Mit einer groß aufspielenden Riege Charakterdarstellerinnen verhandelt Sarah Polley sexuelle Machtspiele in einer religiösen Kommune
An einer Stelle des Films fragt die sensible Ona (Rooney Mara) nahezu unschuldig, warum Liebe, in all ihren Ausprägungen, in so viel Gewalt münden kann. Es ist ein Ausdruck, der wie kaum ein anderer das Paradoxon zwischenmenschlicher Beziehungen umschreibt und eine zeitlose, sich ständig erneuernde Diskussion anregt. Eine solche findet, abseits einer religiösen Kommune in einer ländlichen Gegend im Jahr 2010, in einer Scheune statt. Die Frauen, die sich hier zusammenfinden, wurden allesamt Opfer gewaltsamer sexueller Übergriffe, die sie nicht länger tolerieren können und sanktioniert sehen wollen. Ihnen bleiben drei Optionen: weitermachen wie bisher, in der Kommune bleiben und sich zur Wehr setzen oder die Gemeinschaft zu verlassen und in die große, ihnen weitgehend unbekannte Welt hinauszugehen in der Hoffnung, einen besseren, faireren Ort zu finden. Über die 104 Minuten Laufzeit oszillieren die Frauen, protokolliert von dem sensiblen, rücksichtsvollen und friedfertigen Lehrer August (Ben Whishaw), der in die schwangere Ona verliebt ist, zwischen den beiden letzten Optionen – bleiben/kämpfen oder gehen – hin und her, während die ältere Scarface Janz (Frances McDormand) gar für Weitermachen plädiert. Ähnlich wie einer Zusammenkunft Geschworener in einem Gerichtsprozess wägen sie Für und Wider und all ihre Implikationen ab, setzen sich mit den Konsequenzen ihrer Handlungen auseinander und sparen auch nicht mit gegenseitigen Vorwürfen – ganz besonders Mariche (Jessie Buckley) nicht. Aber die Zeit drängt, denn ihnen bleiben nur Stunden, sich zu einer endgültigen, richtungsweisenden Entscheidung durchzuringen.
Mit ihrer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Miriam Toews nimmt sich Regisseurin Sarah Polley eines brisanten Themas von zeitloser Relevanz an, dass spätestens seit den Enthüllungen sexueller Missbrauchsfälle von einstigen Industriegrößen in Hollywood wie Harvey Weinstein und Kevin Spacey vor fünf Jahren den gesellschaftlichen Diskurs und die öffentliche Wahrnehmung maßgeblich geprägt und (hoffentlich) sensibilisiert hat. Die Umwälzungen in der Gesellschaft seither waren und sind enorm, auch wenn patriarchaler Machtmissbrauch und Ausübung sexueller Gewalt immer noch allgegenwärtig sind und die Aufarbeitung der von #metoo ans Licht gebrachten Fälle noch längst nicht abgeschlossen ist. So fühlt sich „Women Talking“ nach wie vor brandaktuell und relevant an. Polley inszeniert ihr Drama behutsam und mit viel Feingefühl. Mit Ausnahme von August sind keine weiteren männlichen Figuren zu sehen und auch die eigentlichen Akte sexueller Gewalt werden nicht bebildert, was dem „Bösen“ zwar eine ominöse Präsenz, aber keinen Ausdruck und, wichtiger, keine identifikatorischen Gesichter verleiht. Der Fokus liegt gänzlich auf den unterschiedlichen Frauenfiguren und wie sie mit ihrer Situation, ihrer Verantwortung – insbesondere ihrer Kinder gegenüber –, und ihrem Stellenwert in der Kommune umgehen.
Das Ensemble an Charakterdarstellerinnen, das Polley für „Women Talking“ gewinnen konnte, ist durch die Bank exzellent besetzt: Rooney Mara, Claire Foy, Judith Ivey, eine kurz auftretende Frances McDormand und insbesondere die herausragende Jessie Buckley verhandeln das Thema und seine Implikationen intensiv und bedrückend, ungeschönt und konfrontativ. Untermalt wird das Ganze mit einem elegischen Score der isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir, ein filmmusikalisches Highlight des bisherigen Kinojahres. Die ungewohnte Farbsättigung der Bilder mag zwar, hinsichtlich traditioneller Sehgewohnheiten, zunächst etwas ungewöhnlich und befremdlich erscheinen, intensiviert aber besonders in hochemotionalen Momenten das Drama noch einmal um Nuancen.
„Women Talking“ ist ein ausdrucksstarker, wichtiger und wuchtiger Beitrag zu #metoo und ein Plädoyer für weibliche Emanzipation und Selbstbestimmung, getragen von einem überragenden Ensemble. Ein Film, der zum Nachdenken anregt.
Wertung: vier von vier Sternen!