Regielegende Martin Scorsese rekonstruiert eine der grausamsten und geschichtsträchtigsten Mordserien Amerikas. Ist das der große Oscar-Favorit des Jahres?
Bei Martin Scorsese könnten auch den penibelsten Kritikern irgendwann einmal die Superlative ausgehen. Kaum ein Regisseur aus der Generation „New Hollywood“ – abgesehen seiner kongenialen Kollegen Spielberg und Coppola, die ihm beide, neben George Lucas, seinen lang ersehnten Regie-Oscar für „The Departed“ (2006) überreichen durften – hat in seiner über 50jährigen Schaffenszeit mit derartiger Konsistenz das amerikanische Kino mit Erfolgen beliefert, und einige der besten Genrefilme der Kinogeschichte gedreht. Dabei sind insbesondere zwei Namen fast untrennbar mit Scorsese verbunden: Robert De Niro und Leonardo DiCaprio. Vor 50 Jahren besetzte der italienischstämmige New Yorker den gleichaltrigen De Niro für sein frühes Krimidrama „Mean Streets“ und legte damit den Grundstein für eine jahrzehntelange Zusammenarbeit und tiefe Freundschaft: der Kult-Thriller „Taxi Driver“ (1976); das Musical „New York, New York“ (1977); die Oscar-prämierte Charakterstudie eines jähzornigen Boxers, Raging Bull“ (1980); die zynische Showbiz-Satire „The King of Comedy“ (1982); das furiose Mafiadrama „Goodfellas“ (1990); der beinharte Psychothriller „Cape Fear“ (1991); die Crime-Saga „Casino“ (1995) und zuletzt 2019 ein weiteres, weitaus epischeres Gangsterdrama: „The Irishman“. Neun Filme, die exemplarisch nicht nur brillante Charakterstudien amerikanischer Kultur sind, sondern schlichtweg unbestrittene Meisterwerke.

2002 nahm Scorsese dann einen anderen Rohdiamanten unter seine Fittiche: Zu diesem Zeitpunkt galt der damals 28jährige DiCaprio als umschwärmtes Teenie-Idol, der mit seinen tragischen Liebesgeschichten in den 1990er Jahren Millionen von (zumeist Frauen-) Herzen brach, aber sein immenses Talent, abgesehen vielleicht von seiner frühen, Oscar-nominierten Nebenrolle in „Gilbert Grape“ (1993), kaum entfalten konnte. Scorsese besetzte ihn für sein Historiendrama „Gangs of New York“ als irischer Immigrant Amsterdam, der den brutalen Mord an seinem Vater (Liam Neeson) durch die Hände des ruchlosen und unbeugsamen Bill the Butcher (der unvergleichliche Daniel Day-Lewis) rächen will. Ein Prachtschinken, der das New York des 19. Jahrhunderts aufwendig einfängt. Es war der Beginn einer weiteren wunderbaren Partnerschaft, die ihre Fortsetzung in „The Aviator“ (2004) fand, in der DiCaprio den legendären Filmproduzenten und Flugpionier Howard Hughes mit all seiner Exzentrik und seinen Macken verinnerlichte, dass er selbst neben gestandenen Schauspielgrößen wie Cate Blanchett, Alec Baldwin, Ian Holm und Alan Alda bestehen konnte. „The Departed“, der famose Thriller, in dem DiCaprio und Matt Damon als Maulwürfe auf beiden Seiten des Gesetzes die jeweils andere von innen heraus sabotieren, und der von Horrorfilmen der klassischen Hollywood-Ära inspirierte Psychothriller „Shutter Island“ (2010) setzten ihre erfolgreiche Kollaboration eindrucksvoll fort. Mit „The Wolf of Wall Street“ (2013) fand sie schließlich zu ihrem vorläufigen Höhepunkt: darin spielt DiCaprio den raffgierigen, schlitzohrigen, maßlosen und dennoch charismatischen Börsen-Yuppie Jordan Belfort, dessen Geschichte so abgefahren klingt, dass man gar nicht glauben möchte, dass sie wahr ist. Jonah Hill, Margot Robbie, Jon Bernthal, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jean Dujardin und ein Kurzauftritt von Matthew McConaughey machen diese bitterböse Satire auf den amerikanischen Traum zu einer dreistündigen Masterclass.

Nun kreuzen sich die endlich die Wege dieser drei lebenden Ikonen für ein noch größeres, noch aufwendigeres und noch ambitionierteres Projekt. Pate für „Killers of the Flower Moon“ stand das 2017 veröffentlichte gleichnamige Tatsachenbuch von David Grann, welches Scorsese mit Eric Roth für die Leinwand adaptierte. Es schildert eine unheimliche, brutale Mordserie, die in den 1920er Jahren in Oklahoma stattgefunden hatte. Als auf dem Land des Osage-Stammes ein riesiges Öl-Vorkommen entdeckt wurde, welches der Gruppe amerikanischer Ureinwohner über Nacht ausgesprochenen Reichtum und Wohlstand brachte, dauerte es nicht lange, bis gierige weiße Opportunisten sich auf den Plan gerufen fühlten und, mit allen erdenklichen Mitteln, die Osage beseitigten und das Geld für sich beanspruchten. Im Zentrum der Geschichte stehen der einflussreiche „Elder Statesman“ William „King“ Hale (De Niro), der sich nach außen hin als treusorgender Wohltäter ausgibt und die Osage unterstützt, wo er kann, und sein aus dem großen Krieg zurückgekehrter Neffe Ernest Burkhardt (DiCaprio), der während einer Schicht als Taxifahrer (!) die Bekanntschaft mit der Osage Mollie Kyle (Lily Gladstone) macht. Auf Betreiben Hales umwirbt Ernest die zurückhaltende, stark zuckerkranke Frau, deren Familie zu den einflussreichsten in der Gegend gehört. Sie heiraten und gründen eine Familie. Doch währenddessen verliert Mollie ein Familienmitglied nach dem anderen: erst stirbt ihre Schwester Minnie unter mysteriösen Umständen, dann wird auch die rebellische Anna brutal ermordet und auch ihre kranke Mutter bleibt nicht lange am Leben. Als schließlich auch noch Mollies Ex-Mann ums Leben kommt, macht sie sich auf den beschwerlichen Weg nach Washington, D.C., um von US-Präsident Coolidge endlich Hilfe bei der Aufklärung zu erhalten. Sie ahnt nicht, dass ihr schwächlicher, vermeintlich fürsorglicher Ehemann das neuartige Insulin zur Behandlung ihres Diabetes auf Hales Anordnung mit Gift vermischt und sie dadurch zusätzlich schwächt. Erst als das „Bureau of Investigation“, der Vorläufer des 1924 gegründeten FBI, Sonderermittler Tom White (Jesse Plemons) nach Oklahoma schickt, um den Morden auf den Grund zu gehen, kommt Bewegung in die Sache.
„Killers of the Flower Moon“ ist ein Brett von einem Film, und das nicht nur aufgrund seines schwierigen und erschütternden Themas. Scorsese nimmt sich ausladend viel Zeit, die Geschichte zu erzählen – 206 Minuten – doch fühlt sich der Film keinesfalls allzu langatmig an, anders als etwa „The Irishman“, dessen Ende dann doch künstlich in die Länge gezogen ist. Von der ersten Minute an lässt er sein Publikum in diese Welt hineintauchen und gibt seinen Darstellern die Zeit und den Raum, ihre Figuren und das Ausmaß der Intrige, die Hale und Burkhardt spinnen, in all ihren grausigen Details zu entwickeln. Dass beide eine gewohnt vielschichtige, ausdrucksstarke Performance hinlegen, ist nach 10 (De Niro) bzw. 6 (DiCaprio) Filmen unter Scorsese wahrlich keine große Überraschung mehr. Diese liefert nämlich Lily Gladstone in einer nuancierten, komplexen und wirklich beeindruckenden Darbietung, die den sonst so emotionalen und explosiven Recken entgegenwirkt. Ihre Momente werden noch lange nachhallen.

Jesse Plemons darf seinen ehemaligen Texas Ranger mit einer entsprechenden Coolness interpretieren. Dann ist da noch der frischgebackene Oscar-Preisträger Brendan Fraser, der nur kurz in Akt Drei in drei Szenen zu sehen ist, von denen er in zwei davon so dermaßen explosiv und über die Stränge schlagend brüllt und agiert, dass es zumindest mich verwundert und etwas perplex zurückgelassen hat. Ob er in diesem Ensemble um jeden Preis herausstechen, seinen Kurzauftritt mit so viel Bedeutung wie möglich ausstaffieren oder sich einfach mal nur so richtig austoben wollte? Ich weiß es nicht. Sein Gegenüber im Gerichtssaal, John Lithgow, hat er jedenfalls gnadenlos an die Wand gespielt.
„Killers of the Flower Moon“ zählt zweifellos zu den großen Highlights des Kinojahres 2023, der eine gewichtige Rolle in der Awards-Saison einnehmen wird. Schön bebildert, eindrucksvoll gespielt, ein überraschendes, unkonventionelles, wenn auch stimmiges Ende und eine respektvolle, bedrückende und schonungslos verhandelte Elegie eines der schockierendsten Verbrechen der US-Geschichte.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: