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Luca Guadagnino schickt Taylor Russell und Timothée Chalamet als menschenfressendes Liebespaar quer durch die USA – und sein Publikum ins Leere

Der alte Ausspruch „Du bist, was du isst!“ nimmt eine ironische, nahezu sarkastische Wendung, wenn man sich die Vorlieben von Kannibalen in Erinnerung ruft: Wenn Kannibalen sich von Menschen ernähren, kann man sie dann noch als Menschen ansehen oder sind sie nicht doch monströse Bestien mit einem abartigen Appetit? Kann man Kannibalen überhaupt als menschlich und identifikatorisch auf der Leinwand repräsentieren, ohne moralisch fragwürdig zu argumentieren? Im Falle dieses Films lautet die Antwort, jedenfalls so wie ich sie interpretiere: Jein! Andererseits spielt das identifikatorische Potenzial der beiden Hauptfiguren keine besonders tragende Rolle, denn „Bones and All“ ist kein guter Film.

© 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Das liegt aber keinesfalls an seinen Darstellern: Newcomerin Taylor Russell spielt Maren, ein augenscheinlich ganz normales Teenagermädchen, das mit ihrem Vater (André Holland) von Örtchen zu Örtchen zieht, wenn es mal kriselt. Doch hinter der scheinbar unschuldigen Fassade steckt etwas ganz Sinistres: Maren ist eine Kannibalin. Irgendwann wird es ihrem Vater dann doch zu viel und er lässt sie mutterseelenallein mit einer vorher aufgezeichneten Kassette und ihrer Geburtsurkunde zurück. Der Beginn eines langwierigen Roadtrips, der sie durch zahlreiche amerikanische Bundesstaaten führt. Gleich zu Beginn ihrer Reise macht sie die schicksalhafte Bekanntschaft mit dem älteren Menschenfresser Sully (ein furchteinflößender Mark Rylance), der sie zunächst mit zu sich nimmt. Bald jedoch flieht sie von ihm und trifft unterwegs auf einen weiteren Artgenossen, den lässigen und unkonventionellen Lee (Chalamet), in den sie sich verliebt. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Marens Mutter, die irgendwo im amerikanischen Mittelwesten leben soll.

© 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Wunderschön bebildert, atmosphärisch untermalt von Trent Reznor und Atticus Ross folgt Regisseur Guadagnino seinen Protagonisten durch ein Amerika der 1980er Jahre. Wer ein blutgetränktes, schockierendes und ekliges Horrormenü erwartet, wird enttäuscht, denn „Bones and All“ setzt zumeist mehr auf Atmosphäre, coole Musik und Charakterstudien – was alles mehr oder weniger vorhanden ist. Russell und Chalamet harmonieren wirklich gut, und die Nebendarsteller – neben Rylance treten auch Michael Stuhlbarg, „Halloween“-Regisseur David Gordon Green und Chloë Sevigny in durchgeknallten bzw. schockierenden Rollen auf – sind gut besetzt, aber was hilft all das, wenn einen die Figuren und ihr Schicksal von Anfang an kalt lassen. So verpufft auch das Ende, so tragisch und kompromisslos es auch eintritt, nahezu gänzlich. Diese zehn Minuten können nun einmal nicht die langweiligen 120, die ihr vorangestellt werden, ausmerzen, was durchaus schade ist, hat Guadagnino doch zuletzt mit seinem „Suspiria“-Remake bewiesen, dass er eindrückliche Horrorgeschichten verfilmen kann.

Der Mix aus Teenagerromanze, Road Movie und Horror geht in „Bones and All“ nicht auf, und auch seine talentierten und sympathischen Hauptdarsteller können es nicht richten.

Wertung: einer von vier Sternen!

Trailer:

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