Routiniert und überraschungsarm inszeniertes Beziehungsdrama mit den französischen Charakterdarstellern Juliette Binoche und Vincent Lindon

© 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.
Die französische Filmemacherin Claire Denis ist in diesem Jahr mit gleich zwei Filmen auf der Viennale vertreten, die auch beide ihre Uraufführung auf einem der drei großen Filmfestivals feiern durften. Der erste, „Both Sides of the Blade“, gewann auf der Berlinale 2022 den Silbernen Bären für die Beste Regie. Es handelt sich hierbei um die Verfilmung eines Romans von Christine Angot, mit der Denis auch die Adaption für die Leinwand verantwortete. Die Hauptrollen in diesem Beziehungsdrama bekleiden Vincent Lindon, Juliette Binoche und Grégoire Colin.
Lindon spielt Jean, einen ehemaligen Rugbyspieler, der nach einer Haftstrafe wieder in die Spur finden möchte und seit neun Jahren mit Sara (Binoche) liiert ist. Als ihr Exfreund Francois wieder in ihr Leben tritt und mit Jean eine Vermittlungsagentur für Profisportler gründen will, gerät das Leben dieser drei Figuren langsam, aber sicher aus den Fugen. Sara scheint immer noch nicht ganz über ihre gescheiterte Beziehung zu Francois hinweg zu sein und Jean hat zudem noch Schwierigkeiten mit seinem 15jährigen Sohn Marcus (Issa Perica), der bei Jeans Mutter Nelly (Bulle Ogier) aufwächst und keine sonderlichen schulischen Ambitionen hat. Als es zum Wiedersehen zwischen Sara und Francois kommt, beginnt die ohnehin schon äußerst fragile Dreieckskonstellation endgültig zu bröckeln und artet in ein von Eifersucht, Unverständnis und Vernachlässigung durchtrieftes Beziehungsgefecht aus.
„Both Sides of the Blade“ weckt stellenweise Erinnerungen an eine andere amouröse Menage á trois der europäischen Filmgeschichte, nämlich an Louis Malles außergewöhnliches Erotikdrama „Damage“ (1992), in dem sich die weibliche Hauptfigur, ebenfalls dargestellt von Juliette Binoche, in den Vater (Jeremy Irons) ihres Verlobten (Rupert Graves) verliebt und mit ihm eine verhängnisvolle, körperbetonte Affäre beginnt, die schließlich in einer Tragödie endet. Ähnlich, wenn nicht ganz so explizit und dramatisch wie vor 30 Jahren, spielt sich die Handlung in Denis‘ Film ab. Die Wendepunkte sind vorhersehbar, intensive Schreiduelle, gegenseitige Schuldzuweisungen und verbale Nadelstiche halten sich ebenfalls im erwartbaren Rahmen und auch sonst bedient sich der Film vieler Klischees, die man schon in zahllosen Beziehungsdramen gesehen hat. Dass sich Sara partout nicht zwischen beiden Männern entscheiden kann, unaufrichtig und emotional unausgewogen ist, macht ihre Figur mit fortlaufender Zeit immer unsympathischer, was Binoches schauspielerische Leistung aber nicht unbedingt schmälert. Colin als schmieriger, manipulativer Nebenbuhler macht seine Sache ebenfalls ganz gut, am herausragendsten ist aber immer noch der renommierte Charakterdarsteller Lindon, der vor allem in den hochemotionalen Szenen groß aufspielen darf.

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Dass das Drama über seine 116 Minuten eher unrund läuft und einen antiklimatischen und wenig plausiblen Ausgang findet, trübt den Gesamteindruck dieses eher mittelmäßigen Filmes auch ein wenig. Nichtsdestotrotz gelingt Denis hier ein weiterer solider Eintrag in ihrer Filmographie. „Stars at Noon“, ihr politisches Drama, welches Margaret Qualley und Joe Alwyn nach Nicaragua verschlägt, folgt demnächst.
Fazit: zwei von vier Sternen