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Spider-Man: No Way Home„: ein witziger, emotionaler und spektakulärer Nostalgietrip durch zwei Jahrzehnte Superheldenmythos

Als der erste Spider-Man-Film im Juni 2002 in die österreichischen Kinos kam, war ich knapp 15 Jahre jung, bereits der cinephile Enthusiast, der sich später einmal für eine Filmkarriere interessieren würde, aber auch ein problembehafteter Teenager, der mit Liebeskummer, Mobbing, Depressionen und Unverständnis zu kämpfen hatte. Das Kino war für mich stets die Flucht in eine andere, meist bessere Welt, in der ich mich wohl und zuhause fühlte. So war es auch an jenem schicksalhaften Samstagnachmittag, als ich Sam Raimis spektakuläre Adaption des „Marvel“-Comics erstmals sah. Es war eine Erfahrung, die mein Leben für immer verändern sollte.

© 2002 Columbia TriStar. Alle Rechte vorbehalten.

In diesen zwei Stunden erlebte ich etwas, was mich ungemein prägte und inspirierte. Dieser Junge da oben auf der Leinwand, Peter Parker (Tobey Maguire), war nicht einfach nur eine Figur, erdacht von Stan Lee und Steve Ditko Anfang der 60er Jahre, er war ein Mensch aus Fleisch und Blut, wie ich. Er ist unglücklich verliebt, und zwar buchstäblich in das Mädchen von nebenan, Mary Jane „MJ“ Watson (Kirsten Dunst), wird von seinen Mitschülern gemobbt und überhaupt nicht ernst genommen. Und selbst als er nach dem verhängnisvollen Spinnenbiss zu dem Superhelden avanciert, den Generationen von Fans kennen und lieben, so ist er im Kern doch der Junge geblieben, mit dem sich viele heranwachsende Männer, mich eingeschlossen, identifizieren und der für sie zu einer Empathiefigur geworden ist. Er muss erst lernen, dass „aus großer Kraft große Verantwortung folgt“, und das auf äußerst schmerzhafte Weise. Wenn Peter am Ende des Films seine weise, aber auch herzzerreißende Entscheidung trifft, hat mich das so emotional berührt und betroffen zurückgelassen wie kaum ein anderer filmischer Moment.

© 2004 Columbia TriStar. Alle Rechte vorbehalten.

In den kommenden fünf Jahren, in denen Raimi die beiden Fortsetzungen, Spider-Man 2 (2004) und Spider-Man 3 (2007), drehte, schien es, als wurde ich mit der Figur zusammen erwachsen. Er kämpft sich durch Existenzkrisen, befindet sich an einem persönlichen Tiefpunkt, nur um sich dann wieder aufzurappeln, den Kampf wieder aufzunehmen, und letztendlich doch das zu bekommen, was er immer wollte. Das Gefühl, mit dem mich der sogar noch bessere zweite Film entließ, war viel optimistischer als noch zwei Jahre zuvor. Der „Character Arc“, den Peter sowohl persönlich als auch als Spider-Man bis dahin zurückgelegt hat, war tiefgründig und überzeugend, ließ mich aber auch darüber grübeln, wie das alles im folgenden dritten Teil weitergehen würde. Nun, wie sicher viele unter Euch, die den Film kennen, wissen, kommt Spider-Man 3, ähnlich wie es in der Filmhistorie schon bei der The Godfather-Trilogie (1972, 1974, 1990) der Fall war, nicht annähernd an die hohe Qualität seiner beiden Vorgänger heran. Doch zwischen den unzähligen Subplots, den ermüdenden Kampfszenen und der ins Seifenopernhaften übersteigerten Liebesgeschichte, ganz zu schweigen von den bizarren Tanzeinlagen, bringt der Film dennoch all die Figuren, die mich durch die letzten Jahre meiner Pubertät begleitet haben, zu einem emotional aufgeladenen und durchaus zufriedenstellenden Ende. Peter Parker war, wie ich, erwachsen geworden und mitten im Leben angekommen. Ein Lebensabschnitt fand seinen Abschluss.

© 2012 Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Als nur fünf Jahre später der „Spider-Man“-Mythos mit anderen Darstellern neu aufgelegt wurde, war ich längst nicht mehr derselbe begeisterungsfähige Fan der ersten Stunde, gab Marc Webbs Version dennoch eine Chance. Ich wurde nicht enttäuscht. Andrew Garfield brachte eine andere, düstere Facette zu Peter Parker, seine Beziehung zu Gwen Stacy (Emma Stone), zu ihrem misstrauischen Vater (Denis Leary), sowie die zu Dr. Curt Connors (Rhys Ifans), sie waren gut ausgearbeitet. Die emotionale Resonanz fiel dennoch weitaus geringer aus, zumal ich die Geschichte Beat für Beat schon einmal erzählt bekam. The Amazing Spider-Man (2012) ist ein gutes, jedoch nicht überragendes Gegenstück zum zehn Jahre zuvor veröffentlichten Original. Die Fortsetzung, Rise of Electro, ließ mich schließlich endgültig kalt. Mit dem „Marvel Cinematic Universe“ (MCU) hatte 2014 auch eine Übersättigung des Kinomarktes mit Comicfiguren eingesetzt.

© 2017 Sony Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Dass die Figur dann nach so kurzer Zeit noch ein drittes Mal generalüberholt werden sollte, fand ich zunächst unnötig und wenig aussichtsreich. Doch die bislang letzte „Spider-Man„-Reihe, die innerhalb des MCU angesiedelt ist, überraschte mit seinem erfrischend lockeren Ton, viel Humor und einer überzeugenden Darstellung von Tom Holland. Diese neue Trilogie, die mit Homecoming 2017 ihren Anfang nahm –  flankiert von Spider-Mans Auftritten in Captain America: Civil War (2016) und dem Avengers-Double Infinity War (2018) und Endgame (2019) – und direkt danach mit Far From Home (2019) fortgesetzt wurde, steigerte sich mit jedem Film hin zu einem epischen Abenteuer, in dem Peter Parker erneut lernen muss, viel zu früh viel zu viel Verantwortung zu übernehmen und – wie es einst Tobey Maguires Inkarnation vollführte – vor unseren Augen erwachsen zu werden. Das bringt mich nun zum bislang letzten Film: No Way Home. Ab hier Spoilerwarnung!

Viel wurde darüber gemutmaßt, wie sich dieses dritte Abenteuer innerhalb des MCU und das insgesamt achte in fast zwei Dekaden gestalten würde. Vor allem, seit bekannt ist, dass kein neuer Bösewicht eingeführt werden würde, sondern Fieslinge aus den beiden vorangegangenen Reihen zurückkehren, die aus dem Multiversum in Hollands Story-Welt katapultiert werden: „Green Goblin“ (Willem Dafoe), „Doctor Octopus“ (Alfred Molina) und der „Sandman“ (Thomas Haden Church) aus Sam Raimis Trilogie sowie Dr. Connors Alter Ego „Lizard“ und „Electro“ (Jamie Foxx) aus Marc Webbs Filmen.

© 2021 Sony Pictures, Walt Disney Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Von Beginn an hat man bei diesem Film das Gefühl, dass etwas Großes an jeder Ecke lauert. Wie eine atemberaubende Achterbahnfahrt nimmt uns Regisseur Jon Watts hier auf einen abgefahrenen Trip mit. Humor, Action, Emotionen – wie schon bei Avengers: Endgame – gibt es zuhauf und noch vieles mehr. Was diesen Film aber vor allem auszeichnet, ist sein Sinn für Nostalgie. Ich, der mit den Spider-Man-Filmen quasi aufgewachsen bin, fühlte mich stellenweise in meine eigene Jugend zurückversetzt, die vielen mehr oder weniger offensichtlichen Verweise auf die vorigen Filme haben mich gleichermaßen zum Lachen und mitunter auch zum Weinen gebracht. Was auf dem Papier wie ein abgefahrenes und völlig maßloses Unterfangen aussieht, gerät in den Händen der Filmemacher – im Abspann wird Produzent Avi Arad für seine Verdienste besonders gewürdigt, ich möchte aber auch die Autoren Erik Sommers und Chris McKenna nicht unerwähnt lassen – zu einem Triumph. Wenn ein Film es schafft, nicht nur einen, sondern in der Tat einige Gänsehautmomente zu kreieren, dann zeugt das von großer Filmkunst.

Die Akteure sind durch die Bank exzellent und auf dem Punkt: nicht nur die Beziehung zwischen Peter und MJ (Zendaya), auch seine Freundschaft zu Kumpel Ned (Jacob Batalon) sorgt für viel Witz und Gefühl. Benedict Cumberbatch als Doctor Strange nutzt den begrenzten Raum, den der Plot ihm gibt, mit seinem Charisma wunderbar aus. Jon Favreaus Happy Hogan und Marisa Tomeis Tante May sind auch wieder dabei, wobei besonders letztere diesmal eine größere Rolle spielen darf. Wie sehr sich das Ensemble in diesen drei Filmen eingespielt hat, um auf diesen Höhepunkt zuzusteuern, ist bemerkenswert. Die Chemie unter den insgesamt fünf zurückgekehrten Fieslingen ist ebenfalls amüsant mit anzusehen.

© 2021 Sony Pictures, Walt Disney Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Ohne hier zu viel zu verraten, hat der Film einige Überraschungen zu bieten, die das Publikum von der ersten bis zur allerletzten Minute – wie sollte es bei Marvel auch anders sein – fesselt und erstaunt.

Ob das nun das Ende einer weiteren Ära in einer ganzen Reihe von Zeitaltern im Spider-Man-Universum bedeutet oder dies erst der Anfang eines ganz neuen Kapitels für den sympathischen Wandkrabbler ist, mit No Way Home erreicht die Reihe neue, zuvor unmöglich gehaltene Sphären. In einer Zeit, in der das Kino dringend neue Superlativen braucht, kommt dies genau zur richtigen Zeit.

Trailer:

           

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