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Drei Filmperlen, drei ergreifende Einzelschicksale, drei famos aufspielende Schauspielerensembles. Exzellentes Genrekino aus dem Mutterland des Kinos.

Wenn die österreichische Fußballnationalmannschaft im Rahmen der Europameisterschaft in Deutschland gegen den amtierenden Vizeweltmeister Frankreich antritt, dann dürfte der ein oder andere Anhänger der Ballkunst zumindest zeitweise vergessen, wie großartig die französische Kunst und Kultur über die Jahrhunderte aufgestellt war und immer noch ist. Nun, dieser Blog ist natürlich nicht vorrangig für Anhänger körperbetonten Ballspiels gedacht, und dass Frankreich eine überdurchschnittliche Qualität und Quantität an großartiger Literatur, Musik, Filme und mehr vorzuweisen hat, steht wahrlich außer Diskussion. Besonders im noch jungen 21. Jahrhundert hat Frankreichs filmischer Output einige famose Gustostücke hervorgebracht, von denen für mich drei besonders hervorstechen, denn diese drei Filme haben wesentlich mehr gemeinsam als auf dem ersten Blick erkennbar. Die Tatsache, dass sie innerhalb von nur fünf Jahren gedreht wurden, ist dabei nur eine interessante Randnotiz. Drei lebensbejahende Geschichten, nicht nur für eingefleischte Cineasten. Wer gerade schwierige Zeiten durchlebt, dem seien diese Werke ebenfalls ans Herz gelegt.

© 2007 Miramax, Pathé, PROKINO Filmverleih GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

2007 drehte der exzentrische US-amerikanische Maler und Filmemacher Julian Schnabel die Biografie „Le Scaphandre et le Papillon“ („Schmetterling und Taucherglocke“) nach Jean-Dominique Baubys gleichnamigen Memoiren, die 1997 nur zwei Tage vor seinem Tod im noch jungen Alter von 44 Jahren veröffentlicht wurden. Der Film erzählt Baubys bemerkenswerte, erschütternde, aber wunderschön poetische Geschichte, die dank Janusz Kamińskis brillanter, weil sorgfältiger und unkonventioneller Kameraarbeit, besonders hinsichtlich Jean-Dos Erzählperspektive, die den Großteil der filmischen Handlung bestimmt, in eindringlichen und beklemmenden Bildern gezeigt wird. Die Hauptrolle übernahm der später als Bösewicht im James Bond-Film „Quantum of Solace“ (2008) bekannt gewordene Charakterschauspieler Mathieu Amalric. Im Dezember 1995, als Jean-Do gerade mit seinem Sohn im Auto unterwegs ist, erleidet er einen massiven Schlaganfall, der seinen Körper dermaßen katatonisch hinterlässt, dass er nur noch durch sein linkes Augenlid mit seinen Mitmenschen kommunizieren kann. Während Jean-Do im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, ist er quasi gefangen in seinem eigenen Körper, sein Leiden wird gemeinhin als „Locked-In“-Syndrom bezeichnet. Diese ausweglose und triste Situation trifft den einstigen Lebemann und Playboy, der als Herausgeber des einflussreichen französischen Modemagazins „Elle“ glänzend Karriere gemacht hat, während er darüber sein Privatleben, insbesondere die Mutter seiner drei Kinder (Emmanuelle Seigner) und seinen alten, pflegebedürftigen Vater (Max von Sydow) vernachlässigt, hart. Nun, in diesem letzten Stadium seines Lebens, blickt er wehmütig darauf zurück. Mit der Hilfe einer geduldigen, verständnisvollen Assistentin, die ihm von seinem Buchverlag zur Seite gestellt wird, verfasst Jean-Do seine Autobiografie – mittels einer Tafel, die alle 26 Buchstaben des Alphabets nach der Häufigkeit ihrer Verwendung anordnet – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, Wahrheit für Wahrheit. Der Film fühlt sich trotz seines bedrückenden Themas nie sonderlich pessimistisch an, auch wenn Jean-Do an einer Stelle seine Pflegerin um Euthanasie bittet, was sie berechtigterweise sehr aufwühlt. Schnabel inszeniert das Drama mit viel Taktgefühl und die Darsteller, allen voran Amalric und Seigner, spielen wunderbar auf. Vier Oscar-Nominierungen für Schnabels Regie, Ronald Harwoods gelungene Drehbuchadaption, Kamińskis Kameraarbeit und Juliette Welflings Schnitt sowie zwei Golden Globes für den besten fremdsprachigen Film und Schnabel.

