Skip to main content

Ein Vater, eine Tochter, ein Urlaub. Stoff für ein berührendes, einfühlsames und leises Melodram.

Das Debüt der Autorin und Regisseurin Charlotte Wells wurde von Kritikern zu einem der besten Filme des abgelaufenen Kinojahres 2022 gezählt – und unter anderem sogar auf den ersten Platz der renommierten britischen Publikation „Sight and Sound“ gewählt. Mit entsprechend hohen Erwartungen darf man also in einen Film hineingehen, in dem ein geschiedener Vater Ende der 1990er Jahre einen augenscheinlich unbeschwerten Türkeiurlaub mit seiner heranwachsenden Tochter verbringen will. Wells gelingt in der Tat ein feinfühliges, behutsames und leises Familiendrama, das von seinen beiden Protagonisten getragen wird.

© 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Calum (Paul Mescal, eine Entdeckung) verbringt seinen 31. Geburtstag mit seiner 11jährigen Tochter Sophie (Frankie Corio) im Urlaub in der Türkei. Die Anreise gestaltet sich zunächst schwierig und das Hotel wirkt eher heruntergekommen und baufällig denn idyllisch, doch das tut der Stimmung der Beiden keinen Abbruch. In den folgenden etwas über anderthalb Stunden wird das Publikum Augenzeuge, wie Calum, der von Sophies Mutter getrennt lebt, und das heranwachsende Mädchen scheinbar unbeschwerte Tage miteinander verbringen, einen Tauchausflug unternehmen, die Gegend erkunden, andere Urlauber kennenlernen, und in der Sonne liegen. Doch es wäre kein Drama, und schon gar kein gelungenes, würde sich nicht eine Kluft auftun, und zwar auf mehreren Ebenen. Da wäre zum einen die Kluft zwischen dem Offensichtlichen und dem Unterschwelligen. So unbeschwert und idyllisch die gemeinsame Zeit der Beiden zu sein scheint, so umgibt den Vater doch ein immer wieder aufblitzender Anschein an Verzweiflung, Angst und Enttäuschung. Dies reißt wiederum eine weitere Kluft auf, nämlich zwischen Calum und Sophie. Dass der junge Mann, der in seinem Leben einfach nicht vorwärtskommt, unter finanziellen Engpässen leidet, versucht er vor seiner Tochter so gut es geht geheim zu halten. Hier tut sich dann auch eine generationelle Kluft auf, die sich erst sehr spät in der Handlung herauskristallisiert: Calum, ein Kohorte der Generation X – jener Altersgruppe, die langsam, aber sicher von traditionellen, stabilen Familienverhältnissen abrückt und ein weitaus entspannteres Bild von Elternschaft zeichnet – auf der einen Seite. Auf der anderen Sophie, ein junger, gerade erst in die Gesellschaft hineinreifender Millennial, die die Tragweite der soziologischen und ökonomischen Umbrüche um die Jahrtausendwende herum erst zu begreifen imstande ist, als sie sich, viele Jahre später in Calums Alter, selbst in der Rolle wiederfindet, die ihr Vater einst einzunehmen hatte. Wer in einer Patchwork-Familie aufgewachsen ist und in seiner Jugend Urlaub mit einem Elternteil unternommen hat, kann sich sicherlich mit den Protagonisten dieser Geschichte ein Stück weit identifizieren, was zur emotionalen Resonanz zu „Aftersun“ beiträgt.

© 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Die Videokamera, die Calum und Sophie zur Dokumentation ihres Trips verwenden, wird so zum stillen Teilhaber eines bittersüßen, bewegenden und entscheidenden Moments in ihrer beider Leben. Vieles zwischen den Beiden bleibt ungesagt, daher sind es gerade die stillen, die angespannten Momente, die die Wahrheiten offenlegen.

Eindrucksvoll gespielt, einprägsam und angenehm unaufgeregt erzählt, und emotional anregend gelingt Wells hier ein überzeugendes Portrait einer fragilen Vater-Tochter-Beziehung, stimmungsvoll, zeitlos und relevant. Abschließend noch ein besonderes Kompliment für den wohl intensivsten Einsatz von Queens und David Bowies „Under Pressure“ der Filmgeschichte.

Fazit: vier von vier Sternen!

Trailer:

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen