Nach langer Abstinenz kehrt „Body Horror“-Meister David Cronenberg zu seinen Wurzeln zurück und schickt uns auf einen dystopischen, konfusen Trip
Wenn Cineasten den Namen David Cronenberg hören, so ist es äußerst wahrscheinlich, dass sie zuallererst an seine verstörenden, körperbetonten Horrorfilme denken. Cronenberg prägte mit seinen eklig-makabren Werken fast im Alleingang ein Subgenre, welches allgemein als „Body Horror“ subsumiert wird. Interessanterweise blieb der kanadische Filmemacher seiner Paradedisziplin nach „eXistenZ“ (1999) ganze 23 Jahre fern – er drehte Thriller wie „A History of Violence“ (2005), „Eastern Promises“ (2007) und Dramen wie „A Dangerous Method“ (2011), „Cosmopolis“ (2012) und „Maps to the Stars“ (2014). Hier kommt nun Viggo Mortensen ins Spiel, der bei den ersten drei dieser Spätwerke jeweils die Hauptrolle bekleidete und getrost als einer von Cronenbergs Lieblingsschauspielern bezeichnet werden darf. Dass der immens talentierte Däne unter Cronenberg seine Vielseitigkeit und Furchtlosigkeit unter Beweis stellen darf, merkt man ihm in jeder seiner Rollen an.

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Hier sind sie nun also, wieder vereint nach mehr als einem Jahrzehnt in Cronenbergs erstem Science-Fiction-Horror seit über zwanzig Jahren. Ebenso lange hatte der Regisseur die Idee zu „Crimes of the Future“ mit sich herumgetragen. 1970 hatte er sogar schon einen Film mit dem gleichen Titel gedreht, der aber nichts mit seinem neuesten Werk zu tun hat. Cronenbergs aktueller Film ist eine dystopische Zukunftsvision, in der die menschliche Evolution völlig aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Mortensen spielt Saul Tenser, einen schwer kranken Mann, dem aufgrund eines seltenen Syndroms ständig neue Organe nachwachsen. Gemeinsam mit seiner Partnerin Caprice (Léa Seydoux) widmet er sich der experimentellen Performancekunst, die das Interesse einiger Organisationen, etwa der nationalen Organregistrierungsbehörde – deren zwei Beamte (Don McKellar und Kristen Stewart) gleichsam fasziniert und alarmiert von den Künstlern sind –, einer geheimnisvollen Regierungsbehörde, dessen Repräsentant (Welket Bungué) Saul als Informanten benutzt, um wiederum eine Gruppe Rebellen zu infiltrieren, die von dem verzweifelten Lang Dotrice (Scott Speedman), dessen Sohn Brecken aufgrund seiner Anomalien von Langs Exfrau in der Eröffnungssequenz ermordet wird, angeführt wird. Klingt alles auf den ersten Blick erst einmal konfus, und ja, ist es auch. Die politische Dimension dieses neuartigen Körperkults ist lange undurchsichtig, und auch wenn Langs Trauer und Unverständnis ob des Mordes an seinem Sohn, welcher als erster Mensch neue Verdauungsfunktionen gentechnisch vererbt bekommen hat, was ihm ermöglicht, problemlos Kunststoff zu kauen, ein überzeugendes Motiv ist, Saul und Caprice eine öffentliche Obduktion an Brecken durchführen zu lassen, um ein Statement zu setzen, erschließen sich die gesellschaftlichen und politischen Implikationen erst sehr spät – zu spät, sodass der Effekt letztendlich verpufft.
So konfus und undurchschaubar die Handlung dahinsiecht, so schade ist es um die durchwegs starke Besetzung: Viggo Mortensen als gebrechlicher und von Schmerzen übermannter Körperkünstler gibt eine gewohnt bestechende Performance, Léa Seydoux als seine kongeniale Partnerin, eine der vielseitigsten und facettenreichsten Darstellerinnen des Gegenwartskinos, bleibt zwar wenig Raum, ihren eigenen Charakter so richtig zu entfalten, zeigt aber furchtlose und zuweilen sinnliche Nuancen, während Kristen Stewart zwischen verlegener Unsicherheit und faszinierter Erregtheit oszilliert. Die besondere Stärke des Films liegt hingegen in Howard Shores atmosphärischer, elegischer Filmmusik, die sowohl die eindrucksvollen als auch wenig anschaulichen Bilder nahezu perfekt untermalt.
„Crimes of the Future“ ist Cronenbergs Versuch, eine weitere dystopische Zukunftsvision – inklusive cleverer Referenzen zu Genreklassikern wie „Soylent Green“ (1973) – zu gestalten, deren Botschaft nicht ganz so rüberkommt wie es der visionäre Filmemacher wohl intendiert hat. Die Horrorelemente sind wohl dosiert, der Schockfaktor hält sich zumindest etwas in Grenzen – was aber nicht heißt, dass der Film Zuschauern ohne starke Nerven und Mägen ohne Vorbehalte empfohlen werden kann!
Wertung: zwei von vier Sternen.