Zum 80. Jahrestag der alliierten Invasion in der Normandie: Steven Spielberg schickt eine Gruppe Soldaten angeführt von Tom Hanks durch die Kriegshölle, um einen einzelnen Mann nach Hause zu bringen
Der 6. Juni 1944 hat seinen Platz in der Geschichte als der „D-Day“ eingenommen. Es ist der Tag während des Zweiten Weltkriegs, an dem die alliierten Streitkräfte – die USA, Großbritannien, die Sowjetunion, und China – in der Normandie einfielen und die Befreiung des europäischen Festlands aus der Schreckensherrschaft der Achsenmächte Deutsches Reich und Königreich Italien in Angriff nahmen, beginnend mit Frankreich, welches später zu den Alliierten hinzugefügt wurde, zumal die von Nazideutschland 1940 eingenommenen Franzosen den Alliierten tatkräftig beistanden. Dieser Tag läutete die entscheidende Wende im erbittert geführten Krieg ein, der dann auch ein Jahr später durch die Kapitulation des Deutschen Reiches infolge des Selbstmords Adolf Hitlers in seinem Füherbunker eine Woche danach, am 8. Mai 1945 zumindest in Europa beendet wurde. Man kann die Bedeutung dieses Tages im späten Frühling 1944 daher auch kaum bemessen – weder an den historischen Auswirkungen noch an den zahllosen Verlusten, die allein in dieser einen Operation, „Overlord“, beklagt werden mussten. Viele Dokumentationen und Zeitzeugenberichte von Überlebenden bezeugen dies, und auch heute noch, 80 Jahre später, nehmen D-Day-Veteranen an den Gedenkfeierlichkeiten in Nordfrankreich teil – es dürfte das letzte runde Jubiläum für sie sein, nagt doch der Zahn der Zeit auch an ihnen.

Es dürfte wohl wenig überraschend sein, dass vor allem jüngere Generationen, zu denen auch ich mich zähle, diesen Tag auch deshalb so gut kennen, weil Steven Spielberg, der erfolgreichste Regisseur der Filmgeschichte mit mehr Klassikern und Kultfilmen in seiner Vita, als ich Platz hätte, sie alle aufzuzählen, den tapferen Soldaten ein aufwendiges, bewegendes und unvergessliches Denkmal geschaffen hat. „Saving Private Ryan“ setzte 1998 neue Maßstäbe in Sachen filmischem Realismus in der Darstellung der Grausamkeit des Krieges. Ein knapp dreistündiges Heldenepos, in der eine Gruppe ungleicher Männer auf ein Himmelfahrtskommando geschickt wird, um James Francis Ryan (Matt Damon, der den Rollentypus der zu rettenden Filmfigur aus unwirtlichen Umständen später noch öfter übernimmt) von der Front nach Hause zu holen, weil seine drei Brüder allesamt gefallen sind und die militärische Führung seiner Mutter einen weiteren, finalen Verlust nicht zumuten will.
Für Captain John Miller (Tom Hanks) geht es damit unweigerlich vom Regen in die Traufe. Zu Beginn des Films gerät er mitten die große Landungsoffensive am Omaha Beach, als er und zahlreiche andere Soldaten, eingekesselt von feindlichen Truppen, wie auf dem Präsentierteller erbarmungslos angegriffen werden. Knapp dreißig Minuten dauert diese Sequenz, die von Kameramann Janusz Kamiński mit körniger Ästhetik, entsättigten Farben und wackeliger Handkamera festgehalten wird. Spielberg erspart seinem Publikum hier nichts, der Anblick von Soldaten, die ihre abgetrennten Körperteile aufsammeln, ihre zerschossenen Gedärme in Händen halten, durch Kopfschüsse liquidiert werden und dergleichen machen dies zu einer audiovisuellen Erfahrung, so hautnah und schonungslos, als wäre man selbst mittendrin im Geschehen. Die Sequenz, für sich selbst stehend, ist schon beeindruckend und effektiv in Szene gesetzt und wird in jeder Besprechung des Films hervorgehoben, vor allem deshalb, weil Spielberg gar nicht daran interessiert ist, das Geschehene fürs Publikum aufzupolieren und in einer für Hollywood typischen romantisierten Ästhetik zu zeigen. Diese halbe Stunde feuert die Regielegende aus allen Zylindern und liefert sein absolutes Meisterstück ab, in dem alle Departments von der Kamera über den Schnitt bis hin zum Sound über sich hinauswachsen.

So sehr der Film durch sein plastisches Reenactment des historischen 6. Juni 1944 in Omaha Beach unvergessen geworden ist, so darf der eigentliche Plot des Films nicht außer Acht gelassen werden. Miller und seine „Band of Brothers“ (so der Titel einer nicht minder beeindruckenden WWII-Miniserie aus dem Jahr 2001, an dem Spielberg und Hanks als Produzenten beteiligt waren) – Millers rechte Hand Sergeant Horvath (Tom Sizemore), der rebellische GI Reiben (Edward Burns), der religiöse Scharfschütze Jackson (Barry Pepper), Sanitäter Wade (Giovanni Ribisi), der altkluge Mellish (Adam Goldberg), der feinfühlige Caparzo (Vin Diesel) und der zum Team dazustoßende unbedarfte und moralisch integre Übersetzer Upham (Jeremy Davies) sind allesamt großartig in ihren Parts besetzt und bringen viel Leben in ihre Rollen hinein, die ansonsten nur der Fortführung der Handlung und ihres primären Ziels dienlich wären. Die Verzweiflung, das Unverständnis ob der Tatsache, dass sie ihr Leben für das eines ihnen gänzlich unbekannten Mannes riskieren sollen und ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten zeichnen für einige der emotionalsten Momente des Films aus. Es ist eine abgründige Heldenreise, auf die diese Männer geschickt werden, und sie kulminiert in einen gewaltigen Showdown, ebenfalls mit viel Geschick und inszenatorischer Finesse umgesetzt. Spielberg und Drehbuchautor Robert Rodat gelingt ein berührender Tribut an die verstorbenen Soldaten, die nicht nur für ihre Kameraden, aber auch letztlich für ihr Vaterland und der ganzen Welt ihr Leben auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs lassen mussten. Am Beispiel Ryans, der nach Hause geschickt wurde, nicht allein deshalb, weil er der letzte Überlebende seiner Familie ist, sondern um das Andenken jener zu ehren, die dies bewerkstelligt haben und sicherzustellen, dass dies nicht in Vergessenheit gerät, zeigt der Film auch auf, wie wichtig es ist, aus diesen Erfahrungen die richtigen Lehren zu ziehen. In dieser Hinsicht bezieht sich John Millers finales „Earn this!“ darauf, sein Opfer und das seiner Männer als Aufruf wahrzunehmen, ein besseres Leben für sich selbst und eine bessere Welt, in der er lebt, aufzubauen. Ein Aufruf, der, wie wir leider 80 Jahre später aus leidgeprüfter Erfahrung wissen, nicht überall Anklang und Verständnis findet, sei es in der Ukraine oder im Nahen Osten oder in anderen kriegsgebeutelten Gegenden in der Welt.
„Saving Private Ryan“ funktioniert als aufrüttelndes und beklemmendes Plädoyer gegen das Vergessen der Verdammten des Krieges, wie es Spielberg bereits fünf Jahre zuvor mit seinem Holocaust-Drama „Schindler’s List“ zur Vollendung gebracht hat. Einer der wichtigsten und unvergleichlichsten Kriegsfilme, die je gedreht wurden, verdient ausgezeichnet mit fünf Oscars für Spielbergs Regie, Kamińskis Kameraarbeit, Michael Kahns Schnitt und die beiden Soundkategorien bei sechs weiteren Nominierungen. Warum zum Teufel die Academy aber „Shakespeare in Love“ sieben Preise und obendrein auch jenen für den besten Film gibt, nun, je weniger man darüber nachdenkt, desto besser. Das ändert aber nichts daran, dass „Saving Private Ryan“ sich einen Platz in den Annalen der Filmgeschichte gesichert hat.
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