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Akira Kurosawas Meisterwerk „Ikiru“ wird 70 Jahre später neu verfilmt – mit einem brillanten Bill Nighy in der Hauptrolle

Dass Akira Kurosawa zu den ganz großen Regisseuren des Weltkinos gehört, muss an dieser Stelle nicht groß erwähnt werden. Der japanische Filmemacher steht hinter einigen der stilbildenden, einflussreichsten und meistzitierten Werken. Fragt man Filmfans nach Kurosawa-Filmen, fallen in der Regel stets Namen wie „Rashomon“ (1951), „The Hidden Fortress“ (1958), „Ran“ (1985), „Träume“ (1990), und selbstverständlich „Sieben Samurai“ (1954). Ein Film, den Kurosawa zwischen zwei dieser Klassiker gedreht hat und für viele Kritiker über alle anderen seiner Werke zu stellen ist, wird dabei oft vergessen: die Rede ist von „Ikiru“ aus dem Jahr 1952, ein berührendes Drama, in dem Kurosawas Stammschauspieler Takashi Shimura – der auch den Anführer der sieben Samurai zwei Jahre später verkörpern sollte – als zunächst seelenloser Bürokrat, mit dem baldigen Tod konfrontiert, plötzlich sein Gewissen und sein Verantwortungsbewusstsein erkennt. Es ist eine der berührendsten und tragischsten Geschichten, nicht nur von Kurosawa, sondern des gesamten Weltkinos.

Nun, 70 Jahre später, hat sich der britische Literaturnobelpreisträger des Jahres 2017, Kazuo Ishiguro, geboren 1954 in Nagasaki, Japan, an ein Remake des Stoffes gemacht. Für die Hauptrolle kam für den Autor nur ein Schauspieler in Frage, nämlich der britische Charakterdarsteller Bill Nighy, einer der wandelbarsten, stilsichersten und coolsten seiner Generation. Wie eine ewige Brautjungfer, die zwar zu zahllosen Hochzeiten eingeladen wird, aber nie selbst im Mittelpunkt steht, stiehlt Nighy in den Filmen, in denen er eingesetzt wird, den Hauptfiguren oft und gern die Show, reiht sich dann aber doch lieber wieder ins zweite Glied ein. Nicht so dieses Mal: „Living“ ist sein Film, Mr. Williams ist seine Rolle, und Ishiguro und Regisseur Oliver Hermanus geben Nighy das Material und die Bühne, um sein großes Talent vollends zur Entfaltung zu bringen.

Durch die Ankunft des jungen neuen Beamten Mr. Wakeling (Alex Sharp) in der London County Hall anno 1953 wird die Figur des Mr. Williams durch seine Mitarbeiter, insbesondere der lebensfrohen, in dieser Funktion deplatziert wirkenden Miss Harris (Aimee Lou Wood), skizzenhaft vorgestellt, was bereits die Ankunft des Protagonisten antizipiert und auf kluge Weise ein wenig Exposition vorwegnimmt. Wakeling ist es auch, der an seinem ersten Arbeitstag mit einem wichtigen Bauanliegen dreier Frauen konfrontiert wird, welches Mr. Williams‘ Charakterentwicklung über den Rest des Films entscheidend beeinflussen wird. Ab dem Moment, in dem der Leiter des Büros – im Tweed-Anzug, mit Hut und Stock, ganz Nighy – die Szenerie betritt, gehört die Szenerie ihm. Als Mr. Williams später von seinem Arzt erfährt, dass er Krebs im Endstadium hat und seine Zeit abzulaufen droht, stürzt ihn dies in eine tiefe Krise. Er vernachlässigt seinen Job und begibt sich in ein Café, wo er einen aufstrebenden Schriftsteller (Tom Burke) kennenlernt und mit ihm einen draufmacht, was in einer großartigen Gesangsdarbietung Williams‘ mündet. Als er später auf Miss Harris trifft, der er zuvor noch ein Empfehlungsschreiben für eine neue Position außerhalb des Beamtenwesens versprochen hat, schöpft der verwitwete Familienvater plötzlich neuen Lebensmut. Sie ist auch die Einzige, die er über seine Diagnose aufklärt, seinem Sohn und dessen Frau gegenüber z.B. schweigt er. Durch diese Begegnungen durchlebt Mr. Williams einen entscheidenden Sinneswandel und er unternimmt einen letzten Kraftakt, um ein nachhaltiges Vermächtnis für sich, seine Familie und seine Kollegen zu schaffen.

Living“ ist ein herrlich altmodisches Drama, was sich bereits im Vorspann zeigt, der passenderweise im Stil klassischer Filme der 1950er Jahre gehalten ist. Dass der Film nicht nur die Stilistik, sondern auch die ungewöhnliche Handlungsstruktur des Originals übernimmt, mag einige Zuschauer überraschen, nimmt aber wenig von der dramatischen Energie der Erzählung ab – der Film driftet nur leicht ins Melodramatisch-Kitschige ab, wodurch die Kritik an der Bürokratie und ihren schier endlosen Hürden und Winkeln, so zeitlos relevant sie ist, hier auch etwas zu kurz kommt.

Bill Nighy spielt die Rolle seines Lebens: der gewohnt kühl und reduziert aufspielende Akteur vermag mit wenigen mimischen Veränderungen seine Rolle mit Nuancen und lakonischem Witz zu füllen, dass es eine Freude ist, ihm zuzusehen. Für mich eine der besten Schauspielleistungen des gesamten Kinojahres. Aber auch seine Szenenpartner, allen voran Aimee Lou Wood, geben eine großartige Darbietung.

Living“ gelingt das bemerkenswerte Kunststück, eines von Akira Kurosawas persönlichsten und bewegendsten Werken zu erneuern und in die Gegenwart zu transportieren, wo es genauso pointiert und berührend erscheint wie vor 70 Jahren. Ähnlich wie die Gepflogenheiten im Londoner Beamtenwesen, ändern sich manche Dinge in der Tat nie.

Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!

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