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Tom Cruise beweist einmal mehr, dass packende und atemberaubende Action auch ohne viel Computertrickserei möglich ist

Mehrmals wird in „Top Gun: Maverick“ –  bezugnehmend auf die haarsträubende, unmöglich erscheinende Mission (kein Wortspiel intendiert), auf die Pete „Maverick“ Mitchell (Tom Cruise) seine Flugschüler vorbereiten soll – erwähnt, dass für einen Erfolg zwei Wunder vonnöten sein werden. Dasselbe ließe sich auch über den Film selbst sagen. Und, ohne zu viel vorwegzunehmen, gelingen „Top Gun: Maverick“ in der Tat zwei Wunder. Erstens: nach 36 Jahren einen Film fortzusetzen, der wie kaum ein anderer ein Relikt seiner Zeit ist. 1986 stand die Welt immer noch im Zeichen des „Kalten Krieges“ zwischen der Sowjetunion und den USA, Michail Gorbatschow und Ronald Reagan sind an der Macht. Und zweitens: diesen im Jahr 2022, im Zeitalter der Superhelden und Übermacht an CGI-Spektakeln, noch zu übertreffen.

Nostalgie mag ein Schlagwort in unserer gegenwärtigen Popkultur sein, dass gleichermaßen Befürworter und Gegner hat. Aber den Effekt und den Erfolg, den Filme und Serien, die direkt oder indirekt Hommage an die 1980er Jahre und ihre unzähligen Kulthits zollen, kann man nicht von der Hand weisen. Regisseur Joseph Kosinski selbst hat bereits 2010 mit einer anderen verspäteten Fortsetzung, „Tron: Legacy“, ein bildgewaltiges und dem bahnbrechenden Original ebenbürtiges Folgewerk geschaffen, welches aber, ähnlich wie sein Vorgänger, ein wenig unter dem Ballast der Filme, welche zur selben Zeit veröffentlicht wurden, unterdrückt und eher verhalten aufgenommen wurde.

© 2022 Constantin Film. Alle Rechte vorbehalten.

Doch „Top Gun“ ist nicht „Tron“. Und das trifft auch auf dessen Fortsetzung zu. Und das liegt zu einem beträchtlichen Teil an seinem Hauptdarsteller Tom Cruise, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, aber es in seinen Filmen irgendwie nach wie vor schafft, immer noch jugendlich gut auszusehen. So wie Cruise ist auch seine Figur, Maverick, zwar älter, aber nicht unbedingt weiser geworden. Derselbe Draufgänger, der noch Jahrzehnte zuvor Vorgesetzte verhöhnt, Anweisungen missachtet hat und fliegt wie ein echter Teufelskerl, findet sich nach langer Zeit wieder dort ein, wo alles seinen Anfang nahm: bei „Top Gun“, dem Lehrgang der besten Flieger, die die US Navy zu bieten hat. Aber die Schatten der Vergangenheit lassen Maverick nicht los. Unter den jungen Novizen, die für eine gefährliche und buchstäblich halsbrecherische Mission in feindlichem Gebiet trainiert werden sollen, befindet sich auch Bradley „Rooster“ Bradshaw (Miles Teller), Sohn von Mavericks tödlich verunglücktem besten Freund „Goose“ (im Original von Anthony Edwards gespielt). Und „Rooster“ ist nach wie vor nicht gut auf Maverick zu sprechen, was aber auch andere Gründe hat. Eine weitere alte Bekannte, die Maverick auf dem Stützpunkt wiedertrifft, ist die Tochter des einstigen Admirals, Penny Benjamin (Jennifer Connelly), mit der Maverick einst angebandelt hat.

Top Gun: Maverick“ enthält wenig überraschend viele Parallelen zu seinem Vorgänger, der einst von Tony Scott inszeniert wurde. Die Eröffnungsszene wurde sogar fast 1:1 übernommen, inklusive der mittlerweile ikonischen Filmmusik des deutschen Komponisten Harold Faltermeyer. Die Dynamik der jungen Flugschüler untereinander ist ebenfalls vergleichbar mit jener der 86er-Generation. Fast könnte man meinen, die Macher hätten sich an J.J. Abrams‘ „Star Wars: Episode VII – The Force Awkens“ (USA 2015) orientiert – sogar die abschließende Mission im atemberaubend spannenden finalen Akt des Films fühlt sich irgendwie wie die Zerstörung des Todessterns im originalen „Star Wars“ von 1977 an. Wer das Original liebt, wird an dieser späten Fortsetzung seine wahre Freude haben.

Der Film ist durch die Bank mit großartigen, namhaften Charakterdarstellern besetzt: Oscarpreisträgerin Jennifer Connelly harmoniert erstaunlich gut mit Cruise, auch wenn der romantische Subplot nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Ed Harris, Charles Parnell und Jon Hamm als Vorgesetzte bringen Witz und Coolness in ihre Rollen mit ein. Die jungen Piloten, angeführt von Miles Teller, Glen Powell, Monica Barbaro und Lewis Pullman sind ebenfalls interessant charakterisiert, auch wenn nur Teller, und stellenweise Powell, neben dem ewig charismatischen Cruise bestehen können. Emotionales Highlight des Films ist aber zweifellos der Kurzauftritt von Val Kilmer, der seine Rolle des Tom „Iceman“ Kazansky trotz seines schweren Kampfes gegen den Kehlkopfkrebs wieder aufnehmen konnte. Das Wiedersehen der einstigen Rivalen, die längst zu engen Freunden wurden, ist ergreifend, wartet aber auch mit einer humorvollen, und rückblickend betrachtet wehmütigen, Schlusspointe auf. Dem Charakter Iceman wird würdevoll Tribut gezollt.

© 2022 Constantin Film. Alle Rechte vorbehalten.

Dass der Film auf computergenerierte Effekte verzichtet und stattdessen mit praktischen Tricks entstand – gedreht wurde mit bis zu sechs in die Kampfjets eingebauten IMAX-Kameras – ist ein weiteres Wunder, welches „Top Gun: Maverick“ fast schon eine Heiligsprechung garantieren würde. Den Film als neuen „Heiligen Gral“ des Actionkinos zu bezeichnen, wäre zwar durchaus etwas überschätzt, aber wenn der Film eines beweist, dann das: nicht nur wenn Tom Cruise anno 2022 zu den Klängen von Kenny Loggins auf sein Motorrad steigt und neben einem Überschallflugzeug den Highway zur Gefahrenzone entlangfährt, nimmt es dem Publikum immer noch den Atem weg.

Wertung: vier von vier Sternen!

Offizieller Trailer:

           

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