Die große Schlacht ist geschlagen, die Preisträger stehen endlich fest. Gewinner, Verlierer, Überraschungen und eine Bilanz meiner Prognose. Spoiler: ernüchternd.
Es war ein seltsamer Moment, als der große Al Pacino auf der Bühne stand, um den besten Film des Jahres zu verkünden. Alle wussten, wer sich gleich erheben würde, um den wichtigsten Preis des Abends entgegenzunehmen. Dass Pacino, dessen Meisterwerk „The Godfather Part 2“ dieses Jahr 50. Jubiläum feiern wird, mit den unglücklich gewählten Worten „My eyes see ‚Oppenheimer‘“ gleich zur Übergabe schreiten würde, mag vielleicht einen faden Beigeschmack bilden, ändert aber kaum etwas an einer ansonsten gelungenen und rundum zufriedenstellenden Gala. Kontroversen gab es höchstens um Jonathan Glazers polarisierende Dankesrede, die den Holocaust mit dem gewalttätigen Konflikt am Gaza-Streifen gleichsetzt. Witzigster Moment der Gala war die Vergabe für die besten Kostüme: Wrestler und Schauspieler John Cena erinnerte dabei an einen legendären Moment, der sich ebenfalls vor 50 Jahren zugetragen hat, nämlich der Auftritt des Flitzers Robert Opel, der splitternackt an Moderator David Niven vorbeigerannt war und diesen zu einer legendären Bemerkung hinreißen ließ: „Isn’t it fascinating to think that probably the only laugh that man will ever get in his life is by stripping off and showing his shortcomings?“ Cena wird für seinen mit Moderator Jimmy Kimmel ausgeführten Stunt noch lange im Gespräch bleiben.

Großer Gewinner des Abends war erwartungsgemäß Christopher Nolans Epos über den Vater der Atombombe, „Oppenheimer“, der insgesamt sieben Preise gewann: jenen für den Besten Film, Christopher Nolan für die Beste Regie, Cillian Murphy für den Besten Hauptdarsteller, Robert Downey Jr. für den Besten Nebendarsteller, Ludwig Göransson für die Beste Filmmusik, Hoyte van Hoytema für die Beste Kamera und Jennifer Lame für den Besten Schnitt. Eine derartige Ausbeute war erwartet worden.

Etwas überraschender hingegen war das Abschneiden von Yorgos Lanthimos‘ bizarrer feministischer Frankenstein-Variante „Poor Things“, die am Ende des Abends mit vier Trophäen nach Hause gehen durfte. Neben Emma Stone als Beste Hauptdarstellerin, die einen historischen Triumph verhinderte – mehr dazu gleich – gewann der Film für das Beste Produktionsdesign, das Beste Kostümdesign und das Beste Make-Up. Damit haben nicht viele – mich inkludiert – gerechnet, verdient ist diese Ausbeute allemal.

Der einzige andere Film, der mehr als einen Oscar gewinnen konnte, war Jonathan Glazers beklemmendes Holocaust-Drama „The Zone of Interest“, der nicht nur den erwarteten Preis für den Besten Internationalen Film gewinnen konnte, sondern auch, und darüber freue ich mich besonders, auch jenen für den Besten Sound, den ich in meiner Prognose als würdigen Sieger ausgelobt hatte. Überschattet wurde der große Erfolg des Films nur durch Glazers kontroverse Dankesrede.
Apropos Prognose: von den 23 Kategorien, die dieses Jahr mit Oscars gewürdigt wurden, konnte ich 17 richtig einordnen, ein verhältnismäßig schwacher Schnitt. Viele erwartete Sieger, wie etwa das Make-Up-Team von „Maestro“, die Kostümsparte von „Barbie“, der letzte animierte „Spider-Verse“-Film, aber ganz besonders Lily Gladstone in „Killers of the Flower Moon“ gingen überraschend leer aus. Damit wurde es nichts aus dem historischen Moment und der Versöhnung mit der indigenen Bevölkerung Amerikas, was sehr schade ist. Das soll Emma Stone nicht den Wind aus den Segeln nehmen, denn ihre Performance in „Poor Things“ war wirklich überragend.