© 2011 Constantin Film, Gaumont, Senator. Alle Rechte vorbehalten.

Intouchables“ („Ziemlich beste Freunde“) (2011), der zweite Film dieser informellen „Trilogie des neuen Lebensmuts“, wie ich sie salopp bezeichnen würde, ist im eigentlichen Sinn kein Geheimtipp und entspricht daher auch nicht meinem Kriterium als „Kultfilm“, sondern eher als „Meisterwerk“, aber im Kontext dieses Artikels ist es dennoch angebracht. Basierend auf der wahren Geschichte von Philippe Pozzo di Borgo (1951 – 2023) ist Olivier Nakaches und Éric Toledanos wunderbar lakonische Tragikomödie über eine unwahrscheinliche Freundschaft zweier gänzlich unterschiedlicher Männer einer der größten Publikumserfolge des vergangenen Jahrzehnts, der weltweit über 444 Millionen Dollar eingespielt hat. Allein 9 Millionen Tickets verkaufte der Film in Deutschland und über 700.000 in Österreich, ein überdurchschnittliches Ergebnis. Nach einem verhängnisvollen Paragleiter-Unfall ist der angesehene Pariser Geschäftsmann Philippe (François Cluzet) vom Hals abwärts gelähmt. Gemeinsam mit seiner Assistentin Magalie (Audrey Fleurot) interviewt der verwitwete Mann potenzielle Pflegekräfte, die sich rund um die Uhr um Philippe kümmern sollen. Als der ungeduldige, ungehobelte, rücksichtslose und aus einem Pariser Problemviertel kommende Driss (Omar Sy) auf der Bildfläche erscheint, der eigentlich nur Philippes Unterschrift benötigt, um weiter vom Arbeitsamt unterstützt zu werden, zeigt sich Philippe, zum Erstaunen und Entsetzen seiner Hausbediensteten und Freunde, angetan von ihm und stellt ihn kurzerhand auf Probe ein. Trotz seiner nicht vorhandenen Erfahrung und relativer Unbedarftheit macht Driss seinen Job, vor allem dank seiner unkonventionellen Herangehensweise, hervorragend, und zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die ihrer beider Leben für immer verändert. „Intouchables“ lebt von der lebhaften Darstellung Sys und seiner Chemie mit dem großartig spielenden Cluzet. Wie Driss behandeln auch die Regisseure Nakache und Toledano Hauptfigur Philippe nicht wie einen bemitleidenswerten und seines Lebens überdrüssigen Misanthropen, sondern einen vielschichtigen, sympathischen und trotz aller Umstände lebendigen und unerschütterlichen Mann, der dank einer unverhofften tiefen Freundschaft wieder positiv nach vorne zu blicken lernt.

© 2012 Polyfilm. Alle Rechte vorbehalten.

