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Vergangenen Samstag ging mit der Verleihung der Preise ein interessantes, mitunter denkwürdiges und spannendes Filmfestival an der Croisette zu Ende. Versuch eines Resümees.

Es mag etwas surreal gewirkt haben, als „Star Wars“-Schöpfer George Lucas gemeinsam mit seinem engen Freund und Wegbegleiter Francis Ford Coppola auf der Bühne stand, wo Ersterer eine Goldene Palme für sein Lebenswerk erhielt. Coppola selbst war mit „Megalopolis“ im Hauptbewerb vertreten, rechnete sich aber keine Chancen auf einen Preis aus – was sich letztendlich auch bewahrheitete. Nachdem Coppola einige lobende Worte an Lucas über ihre gemeinsame Zeit in Hollywood richtete und ein sichtlich emotionaler Lucas eine kurze Rede hielt, blieb der soeben 80 Jahre alt gewordene Visionär und Blockbuster-Pionier auf der Bühne, um dem Gewinner des Wettbewerbs seinen Preis zu überreichen. Und Jurypräsidentin Greta Gerwig, deren Karriere im amerikanischen Independent-Kino ihren Anfang nahm, durfte ihren Wurzeln treu bleiben…

© 2024 FilmNation, NEON. Alle Rechte vorbehalten.

Der Triumph von Sean Baker für seine Tragikomödie „Anora“ war so nicht unbedingt erwartet worden. Favoriten gab es im Vorfeld der Abschlussgala einige, und sie alle erhielten im Laufe des Abends bereits Preise in anderen Kategorien. Da ein Film in Cannes aber neben der Goldenen Palme keine andere Würdigung erfahren darf, kristallisierte sich langsam, aber sicher die in einem gehobenen Viertel in New York spielende Liebesgeschichte zwischen einer Erotiktänzerin und einem russischen Oligarchensprössling als Triumphator heraus. Die titelgebende Anora wird von Jungschauspielerin Mikey Madison gespielt, die aufmerksame Kinobesucher vielleicht als eine der durchgeknallten Hippies aus Quentin Tarantinos „Once Upon a Time… in Hollywood“ (2019) wiedererkennen werden. Ihr Filmgatte, Mark Eydelshteyn, ist bislang gänzlich unbekannt. Das passt zu Baker, der in seinen Filmen überwiegend Amateurschauspieler besetzt. Seit seinem furiosen „Tangerine“ (2015), der komplett auf drei iPhones 5S gedreht wurde, hat er sich zudem der Entstigmatisierung von Sexarbeitern verschrieben und ihnen authentische und eindrückliche Charakterstudien gewidmet. Das grandiose Sozialdrama „The Florida Project“ (2017) erzählt, aus der Sicht eines jungen Mädchens, von den prekären Lebensverhältnissen nur wenige Gehminuten entfernt vom „Walt Disney World“-Vergnügungspark in Orlando, dessen Codename während der Errichtung den Filmtitel inspiriert hat. Mittendrin Schauspiellegende Willem Dafoe als warmherziger und einfühlsamer Motelmanager, völlig verdient für den Oscar nominiert. 2021, während der Pandemie, ließ Baker dann einen abgehalfterten und glücklosen Pornoschauspieler (Simon Rex, dessen Karriere tatsächlich im Erwachsenen-Entertainment begann) in seine Heimatstadt in Texas zurückkehren, und dort mächtig Staub aufwirbeln.

Anora“ erzählt in 139 Minuten von einer impulsiv geschlossenen Ehe und den Bemühungen der Oligarchenfamilie, diese wieder rückgängig zu machen. Wenn man den Worten der Jury Glauben schenkt, erwartet aufgeschlossene Zuschauer eine Mischung aus viel Emotion und Witz. Einen Starttermin hat der Film noch nicht.

© 2024 BALDR Film, Chalk and Cheese Films, Petit Chaos. Alle Rechte vorbehalten.

Den zweitwichtigsten Preis, den Grand Prix der Jury, gewann das indische Drama „All We Imagine as Light“. Es ist nicht nur der erste indische Beitrag in Cannes seit 30 Jahren, es ist überhaupt das erste Mal, dass eine Regisseurin aus Indien am Wettbewerb teilnehmen durfte. Darin fliehen zwei Krankenschwestern aus ihren schwierigen Beziehungen an einen Küstenort mit einem anliegenden mystischen Wald, in dem sich ihre Träume manifestieren. Payal Kapadias Film hat noch keinen Verleih in Österreich.

© 2024 France 2 Cinéma, LPI Media, Shanna Besson, Vixens. Alle Rechte vorbehalten.

Einer der ganz großen Favoriten auf den Hauptpreis erhielt schließlich zwei Auszeichnungen: Jacques Audiard, Palmen-Gewinner 2015 für sein Flüchtlingsdrama „Dheepan“, erhielt für sein spanischsprachiges Crime-Musical – das nenne ich mal einen Genremix – „Emilia Pérez“ den Jurypreis. Die vier Hauptdarstellerinnen Zoe Saldaña, Selena Gomez, Adriana Paz und Transgender-Actor Karla Sofía Gascón durften sich die Ehrung für die Beste Schauspielerin teilen. Der Film, in dem ein mexikanischer Kartellboss (Gascón) eine Geschlechtsumwandlung durchziehen will, um den Behörden zu entkommen und ihre Identität zu finden, wird im englischsprachigen Raum von Netflix vertrieben. Ob er eine internationale Kinoauswertung erhält, ist noch offen.

© 2024 Blacksmith Pictures, Christine Tamalet, Universal Pictures, Working Title. Alle Rechte vorbehalten.

Neben „Emilia Pérez“ gehörte auch der international koproduzierte Body-Horror-Film „The Substance“ der französischen Filmemacherin Coralie Fargeat zu den aussichtsreichsten Kandidaten auf die Goldene Palme. Die Jury ehrt das mutige und verstörende Werk für sein Drehbuch. Im Film spielt Demi Moore ein alterndes Starlet, das beschließt, die titelgebende Substanz an sich auszutesten und damit eine jüngere und besser aussehende (?) Version ihrer selbst erschafft, die von Margaret Qualley verkörpert wird. Der Film verspricht ein bizarrer Body-Switch-Albtraum mit beißender Ironie zu werden. MUBI übernimmt den weltweiten Vertrieb und dürfte den Film im Herbst in die Kinos bringen.

© 2024 Cannes Film Festival, Run Way Pictures, Parallel45. Alle Rechte vorbehalten.

Für den speziellen Anlass entschied sich die Jury dazu, den eben erst aus dem Iran geflohenen Filmemacher Mohammad Rasoulof für sein mutiges und von Kritikern und Publikum frenetisch bejubeltes Justiz-Krimidrama „The Seed of the Sacred Fig“ über einen investigativen Richter in Teheran und seine Gewissensbisse hinsichtlich der politischen Proteste im Land sowie zunehmender Panik über den Verlust seiner Dienstwaffe einen Spezialpreis zu überreichen, der zu den Klängen von „X-Ray Dogs“ epischem Song „Acts of Courage“ für einen besonders emotionalen Moment mit anschließenden stehenden Ovationen sorgte.

Den männlichen Schauspielerpreis gewann unterdessen Jesse Plemons für seine drei Rollen in Yorgos Lanthimos‘ absurder schwarzer Episoden-Komödie „Kinds of Kindness“, während der Regiepreis an den Portugiesen Miguel Gomes für sein Historiendrama „Grand Tour“ ging.

© 2024 American Zoetrope, Mihai Mălaimare Jr. Alle Rechte vorbehalten.

