Ein tabubrechender Sexskandal soll zwei Jahrzehnte später verfilmt werden und reißt im betroffenen Paar alte und längst verdrängte Wunden auf. Ein schwarzhumoriges Drama mit starken Schauspielern.
Geschichten von Schülern, die eine intime Beziehung mit ihren Lehrerinnen eingehen und damit für skandalträchtige Schlagzeilen sorgen, gab es im Laufe der vergangenen Jahrzehnte einige. Ein Fall, der die USA Anfang der 1990er Jahre besonders aufrüttelte, war jener von Mary Kay Letourneau, einer damals 34jährigen Grundschullehrerin, die ihren 12jährigen Schüler Vili Fualaau verführte, später, als er 13 war, von ihm schwanger wurde und diesen dann nach einer abgesessenen Gefängnisstrafe sogar heiratete. Sie trennten sich dann aber 2019, ein Jahr später starb Letourneau, deren Name für immer mit diesem Skandal in Verbindung stehen wird. Im Jahr 2000 wurde bereits ein Fernsehdrama über den Fall produziert, nun greift Regisseur Todd Haynes die brisante Thematik auf und inszeniert ein fiktionales Drama, das lose auf dem Fall basiert. Der Film wählt dabei eine ungewöhnliche Erzählperspektive.

Die erfolgreiche Schauspielerin Elizabeth Berry (Natalie Portman) reist zu Recherchezwecken nach Savannah, um sich mit der Familie von Joe (Charles Melton) und Gracie Atherton-Yoo (Julianne Moore) zu treffen. Vor über zwei Jahrzehnten wurde die damals 36jährige Gracie dabei erwischt, wie sie mit Joe, 13, bei ihrer gemeinsamen Arbeit in einer Zoohandlung intim geworden war. Viel Zeit ist seitdem vergangen, doch die Nachbarschaft scheint sich noch immer mit dem ungewöhnlichen und aufmerksamkeitswirksamen Paar schwer zu tun. Auch Gracies Exmann (D.W. Moffett) und ihr erwachsener Sohn aus erster Ehe, der aufstrebende Musiker Georgie (Cory Michael Smith), damals Klassenkamerad von Joe, stehen Elizabeth Rede und Antwort. Je länger sich der Hollywood-Star jedoch in ihrer Nähe aufhält und je tiefer sie in ihre Vergangenheit und ihr Familienleben eindringt, desto mehr fühlt sich Gracie von ihr bedrängt. Und auch für Joe wird die schmerzvolle und konfliktreiche Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit zur emotionalen Zerreißprobe.
Mit „May December“ gibt Samy Burch, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Alex Mechanik die Story entwickelte, ihr Drehbuchdebüt und landete damit prompt auf der „Blacklist“ der besten nicht produzierten Drehbücher 2019. Vier Jahre später schaffte es das Drama dann endlich ins Kino. Ihr gelingt es in der Tat, das delikate und moralisch äußerst schwierige Thema einigermaßen anspruchsvoll und würdevoll zu dramatisieren. Aus der Sicht einer ehrgeizigen und voll und ganz ihrer Methodik verschriebenen Schauspielerin, die ihr Subjekt so akribisch studiert, dass sie sich nach und nach in ihr Leben hineinschleicht, erzählt, lassen sich Andeutungen auf die emotionale Wucht, die die unliebsame mediale Aufmerksamkeit auch Jahrzehnte später noch auf die betroffenen Menschen nimmt, herauslesen. Ob es eines solchen Films unbedingt bedarf, um ein Thema wie dieses zu verhandeln? Da bin ich geteilter Meinung. „May December“ jedenfalls versucht, mit Humor die ernste Story aufzulockern, nur fühlt dieser sich doch an einigen Stellen merkwürdig deplatziert an. Das Publikum lacht an Stellen, an denen ich nicht einmal ein Grinsen verziehen würde. Auf mich wirkt die Mischung jedenfalls unausgegoren und wenig balanciert. Es gelingt zwar, eine emotionale Resonanz zu den Figuren herzustellen, nur wird diese durch einige fragwürdige Entscheidungen auf die Probe gestellt.

Natalie Portman und Julianne Moore spielen ihre Rollen glänzend, als hielten sie sich in einem Ingmar Bergman-Film auf. Besonders Moore, die für ihre emotionale Intensität bekannt ist, verleiht Gracie eine facettenreiche Tiefe. Der Star des Films ist aber Charles Melton, der an der Seite seiner gestandenen und um einiges erfahreneren Kolleginnen eine beeindruckende Darbietung gibt. Seine Rolle erfordert eine größere schauspielerische Bandbreite verglichen mit den beiden starken Frauen, und er erfüllt diese Aufgabe mit erstaunlicher Reife und Vielschichtigkeit, die besonders gegen Ende des Films in einige traurige Momente führt.
„May December“ ist ein schwieriger Film über ein schwieriges Thema, der zu oft ins Absurde abdriftet, um wirklich ernst zu sein, und zu ernst aufgebaut ist, um wirklich vorbehaltslos darüber lachen zu können. Daran können auch die starken schauspielerischen Leistungen von Portman, Moore und besonders Melton nichts ändern.
Wertung: zwei von vier Sternen!
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