Am 10. März 2024 ist es wieder soweit, und Hollywood gratuliert sich einmal mehr selbst. Wer sind die Nominierten? Wer ist zu favorisieren? Wer darf am öftesten hoffen?
Dienstag, 23. Januar 2024: um 05:30 Uhr amerikanischer Westküstenzeit tritt die Präsidentin der „Academy of Motion Pictures, Arts and Sciences“, Janet Yang, vor das bereits bestens gelaunte Publikum, um, nach einer kurzen Ansprache, die beiden Schauspieler Jack Quaid („Scream V“, Sohn von Meg Ryan und Dennis Quaid) und Zazie Beetz („Deadpool 2“) auf die Bühne zu bitten und die Nominierungen bekannt zu geben. Wie jedes Jahr ist diese Zeremonie eine spannende und verblüffende, stellt sie doch den letzten Countdown vor dem großen Höhepunkt der Award-Saison ein. Jetzt gibt es jedenfalls kein Zurück mehr. Eins vorweg: Überraschungen gab es auch dieses Jahr, wenn auch in überschaubarer Anzahl.
AM HÄUFIGSTEN ERWÄHNT

Wie im Vorfeld eigentlich schon zu erwarten war, stellt Christopher Nolans epische Filmbiographie „Oppenheimer“ alle anderen Filme des Jahres 2023 in den Schatten. Stolze 13 Nominierungen heimst der Film ein, in nahezu allen wichtigen Kategorien – ausgenommen Beste Hauptdarstellerin, denn so eine hat der Film ja nicht – und nahezu allen technischen Kategorien – ausgenommen Beste visuelle Effekte, denn die hat der Film, zumindest wenn es nach den Mitgliedern der Academy geht, nicht.

Dicht dahinter folgt Yorgos Lanthimos‘ durchgeknalltes Fantasy-Märchen „Poor Things“ mit 11 Nominierungen. Auch hier kann das Team hinter dem Film fast die volle Breitseite für sich einnehmen: Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin für Emma Stone, Bester Nebendarsteller für Mark Ruffalo, dazu Nominierungen für Kamera, Schnitt, Kostüme, Make-Up, Produktionsdesign und Filmmusik.

Und auch der dritte im Bunde war im Vorfeld bereits hoch gehandelt worden: „Killers of the Flower Moon“ erhielt 10 Nominierungen: für den Besten Film, Martin Scorseses Regie, Lily Gladstones Hauptrolle, Robert De Niros Nebenrolle, Rodrigo Prietos Kamera, Thelma Schoonmakers Schnitt, Jack Fisks Produktionsdesign, Jacqueline Wests Kostüme, für den Song „Wahzhazhe (A Song for My People)“ von Scott George und eine posthume Nominierung für Robbie Robertsons Musik.
Dahinter versammelt sich der nicht minder hochkarätige Rest, z.B. „Barbie“ (8 Nominierungen), „Maestro“ (7 Nominierungen), und „The Holdovers“ (5 Nominierungen).
DIE GRÖSSTEN ÜBERRASCHUNGEN

„Barbie“: im Vorfeld galten sowohl Greta Gerwig in der Kategorie „Beste Regie“ und Margot Robbie als „Beste Hauptdarstellerin“ als aussichtsreiche Kandidatinnen. Nominiert wurden beide nicht, stattdessen hat es aber America Ferrera ins Feld der „Besten Nebendarstellerinnen“ geschafft, ohne davor für zumindest einen der großen Preise nominiert zu werden.

„The Zone of Interest“ galt bereits lange als einer der Geheimfavoriten dieses Jahres, und stellt dies mit insgesamt fünf Nominierungen auch sicher: dass Jonathan Glazer sowohl für Regie als auch Drehbuch und der Film sowohl für den Besten Film als auch für den Besten internationalen Film nominiert ist, war in dieser Deutlichkeit nicht unbedingt zu erwarten. Auch „Anatomie eines Falls“, zugegeben nicht unbedingt einer der besten Filme des Jahres aus meiner Sicht, ist mit fünf Nominierungen – Regie, Hauptdarstellerin für Sandra Hüller, Originaldrehbuch, Schnitt und Bester Film (er wurde nicht als Frankreichs Beitrag zum Internationalen Film ausgewählt) – in bedeutenden Kategorien stark vertreten.

„May December“ von Todd Haynes galt lange Zeit als sicherer Anwärter für mehrere Oscar-Nominierungen, speziell für sein Schauspieler-Trio Julianne Moore, Natalie Portman und Newcomer Charles Melton. Letzterer konnte bereits einige Kritikerpreise gewinnen und war auch bei den Golden Globes und Critics Choice Awards nominiert. Am Morgen der Oscar-Nominierungen folgt jedoch der große Dämpfer: einzig die Drehbuchautoren Samy Burch und Alex Mechanik sind bei der Verleihung dabei. Für einen der „Zehn besten Filme 2023“ des „American Film Institute“ definitiv zu wenig.
Und was ist mit dem derzeit wohl meistdiskutierten Film, Emerald Fennells „Saltburn„? Der stylische Thriller mit einem sehr freizügigen Barry Keoghan ging komplett leer aus.

In den technischen Kategorien gibt es einige durchaus überraschende Nennungen: „Napoleon“ wurde dreimal berücksichtigt, „Mission: Impossible – Dead Reckoning“ und „The Creator“ jeweils zweimal.
Das überraschendste Line-Up hat für mich die Kategorie des „Besten Filmsongs“ aufzubieten: neben zwei „Barbie“-Songs („I’m Just Ken“ und „What Was I Made for“) dürfen auch Diane Warren – zum inzwischen 15. Mal (!) – für „Flamin Hot‘ (von dem sicher noch kaum einer jemals gehört hat), Jon Batiste und Dan Wilson für ihren Beitrag zum ebenso wenig bekannten „American Symphony“ und Scott Georges Ode an die Osage aus „Killers of the Flower Moon“ auf den Preis hoffen.
Und dann wäre da noch der legendäre Kameramann Ed Lachman, der sich für seine Bildregie zu Pablo Larraíns albtraumhaft-surreale Augusto Pinochet-Farce „El Conde“ eine Nominierung sichern konnte.
WAS BEDEUTET DAS JETZT FÜR DIE „FAVORITEN“?

Eins vorweg: die Filme mit den meisten Nominierungen sind nicht per se gleichzustellen mit den großen Favoriten des jeweiligen Jahres. Für das Filmjahr 2023 mag das zustimmen, aber besonders in jüngerer Vergangenheit war der Film mit den meisten Nominierungen nicht der erwartete Abräumer, schon gar nicht in den wichtigen Kategorien – „The Power of the Dog“ 2021 etwa, „Mank“ im Pandemiejahr 2020, oder „Joker“ 2019. Wie gesagt, dieses Jahr, ebenso wie das letzte mit „Everything Everywhere All at Once“, bestätigt die alte Regel.
Bis jetzt hat „Oppenheimer“ bei allen großen Preisverleihungen abgeräumt: fünf Trophäen bei den „Golden Globes“ – obwohl man diesem Preis nicht mehr allzu viel Bedeutung beimessen darf wie noch vor zehn, fünfzehn Jahren, speziell jetzt nach deren Neuausrichtung — und acht „Critics Choice Awards“, die schon eine gewichtigere Sprache sprechen. Spätestens wenn die einzelnen Gewerkschaften, besonders die der Regisseure und die der Schauspieler, ihre Preise verleihen, dürften sich die Sieger herauskristallisieren.
So oder so habe ich, Stand jetzt, zumindest für die acht Hauptkategorien – Film, Regie, Hauptrollen, Nebenrollen, Drehbücher – folgende Favoriten auf dem Zettel:
„Bester Film“: „Oppenheimer“
„Beste Regie“: Christopher Nolan, „Oppenheimer“
„Bester Hauptdarsteller“: Paul Giamatti, „The Holdovers“
„Beste Hauptdarstellerin“: Emma Stone, „Poor Things“
„Bester Nebendarsteller“: Robert Downey, Jr., „Oppenheimer“
„Beste Nebendarstellerin“: Da’Vine Joy Randolph, „The Holdovers“
„Bestes Originaldrehbuch“: „Anatomie eines Falls“
„Bestes adaptiertes Drehbuch“: „Oppenheimer“
Aber es sind noch sehr lange sechs Wochen bis zur Oscar-Verleihung, und da kann noch sehr viel passieren. Nichtsdestotrotz sind das für den Moment diejenigen, die es zu besiegen gilt. Eine endgültige Prognose darüber, wer letztendlich gewinnen wird, stelle ich zeitnah zur Verleihung Anfang März vor. Die Vorfreude ist jedenfalls bereits jetzt spürbar.
Die vollständige Liste aller nominierten Filme in den insgesamt 23 Kategorien gibt es hier: