Urkomisch, bewegend und bissig nimmt Cord Jefferson in seinem Spielfilmdebüt die Literaturszene aufs Korn und gewinnt für sein messerscharfes Drehbuch den Oscar
Dem Trailer nach zu urteilen, erwartet uns in „American Fiction“ eine messerscharfe Satire auf popkulturelle Klischees und Vorurteile, die der afroamerikanischen Kultur seit langem anhaften. Hinter Cord Jeffersons Spielfilmdebüt als Autor und Regisseur verbirgt sich aber noch etwas ganz anderes: eine berührende Familiengeschichte, die den 117minütigen Film ausbalanciert, aber oftmals auch den Fokus von der Karriere des Schriftstellers Monk – gespielt von einem fantastischen Jeffrey Wright – auf sein schicksalhaftes Privatleben verschiebt. So überrascht der Film mit einigen dramaturgischen Nackenschlägen, und lässt so das Stimmungsbarometer ständig hin und her pendeln.

Thelonious Ellison, von allen meist nur „Monk“ genannt, nach dem legendären Jazzmusiker, ist frustriert, dass seine literarischen Werke keinen allzu großen Erfolg verbuchen können. Von seinem Lehrauftrag an einer Universität wird er beurlaubt, weil er mit seinen Studenten hemmungslos über das „N-Wort“ diskutiert, ohne sich dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Dann ereilt ihn plötzlich ein familiärer Schicksalsschlag, und Monk sieht sich gezwungen, sich mehr um seine an Alzheimer erkrankte Mutter Agnes (Leslie Uggams) zu kümmern, weil sein homosexueller Bruder, Schönheitschirurg Cliff (Sterling K. Brown) sich lieber mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Mit Agnes‘ Nachbarin Coraline (Erika Alexander) entwickelt sich dafür bald eine romantische Verbindung. Eines Abends, frustriert von den Klischees und Erwartungen, die an Autoren wie ihn gesetzt werden, schreibt Monk aus Trotz einen überspitzten und völlig abgedrehten Roman: „My Pafology“ unter dem Pseudonym Stagg R. Leigh. Womit er aber nicht rechnet: das eigentlich als völlig respektloses Statement zum gegenwärtigen Status Quo der Kulturindustrie gedachte Buch wird zum absoluten Bestseller und soll sogar schon bald mit Starbesetzung verfilmt werden. Monk, der seine wahre Identität hinter dem Pseudonym weiterhin versteckt, um den Anschein eines gerade aus dem Gefängnis entlassenen literarischen Wunderkinds aufrechtzuerhalten, droht an seinem fragilen Familienkonstrukt und seinem plötzlichen beruflichen Erfolg aufgerieben zu werden.
Wer die Karriere von Jeffrey Wright mitverfolgt hat, weiß, dass der Mann das Faible für interessante und vielschichtige Charaktere hat, sei es als Gangster in John Singletons „Shaft“ (2000), als James Bonds guter Freund und CIA-Kollege Felix Leiter oder zuletzt als James Gordon im bislang letzten „Batman“-Reboot 2022. Eine Hauptrolle, in der er im Zentrum stehen und die Show an sich reißen darf, hat er bislang nicht anvertraut bekommen, weshalb die Entscheidung, ihn die Rolle des „Monk“ spielen zu lassen, so verdammt genial ist, ohne jetzt in klischeehafte Slangsprache verfallen zu wollen. Wright bringt viel Wärme und lakonischen Witz in seine Performance hinein und es gelingt ihm bravourös die komischen sowie die tragischen Momente des Films problemlos zu schultern. Er bringt dafür genau das richtige Charisma und die nötige Coolness mit. Dem für seine Rolle ebenfalls Oscar-nominierte Sterling K. Brown gelingt dasselbe. Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Cord Jefferson den schmalen Grat zwischen bissiger Gesellschaftssatire und emotionalem Familiendrama entlangwandert, ohne dabei in altbekannte Tropen und Fettnäpfchen zu treten, was, besonders hinsichtlich des Themas der Geschichte eine dramaturgische Meisterleistung darstellt.

Mal brüllend komisch, mal tieftraurig, mal überraschend, mal schockierend – „American Fiction“ nimmt sein Publikum auf eine emotionale Achterbahnfahrt mit. Ein Film, der zum Nachdenken anregt.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: