Skip to main content

Oscar-Special 2024: Die Gründungsgeschichte der größten Online-Community der Welt – aufbereitet wie eine griechische Tragödie. Brillant umgesetzt von Autor Aaron Sorkin und Regiederwisch David Fincher

Ein Muster, welches in der Geschichte der „Academy Awards“ leider öfter vorkommt, ist die Auszeichnung eines Films über ein weitaus verdienteres Werk: als Jack Nicholson bei der Verleihung 2006 den Umschlag öffnete und mit etwas Verwunderung und sichtlicher Enttäuschung „Crash“ (2004 uraufgeführt, aber erst 2005 veröffentlicht) zum „Besten Film“ kürte, wo doch alle fest von einem „Brokeback Mountain“-Triumph ausgegangen waren, ging dies als einer der umstrittensten Momente in die Annalen ein. Nicht, dass an der Qualität von Paul Haggis‘ episodenhaftem Plädoyer gegen Alltagsrassismus etwas auszusetzen ist, mitnichten. Aber Ang Lees herzzerreißende queere Liebesgeschichte zweier Cowboys in den konservativen 1960er bis 1980er Jahren, die ihrer Zeit um ein paar Jahre voraus war, gilt heute als ein Meisterwerk und Heath Ledger und Jake Gyllenhaal spielen sich die Seelen aus dem Leib. Lee kürte sich nicht nur zum ersten asiatischen Regie-Oscarpreisträger, vor ihm gewannen ausschließlich kaukasisch-amerikanische oder europäische Männer in dieser Kategorie. Lees historischer Sieg läutete einen längst überfälligen Paradigmenwechsel ein.

© 2010 Sony Pictures Releasing. Alle Rechte vorbehalten.

Sieben Jahre zuvor machte eine weitere umstrittene Entscheidung der Academy in der Industrie Wellen – ich meine nicht den Preis für Elia Kazans Lebenswerk, der wütende Proteste nach sich zog, weil er sich Anfang der 1950er dem Druck des antikommunistischen Kongresskomitees beugte und Kollegen ans Messer lieferte. Warum „Shakespeare in Love“, eine zu Zeiten Königin Elisabeth I. (Dame Judi Dench) spielende Liebeskomödie, in der der titelgebende Barde (Joseph Fiennes) die (fiktive) Inspiration für seine berühmteste Romantiktragödie durch eine unerfüllte Liebe zu einer Schauspielerin (Gwyneth Paltrow) bezieht, die als Mann verkleidet auf der Bühne steht, ein besserer Film als Steven Spielbergs „Saving Private Ryan“ sein soll, in dem eine Gruppe Soldaten in den Tagen nach der Normandie-Invasion 1944 im Feindesland einen Kameraden finden und heimschicken soll, weil dessen drei Brüder alle im Kampf gefallen sind, erschließt sich auch heute nicht. Vielmehr wird dieser überraschende Sieg dem heute in Ungnade und Infamie gefallenen Produzenten Harvey Weinstein zugeschrieben, dessen aggressive Vermarktungsstrategie bei den Wählern angeschlagen hatte. Mehr als ein hübsch ausgestattetes und gut gespieltes Mimenstück ist „Shakespeare in Love“ unterm Strich nicht.

Eine ähnliche Situation bringt mich zu meinem heutigen Film: dafür reise ich zurück ins Jahr 2010. Ein starkes Jahr mit einigen heißen Anwärtern. Das technisch überragende Science-Fiction-Spektakel „Inception“ von Christopher Nolan erhielt vier Auszeichnungen bei acht Nominierungen – für die wunderschöne Kameraarbeit, die atemberaubenden visuellen Effekte, und die damals noch zweigeteilten Sound-Kategorien. Was der Film nicht bekam, war eine Regie-Nominierung für Nolan. Bis heute unverständlich. Darren Aronofskys surrealer Psychothriller „Black Swan“ über eine perfektionistische Primaballerina in einem renommierten New Yorker Ballett, die sowohl den weißen als auch den titelgebenden schwarzen Schwan buchstäblich verkörpern will, bringt Natalie Portman den Preis für die beste Hauptdarstellerin und Aronofsky eine Nominierung ein. Die Preise, die die Schlagzeilen bestimmen, machten sich aber zwei andere Filme aus: ein britisches Historiendrama und ein Kritikerliebling von einem Regiegenie. Wie bereits zwölf Jahre zuvor…

© 2010 Sony Pictures Releasing. Alle Rechte vorbehalten.

Und wieder ist es eine Entscheidung, an der sich die Geister bis heute scheiden: „The King’s Speech“, die ungewöhnliche Freundschaft des stotternden britischen Königs George VI. (Colin Firth), genannt „Bertie“, und des unkonventionellen australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush), mit dessen Hilfe er sein Lampenfieber in den Griff bekommt und eine historisch bedeutende Rede zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hält, ist ein glänzend gespieltes und anrührendes Drama geworden. Colin Firths Performance und David Seidlers Originaldrehbuch sind ihres Goldes wert. Bei Tom Hoopers Regie und dem Film als Ganzem ist das nicht ganz so eindeutig. Das liegt an der Konkurrenz: David Fincher, der sich längst zu einem der interessantesten, stilsichersten und vielseitigsten Filmemacher seiner Generation entwickelt hat, liefert mit „The Social Network“ ein Meisterstück ab, wie er es seitdem nicht mehr zu bewerkstelligen vermochte.

Darin erzählt er die Entstehungsgeschichte einer der bekanntesten und meistfrequentierten Webseiten, die es im Internet gibt: Facebook. Eine Seite, die unsere Art zu kommunizieren und die gesamte Gesellschaft für immer veränderte und wie kaum eine Marke das 21. Jahrhundert prägt. Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) wird gemeinhin als Gründer und Entwickler von „Facebook“ angesehen, aber das heißt nicht, dass er allein ein ganzes Unternehmen aus dem Boden gestampft hat, und eine Seite mit Milliarden Nutzern weltweit aus dem Nichts erschaffen hat.  Und genau deswegen muss sich Zuckerberg in mehreren Gerichtsverfahren mit ehemaligen Weggefährten und Freunden auseinandersetzen.

© 2010 Sony Pictures Releasing. Alle Rechte vorbehalten.

2003 wird der 19jährige Harvard-Student Zuckerberg von seiner Freundin Erica (Rooney Mara) verlassen, was den verbitterten Eigenbrötler dazu veranlasst, sie erst auf seinem Blog zu verunglimpfen und dann, immer noch rachsüchtig, eine Seite zu erstellen, auf der Kommilitonen jeweils zwei Fotos miteinander vergleichen können, um zu eruieren, welches Gesicht hübscher ist: „FaceMash“. Binnen Stunden geht die Seite durch die Decke, und Zuckerberg wird bekannt. Die Zwillinge Tyler und Cameron Winklevoss (Armie Hammer) und ihr Business-Partner Narendra (Max Minghella) beauftragen ihn, den Quellcode für eine Netzwerk-Seite für Dating-willige Harvard-Studenten zu schreiben. Stattdessen entwickelt er mit seinem besten Freund Eduardo Saverin (Andrew Garfield), der auch das Geld dazu beisteuert, seine eigene Plattform, „Thefacebook.com“. Durch einen One-Night-Stand wird bald auch der berüchtigte Internet-Unternehmer Sean Parker (Justin Timberlake), der Jahre zuvor mit der illegalen Filesharing-Seite „Napster“ die Musikindustrie gegen sich aufbrachte, auf Zuckerberg aufmerksam. Trotz Saverins Misstrauen und Bedenken gegenüber Parker beteiligt Zuckerberg ihn am Unternehmen und treibt damit zunehmend einen Keil zwischen ihm und seinem loyalsten Freund Eduardo – Mark will ihn schließlich aus dem Unternehmen booten.

Wer lernen will, wie man großartige, lyrisch anmutende und wirklich brillante Dialoge schreibt, dem lege ich ans Herz, die Drehbücher von Aaron Sorkin zu lesen, sich Videos von ihm anzuschauen, oder – wie ich – seine „Masterclass“ zu absolvieren. Als Schöpfer von Serien wie „The West Wing“ (1999 – 2006), „Studio 60 on the Sunset Strip“ (2006 – 2007) und „The Newsroom“ (2012 – 2014) hatte er bereits im Fernsehen sein untrügliches Gespür für wortgewaltige Formate unter Beweis gestellt und die „Walk and Talk“-Technik perfektioniert. Seine Adaption von Ben Mezrichs Tatsachenbuch „The Accidental Billionaire“ gilt aber als Krone seiner Schöpfung. In den Händen eines unbedarften, ja selbst einigermaßen talentierten Schreiberlings hätte daraus eine konventionelle und spannungsarme Biographie von der Stange werden können. Sorkin hingegen zaubert aus der Geschichte eine tiefgründige, bedeutsame und nahezu tragische Parabel für das 21. Jahrhundert. Wie ein Mann, der den Begriff der Freundschaftsanfrage völlig neu definierte, die Kommunikation auf digitalen Kanälen revolutionierte, darüber jedoch seine zwischenmenschlichen Tugenden mehr und mehr über Bord wirft, und, symbolisch, am Ende des Films vereinsamt vor seinem Computer sitzt und seiner Exfreundin eine Anfrage über „Facebook“ sendet und ungeduldig im Sekundentakt die Seite neu lädt, ist eine der faszinierendsten Geschichten der 2010er Jahre und wird regelmäßig zu dessen besten Filmen gezählt. Sorkin gewann den Preis fürs beste adaptierte Drehbuch völlig zu Recht, ebenso wie „Nine Inch Nails“-Frontmann Trent Reznor und Atticus Ross für ihren Elektropop-beeinflussten Score und der Filmschnitt.

© 2010 Sony Pictures Releasing. Alle Rechte vorbehalten.

Aber „The Social Network“ wäre nun einmal nicht der Erfolg, der er ist, ohne das inszenatorische Gespür eines David Fincher. Seine kühle, exakte Regie und seine analytisch anmutende Arbeitsweise erweist sich hier so passend wie ein Handschuh und verleiht dem Film eine einzigartige Ästhetik. Die Schauspieler sind allesamt top besetzt und verleihen ihren Figuren mehr Dimensionen als nur nerdige Hipster-Klischees. Dies ist nicht nur ein Film für Millennials, die mit „Facebook“ quasi aufgewachsen sind. Dies ist eine Erfolgsgeschichte für Generationen und ein zeitgemäßes Portrait.

Wird „The King’s Speech“ früher oder später in Vergessenheit geraten und sich seinen Platz einzig durch den Umstand sichern, dass er zum „Besten Film“ 2010 gekürt wurde, braucht „The Social Network“ diesen Nimbus gar nicht, um als brillantes, relevantes und großartig erzähltes, inszeniertes und gespieltes Drama erster Güte in Erinnerung behalten zu werden.

Trailer:

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen