Oscar-Special 2024: Junge FBI-Agentin muss einen durchgeknallten Serienmörder aufspüren – mit der Hilfe eines psychopathischen Kannibalen. Schaurig-spannender Horrorthriller mit Anthony Hopkins und Jodie Foster
Die fünf wichtigsten Kategorien der „Academy Awards“ – Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Beste Hauptdarstellerin und Bestes Drehbuch (original oder adaptiert) – sind solch große Individualleistungen, und selten so gut unter einen Hut zu bekommen, dass die Wähler äußerst selten alle fünf an einen Film vergeben. In der Geschichte der Awards ist dies auch erst dreimal vorgekommen: 1934 gewann Frank Capras Romantikkomödie „It Happened One Night“ mit Clark Gable und Claudette Colbert in den Hauptrollen die großen Fünf – eine stilbildende Komödie und bis heute einer der besten Genrebeiträge. Erst 1975 konnte das Kunststück wiederholt werden: diesmal durch das Drama „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“, produziert von Michael Douglas und Saul Zaentz, inszeniert von Milos Forman nach adaptiertem Drehbuch von Bo Goldman und Laurence Hauben mit Jack Nicholson und Louise Fletcher in den unvergesslichen Hauptrollen als rebellischer Psychiatrieinsasse respektive sadistische Oberschwester. Ein tragisches, wenn auch kraftvolles Bravourstück.

Und der dritte Film? Ein Novum in der Geschichte der „Oscars“, denn man dürfte meinen, die Wählerinnen und Wähler schrecken vor allzu gruseligen und schockierenden Streifen zurück. 1991 führte aber kein Weg an Jonathan Demmes meisterlicher Bestsellerverfilmung „The Silence of the Lambs“ vorbei. Obwohl bereits im Februar bei der Berlinale im Wettbewerb gezeigt und in die Kinos gebracht, setzte sich das genial gespielte und aufregend inszenierte Werk ein Jahr später in allen wichtigen Kategorien durch und gilt als einer der besten Thriller der Filmgeschichte.
Der irre Serienkiller „Buffalo Bill“ (Ted Levine) hat die Tochter (Brooke Smith) einer Senatorin in seiner Gewalt. Das FBI tappt bei der Suche nach dem Mörder aber im Dunkeln, deshalb soll die junge, noch in Ausbildung befindliche Clarice Starling (Jodie Foster) in die Anstalt für verhaltensgestörte Verbrecher und den dort inhaftierten Kannibalen Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) befragen, da sich Starlings Vorgesetzter Jack Crawford (Scott Glenn) von ihm neue Ansatzpunkte und Denkmuster erhofft. Die unsichere, traumatisierte, aber dennoch zielstrebige Frau bekommt zwar zunächst kein hilfreiches Feedback von dem hochintelligenten, aber soziopathischen ehemaligen Psychiater, macht aber einen derart nachhaltigen Eindruck auf ihn, dass er sich bereit erklärt, sie bei der Suche nach „Buffalo Bill“ zu unterstützen – wenn sie ihm im Gegenzug von ihren eigenen Dämonen berichtet. Starling sieht sich zu diesem Seelenstriptease gezwungen, denn die Zeit rennt ihr davon. Aber Lecter hat auch noch eine ganz eigene Agenda…

Anthony Hopkins, der hier den ersten seiner beiden Oscars erhielt – der zweite kam 2020 als demenzkranker Mann in „The Father“ –, ist nur 16 der 118 Minuten auf der Leinwand zu sehen. Das qualifiziert ihn dennoch als Hauptdarsteller, ist er doch neben Fosters Starling die handlungstragende Figur des Films. Die Tatsache, dass er in nur 16 Minuten einen so dermaßen nachhaltigen Eindruck nicht nur auf das Publikum, sondern auf die gesamte Popkultur nehmen konnte, ist der beste Beweis, welch geniale Schauspielleistung er hier erbracht hat. Eindringlich, kühl, präzise verkörpert er diesen eigentlich verabscheuungswürdigen Charakter und schafft es, ihn mit einer faszinierenden Aura auszustatten, die den Zuschauer, wie Clarice, unweigerlich in seinen Bann zieht. Wenn Lecter Starling davon berichtet, wie er die Leber eines Volkszählers mit Bohnen und einem exquisiten Wein verspeist, läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter.

Jodie Foster, die hier den zweiten ihrer beiden Oscars erhielt – der erste kam 1988 als gedemütigtes Vergewaltigungsopfer im aufwühlenden Justizdrama „The Accused“ –, darf hier eine ganz starke Frauenfigur spielen, die dem monströsen Lecter Auge in Auge gegenübertritt. Ihre vielschichtige Performance, die von Zerbrechlichkeit, Kindheitstrauma, Kampf gegen Alltagssexismus, und, im atemberaubenden letzten Drittel, Heldenhaftigkeit, geprägt ist, bringt Foster mit der Abgeklärtheit und Routine einer gestandenen Charakterdarstellerin doppelten Alters – Foster war 28, als der Film Premiere feierte. Diese beiden Naturgewalten prallen mit einer derartigen Intensität aufeinander, dass man entweder angewidert wegschaut oder fasziniert an ihren Lippen hängen bleibt. Drehbuchautor Ted Tally transportiert Thomas Harris‘ aufsehenerregenden Roman in einen kammerspielartigen Horrorthriller, der von Jonathan Demme niemals übermäßig explizit, aber dennoch grauenvoll-effektiv in Szene gesetzt wird. Wenn Ted Levine zu den Klängen von Q Lazzarus‘ „Goodbye Horses“ tanzt, während im Brunnenschacht sein Opfer um Hilfe schreit, oder das Publikum aus der Perspektive des Killers mit einem Nachtsichtgerät der hilflosen Starling dabei zusehen muss, wie sie ihm im Dunkeln ausgeliefert ist, erreicht die Spannung einen ungeahnten Siedepunkt.
Auch wenn die Darstellung des „Buffalo Bill“ innerhalb der LGBTQ+-Community damals wie heute höchst umstritten ist und eine gewisse queer-feindliche Tendenz nicht von der Hand zu weisen ist, ist und bleibt „The Silence of the Lambs“ ein meisterhafter Schocker, der einen der ikonischsten Bösewichter und eine der legendärsten Heldinnen der Filmgeschichte hervorgebracht hat. Kein Film für Zartbesaitete.
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