James Gray lässt in seinem berührenden, feinfühlig inszenierten Familiendrama seine eigene Jugend in den frühen 1980er Jahren Revue passieren
Wir schreiben das Jahr 1980: Amerika hat die Wahl zwischen dem amtierenden demokratischen Präsidenten Jimmy Carter und seinem republikanischen Herausforderer, dem einstigen Schauspielstar Ronald Reagan, die Befürchtung, dass der „Kalte Krieg“ bald eskalieren könnte, flammt immer wieder auf, die Beatles könnten schon bald ein Comeback feiern, und die Ära der Disco-Musik neigt sich langsam dem Ende zu. Viel harter Tobak, der sich auf der Makroebene dieser Geschichte abspielt, von der jüdischen Familie auf der Mikroebene dieses „Coming-of-Age“-Dramas aber nur beiläufig erwähnt wird, haben doch alle diese Figuren ihre eigenen Probleme zu bekämpfen. Paul Graff (beeindruckend: Banks Repeta) ist ein hochnäsiger, unangepasster, künstlerisch talentierter Teenager, der von seinem älteren Bruder Ted (Ryan Sell), der, anders als Paul, auf eine elitäre Privatschule geht, gepiesackt wird. In seiner neuen Klasse fällt er immer wieder unangenehm auf. Pauls Mutter Esther (Anne Hathaway), Vorsitzende der Elternvereinigung seiner Schule, will als Bezirksschulrätin kandidieren, um die untragbar gewordene Situation an den Schulen mit überfüllten Klassen in den Griff zu bekommen. Pauls Vater Irving (gewohnt intensiv: Jeremy Strong) muss sich nicht nur mehr schlecht als recht als Installateur über Wasser halten, auch seine Rolle als Familienvater scheint ihm über den Kopf zu wachsen. Bleibt Paul als wichtigste Bezugsperson nur sein verständnisvoller und liebevoller Großvater Aaron (ein gewohnt brillanter Anthony Hopkins), der das kreative Talent seines Enkels zu würdigen weiß und ihm zudem wichtige Lebenslektionen mit auf den Weg gibt. Paul freundet sich mit seinem rebellischen schwarzen Mitschüler Johnny (Jaylin Webb) an, und die beiden kommen relativ schnell in Schwierigkeiten, wobei Johnny die Konsequenzen ihrer Taten viel mehr zu spüren bekommt als Paul. Schließlich muss Paul, der lieber Zeichnungen a la Vasily Kandinsky anfertigt, als dem Unterricht zu folgen, auf Teds Schule wechseln, die von der reichen Unternehmerfamilie Trump – ja, DIE Trumps – großzügig gesponsort wird. Seiner Verbundenheit zu Johnny, der bei seiner schwerkranken Großmutter aufwächst, tut dies keinen Abbruch. Zwischen seiner dysfunktionalen Familie, seiner mangelhaften schulischen Leistungen und der trotz rassistisch motivierter Vorbehalte tiefen Freundschaft zu Johnny zerrieben, muss Paul einige schmerzhafte Erfahrungen machen, die ihn sein Leben lang prägen werden.

© 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.
Dass Autor und Regisseur James Gray ein Gespür für atmosphärisch dichte Erzählungen hat, bewies er bereits mit Filmen wie „Two Lovers“ (2008), „The Lost City of Z“ (2017) und zuletzt mit seinem eindrucksvollen Science-Fiction-Drama „Ad Astra“ (2019). „Armageddon Time“ ist sein bislang persönlichster Film und das merkt man ihm durchwegs an. Jede Figur ist scharf umrissen und steht in relevanter Beziehung zur Hauptfigur, deren Verhalten zwar in vielen Momenten nervtötend und infantil-dumm anmutet, aber nie auf Kosten der Sympathien, die man ihm als Zuschauer entgegenzubringen hat. Und so entwirft Gray, beinahe ohne auf nostalgische oder zeitgeschichtlich relevante Plotelemente zurückgreifen zu müssen, ein zeitlos anmutendes Portrait einer Kindheit im Brennpunkt gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen, die clever und subtil Parallelen zur Gegenwart zieht.

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Und auch wenn, wie es für das Genre üblich ist, „Armageddon Time“ viele intensive und schwer zu ertragende Momente beinhaltet, so sind es die ruhigen, anrührenden Momente, aus denen Gray die größten Stärken zieht. Die Beziehung zwischen Paul und seinem Großvater Aaron ist dabei das emotionale Highlight des Films und bereitet das Publikum sensibel auf den größten dramaturgischen Nackenschlag der Handlung vor. Anthony Hopkins beweist einmal mehr eindrucksvoll, dass er einer der besten Charakterdarsteller unserer Zeit ist.
Unterm Strich ist „Armageddon Time“ ein gut gespieltes, emotional intensives und feinfühlig erzähltes Familiendrama, bevölkert von identifikatorischen Figuren.
Fazit: drei von vier Sternen.