Was ist nun aber mit den im Vorfeld groß gehandelten und breit diskutierten Werken? Das große Comeback des Francis Ford Coppola, der 120 Millionen Dollar seines eigenen Vermögens durch den Verkauf eines Teils seines Weinimperiums in die Produktion seines ambitionierten und überlebensgroßen Science-Fiction-Dramas „Megalopolis“ gesteckt hat, droht für die Gallionsfigur des „New Hollywood“ der 1970er Jahre zu einem kostspieligen Debakel zu werden: Kritiker und anwesendes Publikum sind tief gespalten, die chaotischen Produktionsbedingungen samt Vorwürfen übergriffigen und unprofessionellen Verhaltens Coppolas tun ihr Übriges zu dem bereits kontrovers diskutierten Epos. Während der Film in einigen wichtigen internationalen Territorien, u.a. dem deutschsprachigen Raum (Constantin Film) einen Vertrieb finden konnte, und auch IMAX einen weltweiten Kinostart bestätigt hat, der vorläufig für September geplant ist, hat Coppola noch immer keinen Verleih in Nordamerika gefunden. Die Rezeption aus Cannes dürfte dieses Unterfangen nicht einfacher gemacht haben. Das macht die Vorfreude auf „Megalopolis“ nichtsdestotrotz noch größer…

© 2024 Pief Weyman, Scythia Films. Alle Rechte vorbehalten.

Paul Schraders „Oh, Canada“ über einen alternden Autor und Dokumentarfilmer, der der Einberufung in den Vietnamkrieg durch eine Flucht nach, nun ja, Kanada, entgeht, kam trotz Starbesetzung – Richard Gere, Uma Thurman, Jacob Elordi, Michael Imperioli – nicht sonderlich gut an. Ähnlich verhalten war die Reaktion zu David Cronenbergs überraschend sentimentalem und introvertiertem Horrordrama „The Shrouds“, mit dem der kanadische Regie-Derwisch den Tod seiner Frau verarbeitet. Vincent Cassel, Diane Kruger und Guy Pearce spielen die Hauptrollen in dem Film, in dem ein Geschäftsmann (Cassel) nach dem Tod seiner Frau (Kruger) eine Technik entwickelt, die es Menschen ermöglicht, den Toten in ihren Gräbern beim Verwesen zuzuschauen. Dass „The Apprentice“ von Ali Abbasi über die Anfänge des Geschäftsmanns und späteren US-Präsidenten Donald Trump, der im November ins Weiße Haus zurückkehren will, einer der umstrittensten und skandalträchtigsten Beiträge werden wird, war im Vorhinein erwartet worden. Sebastian Stan als Trump und Jeremy Strong als sein Mentor und Winkeladvokat Roy Cohn wurden für ihre Performances gelobt, auch wenn Trump selbst und sein Wahlkampfteam naturgemäß weitaus kritischer sind. Der Film, der explizit darauf hinweist, keinesfalls historisch korrekt zu sein, verstört aber am meisten durch eine Vergewaltigungsszene zwischen Trump und seiner inzwischen bereits verstorbenen ersten Ehefrau Ivana (Maria Bakalova, die im zweiten „Borat“-Film bereits eine eindrückliche Szene mit Trumps persönlichem Anwalt Rudy Giuliani absolviert hat). Der Film dürfte noch lange politische Nebengeräusche erzeugen.

Abschließend bleibt nur zu hoffen, wie es Sean Baker in seiner Pressekonferenz nach seinem Sieg auch ausdrückte, dass der erste Palmengewinn für einen amerikanischen Film seit 2011 („The Tree of Life“ von Terrence Malick) „Anora“ das nötige Prestige und Renommee injiziert, um eine erfolgreiche Kinoauswertung und eine mögliche Award-Saison-Kampagne zu starten. Ich freue mich jedenfalls sehr für Baker und hoffe, seinen Film im Herbst entweder auf der Viennale oder im Kino zu sehen. Das Kino braucht solche Erfolgsgeschichten jetzt mehr denn je.

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