Und schließlich der dritte Film im Bunde, das kraftvolle, bewegende und mitreißende Liebesdrama „De rouille et d’os“ („Der Geschmack von Rost und Knochen“) des französischen Auteurs Jacques Audiard, der erst vergangenen Monat mit seinem ungewöhnlichen Musical „Emilia Pérez“ in Cannes den Jurypreis gewinnen durfte. Auch 2012 konkurrierte er mit diesem Drama um die „Goldene Palme“ und erzählt die Geschichte zweier verlorener Seelen, die inmitten persönlicher Tragödien zaghaft zueinander finden. Der alleinerziehende und arbeitslose Ali (Matthias Schoenaerts) kommt mit seinem Sohn Sam nach Antibes, wo er vorübergehend bei seiner in kargen Verhältnissen lebenden Schwester unterkommt. Während einer Schicht als Türsteher in einer Disco begleitet er die Delfintrainerin Stéphanie (Marion Cotillard) nach Hause und gibt ihr seine Telefonnummer. Einige Wochen später erhält er dann in der Tat unverhofft einen Anruf von ihr. Viel ist in der Zwischenzeit passiert: nach einem schrecklichen Unfall im „Marineland“ mussten Stéphanie beide Unterschenkel amputiert werden. Ausgerechnet dem ruppigen und ansonsten wenig einfühlsamen Ali gelingt es nach und nach, sie aus ihrer Depression herauszuholen und ihr zu helfen, sich mit ihrer neuen Lebenssituation abzufinden. Sie erhält neue Beinprothesen, begleitet Ali zu Mixed Martial Arts-Kämpfen, wird seine Managerin und beginnt schließlich eine Affäre mit ihm, die sie zunächst emotional distanziert zu führen gedenkt. Doch schon bald entwickeln sich tiefere Gefühle zwischen den Beiden, die sich durch Alis schwierige familiäre Situation verkomplizieren. Unter Audiards Regie liefert die unvergleichliche und facettenreiche Marion Cotillard, Oscar-prämiert für ihre eindrucksvolle Performance der legendären Chansonniere Edith Piaf in „La Vie en Rose“ (2007), eine ihrer absolut besten Schauspielleistungen ab und spielt ihre Rolle mit viel ebenso viel Emotionalität in ihren erschütternden Momenten wie nuancierter Abgebrühtheit in anderen. Leinwandpartner Matthias Schoenaerts in einer seiner ersten Hauptrollen gibt eine nicht minder kräftige Kostprobe seines Talents ab und gibt seinem glücklosen, fauststarken Underdog eine Portion Unberechenbarkeit mit. Damit komplettiert sich hier auch der Kreis dreier starker und optimistischer Charakterstudien.

Was sich wie ein roter Faden durch diese drei grandiosen Dramen zieht, ist die beiläufige, ja fast ausschließlich Off-Screen gehaltene Inszenierung dieser für die Hauptfiguren so einschneidende und lebensverändernde Schicksalsschlag. Auch sonst wird das Ereignis an sich nicht übermäßig dramatisiert, stattdessen setzen die Filmemacher auf eine würdevolle und dezente Darstellung. Den Figuren, besonders Stéphanie, wird der Raum gegeben, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen, jedoch ohne dass es für das Publikum schwer zu ertragen wäre. Es ist diese Behutsamkeit und Feinfühligkeit, durch die sich diese drei Filme besonders hinsichtlich der Präsentation von Behinderungen auszeichnen. Diese drei Figuren werden zu keinem Zeitpunkt als Opfer ihrer eigenen Umstände gezeigt, sondern übernehmen immer noch die Verantwortung für sich selbst und ihr Umfeld. Philippes unkonventionelle und für viele unverständliche und unverantwortliche Entscheidung, Driss als Pfleger einzustellen etwa macht seine Figur noch sympathischer und verständlicher, als sie es von vornherein schon ist. Dass am Ende Stéphanie stärker und gefestigter als Ali dasteht, zeugt von der unbeugsamen Resilienz der ehemaligen Delfintrainerin. Und Jean-Do erfüllt seine letzte Lebensaufgabe, indem er mit sich ins Reine kommt und seine Lebensgeschichte niederschreiben lässt.

Was diesen drei Filmen ebenfalls gemein ist, auf einer rein inszenatorischen Ebene, sind drei sehr gut kuratierte Soundtracks sowie Scores dreier großartiger Komponisten – Paul Cantelon für „Schmetterling und Taucherglocke“, Ludovico Einaudi für „Ziemlich beste Freunde“ und Alexandre Desplat für „Der Geschmack von Rost und Knochen“. Sie runden die starken und unvergesslichen Geschichten mit ihren auditiven Kreationen ab.

Trailer zu „Schmetterling und Taucherglocke„:

Trailer zu „Ziemlich Beste Freunde„:

Trailer zu „Der Geschmack von Rost und Knochen„:

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