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Glamour, Stars und ganz große Filmkunst gibt es wie jedes Jahr an der Côte d’Azur zu bestaunen. Zwischen Palmen, roten Teppichen und potenziellen neuen Kultfilmen gibt es auch heuer wieder viel zu entdecken.

Die Jury, die die beneidenswerte Aufgabe hat, sämtliche Beiträge des Hauptbewerbs anzuschauen und unter ihnen die Preisträger zu küren, wird 2024 von der Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Greta Gerwig geleitet, die gerade eben erst mit ihrem Milliardenerfolg „Barbie“ für Furore und eine denkwürdige Award-Saison gesorgt hat. Ihr zur Seite stehen acht prominente und kompetente Co-JurorInnen: die Oscar-nominierte Lily Gladstone, letztes Jahr selbst mit „Killers of the Flower Moon“ außer Konkurrenz in Cannes, die französische Schauspielerin Eva Green („Die Träumer“ [2003],„Casino Royale“ [2006]), die libanesische Filmemacherin Nadine Labaki („Capernaum“ [2018]) und die türkische Autorin und Schauspielerin Ebru Ceylan („About Dry Grasses“ [2023]), Frau des Palme d’Or-Gewinners Nuri Bilge Ceylan („Winterschlaf“ [2014]). Die vier männlichen Jury-Mitglieder sind der italienische Schauspieler Pierfrancesco Favino („Angels and Demons“ [2009]), der spanische Regisseur J.A. Bayona („Society of the Snow“ [2023]), der französische Publikumsliebling Omar Sy („Intouchables“ [2011]) und der Gewinner der Palme d’Or 2018, der japanische Filmemacher Hirokazu Kore-eda („Shoplifters“). Sie werden mit 22 Wettbewerbsbeiträgen aus aller Welt konfrontiert werden, die bis zum 25. Mai uraufgeführt werden.

© 2024 American Zoetrope, Mihai Mălaimare Jr. Alle Rechte vorbehalten.

Am meisten erwartet wird von diesen Filmen sicherlich das bereits breit und kontrovers diskutierte Science-Fiction-Epos „Megalopolis“ der 85jährigen Regielegende Francis Ford Coppola, der bereits 1974 („The Conversation“) und 1979 („Apocalypse Now“) die Goldene Palme in Empfang nehmen durfte. Das kolossale und bildgewaltige Drama, in dem ein futuristisches New York nach einer Katastrophe neu aufgebaut und in ein Utopia verwandelt werden soll, worüber ein idealistischer Architekt und der korrupte Bürgermeister in Clinch geraten, hat eine beeindruckende Besetzung aufzubieten: neben Adam Driver und Giancarlo Esposito sind Nathalie Emmanuel, Aubrey Plaza, Shia LaBeouf, Jon Voight, Talia Shire, Jason Schwartzman, Laurence Fishburne und Dustin Hoffman dabei. Coppola finanzierte das 120 Millionen Dollar teure Projekt aus eigener Tasche durch den Verkauf eines Großteils seines Weinimperiums. Die ersten Bilder versprechen Großes. Premiere feiert der Film am 16. Mai, dann dürften auch die ersten ernstzunehmenden Kritiken folgen.

Ein anderer Veteran des „New Hollywood“ der 1970er Jahre, Autor, Regisseur und Filmkritiker Paul Schrader, kehrt ebenfalls nach Cannes zurück, nachdem das von ihm geschriebene und von Martin Scorsese inszenierte Krimidrama „Taxi Driver“ 1976 triumphieren durfte. Sein neuestes Drama „Oh, Canada“ bringt ihn wieder mit Richard Gere zusammen, 44 Jahre nach „American Gigolo“. Gere spielt einen alternden Autor, der im Sterben liegend sein Leben als Kriegsdienstverweigerer während des Vietnamkriegs rekapituliert, während dessen jüngere Version von Jacob Elordi gespielt wird. In Nebenrollen treten Uma Thurman und Michael Imperioli auf. Vielversprechend.

© 2024 Atsushi Nishijima, Searchlight Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Nach dem doch recht überraschenden Erfolg von „Poor Things“ (2023, vier Oscars) legt der griechische Auteur Yorgos Lanthimos gleich direkt nach: das Triptychon „Kinds of Kindness“, drei lose miteinander verbundene Geschichten, in denen die Schauspieler jeweils drei verschiedene Figuren verkörpern, darunter die zweifache Oscar-Preisträgerin Emma Stone, Willem Dafoe, Margaret Qualley – alle bereits in „Poor Things“ dabei – sowie Jesse Plemons, Hong Chau und Joe Alwyn.

© 2024 Pyramide Distribution, Sophie Giraud. Alle Rechte vorbehalten.

Zwei Jahre nach „Crimes of the Future“ kehrt der Meister des makabren Body-Horror, David Cronenberg, mit einem weiteren abgründigen und garantiert schwer verdaulichen Gruselfilm nach Cannes zurück: „The Shrouds“ handelt von einem trauernden Witwer (Vincent Cassel), der eine Technik entwickelt, die es ermöglicht, den Toten in ihren Gräbern beim Verwesen zuzuschauen – eine morbide Prämisse. Diane Kruger, Guy Pearce und Sandrine Holt spielen auch mit. Dürfte kontrovers werden.

© 2024 FilmNation, NEON. Alle Rechte vorbehalten.

Ein weiterer Rückkehrer an die Croisette ist der amerikanische Auteur Sean Baker, der sich einen Namen für seine Außenseiter-Portraits, speziell von Sexarbeitern, gemacht hat, so z.B. mit „The Florida Project“ (2017) und zuletzt „Red Rocket“ (2021 im Wettbewerb von Cannes). „Anora“ schlägt wieder in eine ähnliche Kerbe, wird aber wohl wieder gefühlvoller und emotionaler als „Red Rocket“, eine Tragikomödie über einen vom Pech verfolgten, aber unverbesserlichen Pornodarsteller (Simon Rex). In „Anora“ geht es um eine junge Prostituierte (Mikey Madison) aus Brooklyn, die den Sohn eines russischen Oligarchen heiratet, dessen Familie alles daran setzt, die Ehe annullieren zu lassen. Klingt auf jeden Fall sehr interessant.

© 2024 Pief Weyman, Scythia Films. Alle Rechte vorbehalten.

Und weil es in einem aufreibenden und politisch richtungsweisenden Superwahljahr nicht ohne Politsatire und skandalumwitterte Biographien geht, verwandelt sich der in Berlin mit dem Darstellerpreis für „A Different Man“ prämierte Sebastian Stan für den iranisch-dänischen Filmemacher Ali Abbasi in niemand geringeren als Donald Trump. „The Apprentice“ fokussiert sich auf die frühen Jahre in der wendungsreichen und von Kontroversen nur so durchsetzten Karriere des selbsternannten „Dealmakers“ und seine Beziehung zu seinem „Mentor“ Roy Cohn, der für seine Zusammenarbeit mit dem berüchtigten Senator Joseph McCarthy während der Kommunistenverfolgung der 1940er und 1950er Jahre bekannt geworden war. Jeremy Strong schlüpft in die Rolle des Winkeladvokaten, während Trumps erste Ehefrau Ivana von Maria Bakalova (die im zweiten „Borat“-Film 2020 eine unliebsame Begegnung mit Trumps persönlichen Anwalt Rudy Giuliani vor laufenden Kameras bewältigen musste) gespielt wird. Man darf gespannt sein, wie Publikum und Jury auf diesen Film reagieren.

Das ist natürlich nur eine kleine Auswahl des Wettbewerbs 2024, zu dem auch Beiträge aus anderen Ecken der Welt eingeladen wurden, etwa auch aus dem Iran, dessen repressives Regime die Teilnahme des Films „The Seed of the Sacred Fig“ unter allen Umständen zu verhindern versuchte und den Regisseur Mohammad Rasoulof zu einer achtjährigen Gefängnisstrafe verurteilte und ihn damit ins Exil zwang.

© 2024 Corbis, Stephane Cardinale. Alle Rechte vorbehalten.

Während die Preisträger der diesjährigen Wettbewerbe am Samstag, 25. Mai, bekanntgegeben werden, stehen einige Auszeichnungen bereits vorab fest: zur Eröffnung des Festivals, in Zuge dessen Quentin Dupieuxs Meta-Komödie „The Second Act“ (außer Konkurrenz) uraufgeführt wurde, kehrte die lebende Schauspiellegende Meryl Streep nach 35 Jahren nach Südfrankreich zurück, um eine Goldene Palme für ihr beeindruckendes Lebenswerk entgegenzunehmen. Ebenfalls für seine Verdienste geehrt wird der Schöpfer der „Star Wars“-Saga, George Lucas, pünktlich zu seinem 80. Geburtstag und der Rückkehr seines engen Freundes und Wegbegleiters Coppola. Schließlich erhält auch die legendäre japanische Anime-Schmiede „Studio Ghibli“, die gerade erst mit „Kimitachi wa Dō Ikiru ka (Der Junge und der Reiher)“ (2023) sensationell den Oscar für den besten Animationsfilm gewonnen hat, eine Goldene Palme.

Ich selbst bin nicht vor Ort, um ausgewählte Filme sehen und beurteilen zu können. Aber einige dieser Filme werden wir in anderer Stelle und zu einem späteren Zeitpunkt sicher noch ausführlich besprechen und diskutieren. Es ist jedenfalls das spannendste Festival in Cannes seit vielen Jahren…

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