Überraschend war die starke Repräsentation Japans: neben Anime-Altmeister Hayao Miyazaki, der für seinen angeblich letzten Film „The Boy and the Heron“ seinen zweiten Oscar nach „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2002) gewinnen konnte, gewann erwartungsgemäß auch die legendäre japanische Riesenechse just in ihrem Jubiläumsjahr ihren ersten Oscar für die besten visuellen Effekte. Regie-Exzentriker Wes Anderson durfte sich unterdessen ebenfalls über seinen ersten Oscar freuen – in absentia. Er gewann für seinen stargespickten Kurzfilm „The Wonderful Story of Henry Sugar“.

„Killers of the Flower Moon”, mit zehn Nominierungen ins Rennen gegangen, konnte keinen einzigen Preis gewinnen und ist damit bereits der dritte Film von Martin Scorsese – nach „Gangs of New York“ (2002) und „The Irishman“ (2019) – den genau das gleiche Schicksal ereilt. Ebenfalls komplett ignoriert wurde Bradley Coopers Dirigentenbiografie „Maestro“ (sieben Nominierungen), während „Barbie“ (8), „American Fiction“ (5), „The Holdovers“ (5) und „Anatomie eines Falls“ (5) jeweils einen Preis einheimsen konnten.
Die Gewinner der Verleihung im Überblick:
Bester Film: „Oppenheimer“ (Emma Thomas, Charles Roven, Christopher Nolan, Universal Pictures)
Beste Regie: Christopher Nolan für „Oppenheimer“
Bester Hauptdarsteller: Cillian Murphy für „Oppenheimer“
Beste Hauptdarstellerin: Emma Stone für „Poor Things“
Bester Nebendarsteller: Robert Downey, Jr. für „Oppenheimer“
Beste Nebendarstellerin: Da’Vine Joy Randolph für „The Holdovers“
Bestes Originaldrehbuch: „Anatomie eines Falls“ Justine Triet und Arthur Harari
Bestes adaptiertes Drehbuch: „American Fiction“ Cord Jefferson, nach dem Roman „Erasure“ von Percival Everett
Bester internationaler Film: „The Zone of Interest” (Großbritannien, Jonathan Glazer)
Bester Animationsfilm: „The Boy and the Heron” (Hayao Miyazaki, Studio Ghibli)
Beste Filmmusik: Ludwig Göransson für „Oppenheimer“
Bester Filmsong: „What Was I Made for?” von Billie Eilish und Finneas O’Connell aus “Barbie”
Beste Kamera: Hoyte van Hoytema für „Oppenheimer“
Bester Schnitt: Jennifer Lame für „Oppenheimer“
Bester Ton: Johnnie Burn und Tarn Willers für „The Zone of Interest”
Bestes Produktionsdesign: James Price, Shona Heath und Zsuzsa Mihalek für „Poor Things“
Bestes Kostümdesign: Holly Waddington für „Poor Things“
Bestes Make-Up und Frisuren: Nadia Stacey, Mark Coulier und Josh Weston für „Poor Things“
Beste visuelle Effekte: Takashi Yamazaki, Kiyoko Shibuya, Masaki Takahashi und Tatsuji Nojima für „Godzilla Minus One“
Bester Dokumentarfilm: „20 Days in Mariupol“ von Mstyslav Chernov, Michelle Mizner und Raney Aronson-Rath
Bester Kurzfilm: „The Wonderful Story of Henry Sugar” von Wes Anderson und Steven Rales
Bester dokumentarischer Kurzfilm: „The Last Repair Shop“ von Ben Proudfoot und Kris Bowers
Bester animierter Kurzfilm: „War is Over! Inspired by the Music of John and Yoko” von Dave Mullins und Brad Booker