Am 20. Oktober beginnt die 60. Ausgabe des großen Wiener Filmfestivals. Ein erster Überblick über Highlights, Hoffnungen, Erwartungen.
Die Jubiläumsedition des renommiertesten Filmfestivals Österreichs begeht das von Eva Sangiorgi geleitete Team mit gleich sechs Trailern – eines stellvertretend für jedes Jahrzehnt ihres Bestehens. Wer also möglichst viele Filme anschaut, hat die Chance, den einen oder anderen oder gar alle, auf großer Leinwand zu sehen. So oder so steht österreichischen und internationalen Cineasten von 20. Oktober bis einschließlich 01. November ein prall gefülltes, abwechslungsreiches und vielschichtiges Programm bevor, das für Jeden das eine oder andere Highlight bereithält. In diesem Artikel möchte ich meine persönlichen Favoriten kurz vorstellen – ausführliche Reviews zu einzelnen Filmen werde ich dann relativ zeitnah veröffentlichen.
„Women Talking“ (USA 2022, Sarah Polley)

Vor nunmehr fünf Jahren löste Ronan Farrows Enthüllungsartikel über den sexuellen Missbrauch des einflussreichen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein ein kulturelles Erdbeben aus, das wenig später mit dem Hashtag #metoo ein Symbol bekam. Viel ist seitdem geschrieben, gestritten und getan worden, auch wenn immer noch viel Handlungsbedarf besteht. Die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader wird Ende 2022 das auf wahren Ereignissen beruhende Drama „She Said“ veröffentlichen, welches sich direkt mit dem Weinstein-Skandal beschäftigt. Ein ähnliches, und nicht minder erschütterndes Portrait sexueller Machtstrukturen verhandelt Sarah Polley nun in „Women Talking“, der Verfilmung eines Romans von Miriam Toews. In einer abgelegenen religiösen Kommune kommt es zu brutalen Übergriffen und eine Gruppe Frauen sieht sich dazu veranlasst, sich heimlich in einer Scheune zusammenzutun und zu beraten, wie sie damit umgehen sollen. Exzellent besetzt – Rooney Mara, Jessie Buckley, Claire Foy und Frances McDormand spielen die Hauptrollen – wird der Film bereits jetzt als großer Kandidat für die kommende Award-Saison gehandelt.
„Crimes of the Future“ (GB/KAN/GR 2022, David Cronenberg)

@ 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.
Der Name David Cronenberg ist seit jeher untrennbar mit dem Begriff „Body Horror“ verbunden, und auch sein neuester Streich wird nichts für schwache Nerven und Mägen: Viggo Mortensen und Léa Seydoux veranstalten makabre Organtransplantationen auf der Bühne, alles im Namen der Kunst, und Kristen Stewart will den Beiden auf den Grund gehen. Klingt schaurig, ist es auch! Wer sich von „Scanners“, „The Fly“ „Existenz“ und dergleichen nicht abschrecken lässt, sollte „Crimes oft he Future“ auf jeden Fall eine Chance geben…
„The Whale“ (USA 2022, Darren Aronofsky)

@ 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.
Neben dem darauffolgenden Beitrag mein persönliches Viennale-Highlight 2022. Viel ist im Vorfeld über diesen Film bereits berichtet worden. Die Bilder eines sichtlich ergriffenen Brendan Fraser im Anschluss an ausverkaufte Galavorstellungen sind um die Welt gegangen. Ähnlich wie Matthew McConaughey und Keanu Reeves vor ihm, dürfte der sympathische Schauspieler, der in den 90ern und 2000ern einen Hit nach dem anderen ablieferte, nur um dann tragischerweise in der Versenkung zu verschwinden, bereit für das große Comeback sein. Als schwer übergewichtiger Englischlehrer, der sich nach Jahren der Entfremdung mit seiner Tochter versöhnen möchte, bevor es zu spät ist, weckt Fraser Erinnerungen an Nicolas Cage in seiner preisgekrönten Rolle als suizidaler Trinker in Mike Figgis‘ „Leaving Las Vegas“ und Mickey Rourke in seiner nicht minder spektakulären Rolle als titelgebender „The Wrestler“ – ebenfalls unter der Regie von Darren Aronofsky. Hat das Zeug zum emotionalen Highlight.
The Banshees of Inisherin“ (GB/USA/IR 2022, Martin McDonagh)

Zuletzt hat Martin McDonagh mit “Three Billboards outside Ebbing, Missouri” 2017 für Aufsehen gesorgt. Die explosive Mischung aus Krimidrama und schwarzer Komödie war einer der Publikumslieblinge der damaligen Viennale und brachte Frances McDormand und Sam Rockwell zurecht Oscars für ihre grandiosen Performances ein. Sein Nachfolgewerk, „The Banshees of Inisherin“, angesiedelt in einem idyllischen, kleinen irischen Dorf während eines großen Krieges, klingt auf den ersten Blick nach einem kammerspielartigen, intimen Drama – McDonagh schrieb die Geschichte ursprünglich als Theaterstück. Colin Farrell und Brendan Gleeson, beide in bestechender Form, sind beste Freunde – bis Letzterer Ersterem unvorbereitet von einem auf den anderen Tag die Freundschaft kündigt. Dass das in so einem kleinen Ort nicht einfach so passiert und eine Reihe schockierender Ereignisse nach sich ziehen wird, macht die Prämisse jedoch ungleich interessanter und die Vorfreude auf ein weiteres vulgäres, tragikomisches Meisterwerk umso größer.
„Heojil Kyolshim (Decision to Leave)“ (KOR 2022, Park Chan-wook)

@ 2022 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.
Der südkoreanische Auteur Park Chan-wook ist längst nicht mehr nur eingefleischten Cineasten wie Quentin Tarantino ein Begriff, sondern hat sich den Namen eines einflussreichen Genrefilmemachers erarbeitet. Vor 20 Jahren sorgte er mit seiner furiosen Rachetrilogie – und insbesondere seinem Herzstück „Oldboy“, welchen ich wärmstens empfehle – für Aufsehen. Sechs Jahre nach seinem stylischen Erotikthriller „The Handmaiden“ kehrt Park mit seinem neuesten Film, einem packenden Crimedrama, ins Kino zurück. Inspiriert von Alfred Hitchcock, mit einem Schuss „Basic Instinct“, folgt „Decision to Leave“ einem Polizisten, der einen Mord aufklären muss, und sich dabei in die Hauptverdächtige verliebt. In Cannes wurde Park für seine stilsichere und elegische Inszenierung mit dem Regiepreis ausgezeichnet und wird von Südkorea ins Rennen um den Besten Internationalen Film bei der nächsten Oscar-Verleihung geschickt.

Das und noch vieles mehr erwartet mich und zigtausende andere Filmfans über die nächsten zwölf Tage. Natürlich gibt es noch viele andere Höhepunkte – Werner Herzog, Anfang der 1990er Jahre selbst einmal Direktor der Viennale, kommt mit gleich zwei Filmen nach Wien, während Ulrich Seidls skandalumwitterter Film „Sparta“ zur Österreich-Premiere gelangt und sicherlich viel Gesprächsstoff bieten wird – aber ich werde nicht alles abdecken können. In jedem Fall steht einer vielseitigen, breitgefächerten Festivalerfahrung (hoffentlich) nichts mehr im Weg. In diesem Sinne: Film ab!