzessiver Polizeigewalt und die Gefährlichkeit des technischen Fortschritts vergessen – allesamt heute relevanter denn je. Die Figur des Alex Murphy wird von vielen Rezensenten aufgrund einiger interessanter Parallelen mit Jesus Christus verglichen – wodurch Verhoeven religiöse Themen auch ins Science-Fiction-Genre übernehmen durfte. „Robocop“ war ein verhältnismäßig guter Erfolg an den Kinokassen und begründete damit ein ganzes Franchise. 2014 folgte ein weniger drastisches Remake, das aber nicht an den Erfolg und das Kultpotenzial des Originals heranreichte.

© 1990 Carolco Pictures, Columbia Pictures, TriStar. Alle Rechte vorbehalten.

Für sein Nachfolgeprojekt blieb Verhoeven dann gleich seiner neu eingeschlagenen Richtung treu. Von den „Alien“-Schöpfern Dan O’Bannon und Ronald Shusett entwickelt, verfilmte er 1990 unter dem Titel „Total Recall“ die Kurzgeschichte „We Can Remember it for You… Wholesale“ des legendären Sci-Fi-Autors Philip K. Dick. Dafür besetzte er den österreichischen Superstar Arnold Schwarzenegger als den mit seinem Leben unzufriedenen Bauarbeiter Doug Quaid, den immer wieder Albträume über ein Leben als Geheimagent auf dem Mars plagen – zum Verdruss seiner Frau Lori (Sharon Stone). Eines Tages besucht er die „Rekall“-Agentur, die sich darauf spezialisiert, ihren Kunden täuschend echte Erinnerungen zu implantieren und ihnen eine Abwechslung von ihrem tristen Alltag ermöglicht. Danach ist aber nichts mehr wie vorher, denn anscheinend sind Dougs Träume realer, als er geahnt hat. Also begibt er sich schließlich selbst auf den Mars, wo er Melina (Rachel Ticotin) trifft, die er bereits aus seinen Träumen kennt. Gemeinsam müssen sie eine Verschwörung rund um den Mars-Tyrannen Cohaagen (Ronny Cox) aufhalten. Einer der teuersten Filme überhaupt zum Zeitpunkt seiner Entstehung, ist „Total Recall“ weniger hart wie Verhoevens Vorgänger, geizt dafür aber nicht mit eindrücklichen und für damalige Verhältnisse schöpferischen visuellen Effekten, die mit dem Oscar ausgezeichnet wurden. Das Vexierspiel zwischen Traum versus Realität und Identität lässt viel Spielraum für Interpretation und wird Zuschauer, die auf definitive Antworten auf ihre Fragen pochen, enttäuscht zurücklassen. Nichtsdestotrotz ist der Film, auch dank seiner starken Schauspieler, ein unterhaltsamer und kurzweiliger Science-Fiction-Spaß. Len Wisemans Remake aus dem Jahr 2012 mit Colin Farrell, Kate Beckinsale, Jessica Biel und Bryan Cranston enttäuschte hingegen nicht nur Kritiker und Fans, sondern auch Verhoeven und die Stars des Originals.

© 1992 Canal+, Carolco Pictures, Columbia Pictures, TriStar. Alle Rechte vorbehalten.

Sharon Stone sollte auch zwei Jahre später bei Verhoevens nächstem Film mitspielen – und sich damit einen Platz in der Filmgeschichte sichern. Das Drehbuch zum aufregenden Erotik-Thriller „Basic Instinct“ schrieb Joe Eszterhas bereits Mitte der 1980er innerhalb von wenigen Tagen und er verkaufte es für die rekordträchtige Summe von 3 Millionen Dollar an Andrew Vajnas und Mario Kassars Produktionsfirma „Carolco“. Die Handlung bot schon vor Produktionsbeginn viel Zündstoff, und viele LGBTQ+-Organisationen, die weitgehende Änderungen verlangten, boykottierten und störten die Dreharbeiten. Auch die Besetzung, besonders jene der Hauptfigur Catherine Trammell, gestaltete sich als äußerst langwierig. Nahezu jede „Leading Lady“ Hollywoods zu jener Zeit lehnte den Part ab. Nur Sharon Stone schreckte die Freizügigkeit und Skrupellosigkeit der Figur nicht ab. Sie sah die Rolle als womöglich letzten Versuch, ihre Karriere endlich voranzubringen. An der Seite des etablierten Charakterdarstellers Michael Douglas, dessen Gage das 28-fache jener von Stone betrug, schuf sie dann auch nicht nur die quintessenzielle „Femme Fatale“ der 1990er Jahre, sondern überhaupt eine der enigmatischsten und verführerischsten Frauenfiguren der Filmgeschichte. Die bildhübsche Bestseller-Autorin Trammell wird vom San Francisco Police Department beschuldigt, ihren Freund, den älteren Rockstar Johnny Boz während des Beischlafs – eine knisternde und schockierende Eröffnungsszene – mit einem Eispickel erstochen zu haben. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass sie den Mord in einem ihrer Bücher minutiös beschrieben hat. Der ausgebrannte und labile Detective Nick Curran (Douglas) wird mit seinem Partner Gus (George Dzundza) auf sie angesetzt. Doch es dauert nicht lange, bis die überaus gerissene und manipulative Catherine Nick um den Finger gewickelt hat und bald geht er eine leidenschaftliche und möglicherweise tödliche Affäre mit ihr ein. Verhoeven lotet mit seinem Film die Grenzen des Darstellbaren von Sex und Gewalt aus und schuf damit einen der kontroversesten Filme der 90er. Besonders die Hintergründe der ikonischen Verhörszene, in der die Kamera Sekundenbruchteile unter Stones Sommerkleid blickt und den Blick auf ihre Vulva freigibt, sind dank der Widersprüchlichkeiten in den Aussagen von Stone und Verhoeven bis heute umstritten und tragen zum Erfolg und Kultstatus des Films bei. Für beide ist es bis heute der erfolgreichste Film. Stone kehrte dann auch 14 Jahre später – ohne Verhoeven und Douglas – für eine Fortsetzung zurück, die aber kolossal floppte.

© 1995 Carolco Pictures, MGM/United Artists. Alle Rechte vorbehalten.

Nach diesem Erfolg taten sich Verhoeven und Autor Eszterhas gleich noch einmal zusammen und erfüllten sich ihren Traum, ein exzessives und überkandideltes Sittenportrait der Glitzermetropole Las Vegas zu drehen, inspiriert von legendären MGM-Musicals. Für „Showgirls“ (1995) erhielt Eszterhas wiederum eine irrwitzige Gage von insgesamt rund 4 Millionen Dollar, was ihn zum bestbezahlten Drehbuchautor der Welt machte. Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau namens Nomi Malone (Elizabeth Berkley), die per Anhalter nach Vegas kommt, dort von der talentierten Tänzerin Molly (Gina Ravera) aufgenommen wird und sich schon bald als Stripperin in einem illustren Nachtclub verdingt. Dort werden das verwöhnte und zickige Starlet Cristal Connors (Gina Gershon) und ihr Partner Zack (Kyle MacLachlan) auf sie aufmerksam und es entspinnt sich ein Netz aus Eifersucht, Neid, Verführung und Rache um alle Beteiligten, und am Ende kommt niemand, wirklich niemand, ungeschoren davon. Wie schon „Basic Instinct“ wird „Showgirls“ seit seiner Veröffentlichung breit und kontrovers diskutiert, und wieder vergessen Kritiker damals wie heute auf die unter den plakativen Bildern verwurzelte satirische Dekonstruktion des Starkults der Glitzermetropole und eine weitere Abrechnung mit dem amerikanischen Traum. Dass Nomi hier nicht ankommen und schon gar nicht glücklich werden kann, riecht man schon von weitem. Vielmehr ist es der Grad an Sex und Gewalt – und in einer besonders verstörenden Szene auch die sexuelle Gewalt – der den Großteil der Aufmerksamkeit einnimmt. Trotz eines damals sehr hohen Produktionsbudgets von 45 Millionen Dollar wurde der Film in den USA nur mit einer „NC-17“-Freigabe veröffentlicht, die keine Besucher unter 17 Jahren auch mit elterlicher Begleitung erlaubt und daher von allen großen Kinoketten möglichst gemieden wird. In knapp 1400 Kinos im September 1995 angelaufen, erwirtschaftete „Showgirls“ nur 20 Millionen in den USA. Überwiegend verrissen und für seine übertriebenen schauspielerischen Darbietungen verlacht, kamen die Organisatoren der Verleihung der „Goldenen Himbeere“ nicht um den Film herum und erkannten ihm die bis heute unübertroffene Zahl an 13 Nominierungen zu, von denen sieben gewonnen wurden. Als erster Rezipient überhaupt erschien Paul Verhoeven persönlich, um seine „Auszeichnung“ als schlechtester Regisseur anzunehmen, was ihm viele Sympathien entgegenbrachte und seine Karriere nicht weiter beeinträchtigte, ganz im Gegensatz zu seiner Hauptdarstellerin, die sich von diesem monumentalen Flop nicht wieder erholen sollte. Auch das zeichnet das zweischneidige Schwert der Unterhaltungsindustrie aus. Eine inoffizielle Fortsetzung, „Showgirls 2: Penny’s from Heaven“ (2011), die Nebendarstellerin Rena Riffel fast in kompletter Eigenregie und mit nur 35,000 Dollar Budget gedreht hat, kennen womöglich nur eingefleischte Cineasten.

