Vergangenen Mittwoch ist die 57. Ausgabe des Vienna International Film Festival mit der Premiere des Films „Martin Eden“ feierlich zu Ende gegangen. Knapp 300 Filme wurden in den zwei Wochen in den verschiedenen Innenstadtkinos gezeigt, rund ein Dutzend davon habe ich selbst begutachten können. Hier nun mein ganz persönliches Resümee zur diesjährigen Viennale:
Bester Film:
Am meisten gefreut hatte ich mich im Vorfeld auf „Jojo Rabbit“ (D/USA 2019, Taika Waititi), und der Film hat gehalten, was er versprochen hat: schrille Figuren, Dialogwitz, aber auch viel Gefühl und eine wichtige Message gegen Hass in einer Zeit, in der dies wichtiger denn je zu sein scheint. Außerdem sind die schauspielerischen Leistungen in diesem Film durch die Bank beeindruckend.
Dahinter folgt mit „Marriage Story“ (USA 2019, Noah Baumbach) ein weiteres exzellent gespieltes Ensemblestück. Adam Driver und Scarlett Johansson spielen mit Hingabe und dramatischer Wucht ein entfremdetes Ehepaar, das auf eine knallharte Scheidung zusteuert. Die Beiden zeigen zwei der intensivsten Performances der jüngeren Vergangenheit und bringen einen dabei abwechselnd zum Lachen und zum Weinen. Dazu hat „Marriage Story“ mit Laura Dern, Alan Alda und Ray Liotta die beste Nebenbesetzung des Jahres.
Und auf Platz 3 steht „The Lighthouse“ (USA 2019, Robert Eggers). Ähnlich wie „Marriage Story“ baut dieser psychologische Horrorthriller auf die Gegenüberstellung seiner beiden Hauptcharaktere, stark gespielt von Willem Dafoe und Robert Pattinson. Das karge Schwarz-Weiß trägt zur düsteren und unheimlichen Grundstimmung bei und die abgelegene Insel mit dem titelgebenden Leuchtturm ist passend in Szene gesetzt. Eine simplere Geschichte in einer einfacheren Umgebung wurde letztens nicht mehr so effektiv in Szene gesetzt wie hier.
Beste individuelle Schauspielleistung:
Wenn es nun darum geht, zu eruieren, welche/r Schauspieler/in mich am meisten beeindruckt oder berührt hat, kommen mir gleich sehr viele in den Sinn. Aber nichts konnte mich auf Thomasin McKenzies starken Auftritt in „Jojo Rabbit“ vorbereiten. Bereits in „Leave No Trace“ (USA 2018, Debra Granik) hat sie außerordentliches Talent bewiesen als Mädchen, welches mit ihrem vom Krieg traumatisierten Vater abseits der Gesellschaft ein einfaches Leben führen will. Hier spielt sie ein Mädchen, welches von der Mutter eines überzeugten Nazis im Dachboden versteckt gehalten wird. Mit verblüffender Abgeklärtheit und der Routine einer gestandenen Charakterdarstellerin spielt McKenzie sogar Scarlett Johansson phasenweise an die Wand, und das soll anno 2019 schon etwas heißen.
Knapp dahinter: Adam Driver. Seit seinem Durchbruch in der Serie „Girls“ (2012 – 2017) befindet sich Driver auf der Überholspur. Er beweist schon seit Jahren sein vielseitiges Talent und hat sich bislang überwiegend in Independent-Filmen einen Namen gemacht, so unter anderem in Filmen Jim Jarmuschs. Aber selbst als Bösewicht in der neuen „Star Wars“-Trilogie schafft er es, eigene Akzente zu setzen und in einer als minderwertigen und auf Fanservice ausgelegten Wiederholung alter Muster abgestempelten Fortsetzung frischen Wind in die Saga zu bringen. Sein Auftritt in „Marriage Story“ darf aber nun getrost als Höhepunkt seines bisherigen künstlerischen Schaffens bezeichnet werden. Als liebevoller Vater, der von der gesamten Situation seiner Scheidung überfordert und überwältigt wird, gelingt es ihm, gleichzeitig Sympathien zu wecken, aber auch aufgrund seiner mitunter egozentrischen Sichtweise auf Ablehnung zu stoßen. Eine besondere Nennung erfolgt an dieser Stelle auch für seinen Gegenpart Scarlett Johansson, die hier ebenfalls die beste Schauspielleistung ihrer Karriere zeigt.
Auf Platz 3 findet sich mit Willem Dafoe einer der besten Charakterdarsteller unserer Zeit. Auch in „The Lighthouse“ zeigt er sich wieder von seiner intensiven und geradezu unheimlichen Seite. Als altgedienter Leuchtturmwärter, der seinem jungen Protegé, ebenfalls glänzend gespielt von Robert Pattinson, das Leben nicht gerade einfach macht. Die Isolation und die schlechten Witterungsbedingungen schlagen sich schon bald auf die Psyche der beiden gegensätzlichen Männer und es dauert nicht lange, bis ein episches Psychoduell entbrennt, in welchem sich die Beiden nichts schenken werden. Dabei demonstriert insbesondere Dafoe mit seinen starken Dialogen und der unverkennbaren theatralischen Präsenz seine gesamte Bandbreite. Könnt ihr ihm nicht endlich seinen längst überfälligen Oscar geben, liebe Academy?
Beste individuelle künstlerische Leistung:
Die beeindruckendste Kameraarbeit aller Filme auf der diesjährigen Viennale leistet der deutsche Kameramann Jörg Widmer, der bislang hauptsächlich als Camera Operator für Terrence Malicks regelmäßigen Kollaborateur Emmanuel Lubezki tätig war. Da dieser aber nicht zur Verfügung stand, nahm Widmer für „A Hidden Life“ dessen Platz ein. Und es gelingt ihm, die malerischen Bergpanoramen ebenso wie die kargen Gefängnismauern entsprechend in Szene zu setzen. Auch wenn so manches Weitwinkelobjektiv einen ungewohnten Eindruck auf die Zuschauer macht und eher wie die fischaugenähnliche Ästhetik von „GoPro“-Videos anmutet, so komplimentiert sie Malicks poetische Narration blendend.
Als bestes Drehbuch habe ich „Jojo Rabbit“ auserkoren, nicht nur, da der Film die komischsten und wendungsreichsten Dialoge aller Viennale-Beiträge beinhaltet, sondern, weil der Film abseits seiner offensichtlichen Stärken auch die dramatischeren Elemente seiner Geschichte effizient zum Vorschein bringt. Und Waititis Botschaft gegen Hass und Vorurteile trotz der überspitzten Karikatur des Nationalsozialismus erstaunlich ernst und nachdenklich transportiert wird.
Bester Film, den ich nicht sehen konnte:
Eine eigenartige Kategorie, da ich zu dem Film nicht allzu viel sagen kann, aber dennoch interessant. Es gelang mir, wenig überraschend vielleicht, nicht alle interessanten Filme zu sehen. Der Film, bei dem es mich am meisten gejuckt hat, ihn verpasst zu haben, ist „Tommaso“, Abel Ferraras autobiographisch angehauchter Film über einen Filmemacher, gespielt von Willem Dafoe, der seinen Lebensabend in Italien verbringt.
Ebenfalls erwähnenswert ist der diesjährige Überraschungsfilm, der sich als Edward Nortons 50er Jahre-Film Noir-Detektivkrimi „Motherless Brooklyn“ entpuppt hat, in dem der Autor-Regisseur auch die Hauptrolle eines am Tourette-Syndrom leidenden Schnüffler spielt, der den Mord an seinem Mentor (Bruce Willis) aufklären will.
Größte Überraschung:
Für mich die größte Überraschung des Festivals war der brasilianische Film „Bacurau“: bei seiner Premiere auf dem Filmfestival Cannes bereits bejubelt und mit dem Jurypreis ausgezeichnet, konnte der Film auch das Wiener Publikum für sich einnehmen. Ein wilder Genremix aus Western, Science-Fiction, Komödie und beißender Gesellschaftskritik, unterhält der Film über seine 132 Minuten Laufzeit blendend. Insbesondere die großartigen Nebendarsteller Sonia Braga und Kultschauspieler Udo Kier erweisen sich als wahre Szenendiebe. Aber insbesondere die unterschwellige Kolonialismus- und Rassismuskritik zeichnen diesen Film aus. Und wer John Carpenters unverkennbare Musik so effektiv in seinem Film zum Einsatz bringt, muss einfach gebührend dafür gefeiert werden.
Größte Enttäuschung:
Eins vorweg: kein Film, den ich auf der Viennale gesehen habe, hat mich rundum enttäuscht. Es gab Filme, von denen ich mir im Vorfeld einiges erwartet hatte und dies dann aber nicht auf die Leinwand transportieren konnten – „Le jeune Ahmed“ und insbesondere „Wasp Network“ zählen dazu. Die größte Enttäuschung des Festivals an sich war die Abwesenheit namhafter Stars. Mit Luc Dardenne und Abel Ferrara war es gelungen, zwei erfolgreiche Regisseure nach Wien zu holen, um ihre Filme zu diskutieren, aber Publikumsmagneten wie Tilda Swinton, Jane Fonda oder Will Ferrell, sucht man 2019 vergebens. Auch finde ich es schade, dass es weniger hochkarätige Filme ins Line-Up geschafft haben. Gerade die Viennale, deren Zeitpunkt jährlich zum Beginn der prestigeträchtigen Awards-Saison fällt, hat sich in den vergangenen Jahren als optimale Gelegenheit bewährt, preisverdächtige Filme lange vor ihrem regulären Kinostart zu begutachten und sich ihrer herausragenden künstlerischen Merkmale zu vergewissern, bevor man seinen Tippzettel für die nächste Oscar-Verleihung ausfüllt.
Fazit:
Es war wie jedes Jahr ein stimmungsvolles Festival mit vielen tollen Programmpunkten und gut gefüllten Kinos. Der Hauch von großem Kino, der durch die selbsternannte Weltstadt Wien weht, war auch heuer wieder omnipräsent. Eva Sangiorgi hat mit ihrer zweiten Festivalprogrammierung, der ersten, die unbestritten ihre Handschrift trägt, große Weitsicht und großen Mut bewiesen. Besonders der Fokus auf einen starken feministischen Schwerpunkt ist sehr gelungen. Und auch das abwechslungsreiche, wenn auch etwas knapp an wahren Höhepunkten (s.o.), Programm konnte sich mehr als sehen lassen. Jedenfalls macht diese Viennale die Vorfreude auf die kommenden Jahre schon einmal groß.