© 1997 Buena Vista International, Touchstone Pictures, TriStar Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Für seinen nächsten Film kehrte Verhoeven dann wieder ins Science-Fiction-Genre zurück und tat sich wieder mit „Robocop“-Autor Ed Neumeier zusammen, um Robert Heinleins umstrittenen Roman „Starship Troopers“ (1997) zu verfilmen. Ein dystopisches Werk, das den zunehmenden Militarismus und aufkeimenden Faschismus Mitte des 20. Jahrhunderts anprangert und satirisch überzeichnet, ist natürlich genau das, was einem Paul Verhoeven am besten liegt. Und so schickt er in der Zukunft des 23. Jahrhunderts eine Horde junger, gutaussehender Menschen (Casper Van Dien, Denise Richards, Dina Meyer, Jake Busey, Neil Patrick Harris) in einen interplanetaren Krieg mit riesigen Killerinsekten, die die Erde angreifen und Millionenstädte, darunter Buenos Aires, wo die Eltern der Hauptfigur Rico (Van Dien) leben, zerstören. Deswegen verlagern die Menschen den Kampf auf den Heimatplaneten der Insekten, wo sie aber zunächst hoffnungslos unterlegen sind. Wie immer scheut der niederländische Agent Provokateur nicht vor drastischen Gewaltspitzen zurück, die einmal mehr die Zensoren auf den Plan riefen. In Deutschland war der Film lange Zeit nur gekürzt erhältlich, die früher indizierte ungeschnittene Fassung ist mittlerweile aber rehabilitiert und ab 16 Jahren freigegeben. Der Film beantwortet die Frage, was wenn „Star Wars“ ein dreckiger und nicht zimperlicher Kriegsfilm geworden wäre, wie es der Titel suggerieren könnte. Auch dieser Film, wie alle Hollywood-Filme Verhoevens, begründete ein Franchise mit Fortsetzungen, animierten Filmen und ein lange geplantes Remake.

© 2000 Columbia Pictures, Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Verhoevens letzter Hollywood-Film entstand im Jahr 2000 und kommt verhältnismäßig zahmer daher als seine Vorgänger. Inspiriert von H.G. Wells Horrorroman „The Invisible Man“ dreht sich „Hollow Man“ um einen getriebenen und größenwahnsinnigen Wissenschaftler, Sebastian (Kevin Bacon), der Menschen unsichtbar machen will. Nach einem Durchbruch mit einem Versuchstier testet er die neuartige Prozedur mithilfe seiner Teammitglieder, Exfreundin Linda (Elisabeth Shue), Matt (Josh Brolin), Sarah (Kim Dickens) und Carter (Greg Grunberg), an sich selbst aus. Das Experiment wird zwar ein Erfolg, aber Sebastian kann nicht mehr sichtbar gemacht werden und wird zunehmend psychotischer und schließlich zum Mörder. Ein Achtungserfolg an den Kinokassen und für die visuellen Effekte Oscar-nominiert, waren die meisten Kritiker wenig angetan von „Hollow Man“. Einen unsichtbaren Mann nur dahingehend in Szene zu setzen, seine niederen Instinkte zu befriedigen, wie etwa seine hübsche Nachbarin (Rhona Mitra) zu stalken und auch zu vergewaltigen – wieder einmal – ist einer der größten Kritikpunkte, den u.a. auch der legendäre Kritiker Roger Ebert geäußert hat. Im Nachhinein zeigte sich auch Verhoeven selbst unzufrieden mit dem Endergebnis. Das dürfte auch mit ein Grund dafür sein, dass er sich schließlich aus Hollywood zurückzog und im neuen Jahrtausend bislang nur drei Filme in Europa inszenierte.

© 2006 VIP 4 Medienfonds, Warner Bros. Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Der erste davon, „Zwartboek (Black Book)“, führte ihn 2006 erstmals nach 23 Jahren wieder in seine niederländische Heimat zurück. Wiedervereint mit seinem regelmäßigen Schreibpartner Gerard Soeteman, kehren die Beiden wieder zur holländischen Besatzungszeit des Zweiten Weltkriegs zurück. Diesmal dreht sich die Handlung um eine jüdische Sängerin namens Rachel Stein (Carice van Houten), die mit der Hilfe eines befreundeten Anwalts in den befreiten Süden des Landes zu fliehen versucht. Doch die Bootsüberfahrt misslingt und ihre Familie wird ermordet. Mit einer neuen, heidnischen Identität wird sie zu einer wichtigen Mitstreiterin des holländischen Widerstands und soll den SS-Hauptsturmführer Müntze (Sebastian Koch) verführen, der zwar ihre wahre Herkunft entdeckt, sich aber längst in sie verliebt hat. Rachels Widerstandsgruppe ist aber von deutschen Spionen durchsetzt, die sie selbst als Verräterin dastehen lassen, sodass ihre Flucht selbst nach der niederländischen Befreiung durch die Alliierten kein Ende nimmt. Spannend konstruiert und packend inszeniert, meldete sich Verhoeven in seinem Heimatland mit einem respektablen Film zurück, der bei den Filmfestspielen in Venedig um den Goldenen Löwen konkurrieren durfte und dessen holländische Galapremiere unter anderem vom späteren König Willem II. und seiner Frau Maxima besucht wurde. Kritiker und Publikum nahmen den Film großteils positiv auf und machten Paul Verhoevens Rückkehr nach Europa zu einem gelungenen Comeback.

© 2016 MFA+ Filmdistribution, SBS Productions. Alle Rechte vorbehalten.

Nach einer zehnjährigen Pause kehrte Verhoeven erst 2016 mit einem neuen aufsehenerregenden Thriller zurück. In Frankreich realisierte er das packende, abgründige, schwarzhumorige und wendungsreiche Vergewaltigungsdrama „Elle“ mit einer furiosen und unerschrockenen Isabelle Huppert in der Titelrolle, die, nachdem sie eines Nachts von einem Unbekannten attackiert wird, die Justiz in die eigenen Hände nimmt, deren Rachedurst dadurch aber längst nicht gestillt wird. Die Uraufführung des Films erfolgte im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes. Der Film und speziell Hupperts kraftvolle Performance wurden von Kritikern einhellig gelobt und der Film wurde für viele internationale Filmpreise nominiert. Huppert gewann den Independent Spirit Award als beste Schauspielerin und den Golden Globe für die beste schauspielerische Leistung in einem Drama und wurde schließlich für den Oscar nominiert, auch für den französischen César Award und den Europäischen Filmpreis gab es mehrere Nennungen.

2021 SBS Productions. Alle Rechte vorbehalten.

So blieb Verhoeven für sein nächstes Projekt gleich in Frankreich und tat sich nach „Elle“ noch einmal mit dem amerikanischen Drehbuchautor David Birke zusammen, um sein jüngstes Filmdrama zu schaffen: basierend auf dem nonfiktionalen Buch „Immodest Acts“ (1985) von Judith C. Lewis erzählt er die Geschichte der Nonne Benedetta Carlini (Virginie Efira) in einem italienischem Kloster im 17. Jahrhundert, die nach einigen spirituellen Erfahrungen überzeugt ist, für Höheres bestimmt zu sein. Gleichzeitig verliebt sie sich aber auch in die junge Nonne Bartolomea (Daphné Patakia) und stürzt sich in eine leidenschaftliche Beziehung mit ihr. Die skeptische Äbtissin Felicita (Charlotte Rampling) und der päpstliche Nuntius (Lambert Wilson) wollen hinter Benedettas Geheimnis kommen, bis schließlich die Pest hereinbricht. Einmal mehr verbindet Verhoeven hier seine Kernthemen Religion, Sex und Gewalt und sein immer noch effektives Faible für kontroverse Geschichten. Religiöse Vereinigungen unterstellen dem Film offenkundige Blasphemie, auch wenn die dem Film zugrundeliegende Geschichte auf wahren Begebenheiten beruhen soll. Zudem schockt er sein Publikum auch hier wieder: diesmal mit einer hölzernen Marienstatue, die von zwei wollüstigen Nonnen zu einem Dildo umfunktioniert wird. Wer vor dem Film glaubte, dass der mittlerweile 83jährige Skandalregisseur mit dem Alter behutsamer geworden wäre, bekam spätestens in dieser Szene das Gegenteil präsentiert. Viel Gesprächsstoff ergab sich daher auch bei den Filmfestspielen in Cannes im Juli 2021, wo „Benedetta“ abermals im Wettbewerb uraufgeführt wurde.

Was bleibt also unterm Strich von Hollands bekanntestem und umstrittensten Filmemacher übrig? Ein Mann, der es geschafft hat, der Gesellschaft mit jedem neuen Werk einen bitterbösen Spiegel vorzuhalten und sich niemals scheute, dies auch explizit und visuell ausgestaltet zu zeigen. Seine offene Darstellung von Sex und Gewalt ist gerade in seiner Hollywood-Phase in den 80er- und 90er-Jahren stilbildend. Dass die Botschaften, die sich dahinter verstecken, dadurch aber oft vernachlässigt oder gar ignoriert wurden, hat seiner Reputation aber wenig geholfen, auch wenn sich die Ansichten über ihn im Laufe der Zeit doch stark gewandelt haben. Als Regisseur eindrücklichen Genrekinos hingegen ist Paul Verhoeven über jeden Zweifel erhaben.

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