ACHTUNG: Der folgende Text bespricht ausführlich den Film „Le jeune Ahmed“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne und kann daher einige wichtige Handlungselemente vorwegnehmen. Wer den Film also noch nicht gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte jetzt bitte nicht weiterlesen.

Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sind bekannt für ihre minimalistischen Filme, die sich an schwierige gesellschaftspolitische Themen annähern und anhand ihrer lebensecht wirkenden Protagonisten versuchen, denjenigen ein Gesicht zu geben, die in Filmen meist sträflich vernachlässigt werden. Für ihre filmischen Arbeiten wurden sie bereits zweimal mit der Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet – 1999 und 2005. Auch ihr neuester Film „Le jeune Ahmed“ lief 2019 im Wettbewerb und die Beiden wurden mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet. Das Drama erzählt die Geschichte des titelgebenden muslimischen Jungen, der sich plötzlich dem religiösen Fanatismus zuwendet. Ahmed entfremdet sich immer mehr von seiner Mutter und seiner Schwester und verachtet seine Lehrerin Inès (Myriam Akheddiou), die seiner Ansicht kein dem Islam würdiges Leben führt. Den Imam seiner örtlichen Moschee sieht er als großes Vorbild an und so beschließt Ahmed, seine Lehrerin zu erstechen.
Für den versuchten Mord wird er in psychologische Betreuung geschickt und muss zur Resozialisierung ehrenamtlich auf einem Bauernhof arbeiten, wo er sich zaghaft mit dem jungen Mädchen Louise (Victoria Bluck) anfreundet, das Gefallen an ihm findet. Doch auch die behutsam herbeigeführte Re-Integration in die Gesellschaft und der Versuch, Ahmed von seiner radikalen Ideologie zu entfernen, scheinen ihn nicht von seinem ursprünglichen Plan abzubringen. Bis es zu einem Unglück kommt…

Die Dardennes verstehen es, ihre Geschichten unaufgeregt und mit einem Gespür für naturalistischem Schauspiel und realistischem Setting zu erzählen. Auch wenn „Le jeune Ahmed“ eine zutiefst unsympathisch wirkende Figur ins Zentrum stellt, wird sein Konflikt glaubhaft dargestellt und von dem jungen, erst 12 Jahre alten Laiendarsteller Idir Ben Addi überzeugend verkörpert. Der Alltag islamischer Glaubensangehöriger wird authentisch und ohne Klischees oder Vorurteile gezeigt. Der plötzliche Sinneswandel Ahmeds in den letzten Minuten des Films wirkt zwar auf den ersten Blick eher unglaubwürdig aus dem Nichts kommend und an den Haaren herbeigezogen, aber, so Luc Dardenne, sei eine Nahtoderfahrung der einzige Weg gewesen, Ahmed aus dieser Spirale des Hasses herauszuholen. „Le jeune Ahmed“ ist kein neues Meisterwerk der Brüder geworden, wie etwa „Deux jours, une nuit“ (BEL 2014), liefert aber doch ein wichtiges Statement zum aktuellen und nach wie vor hochbrisanten Thema des religiösen Fanatismus und radikalen Islam. Auf jeden Fall bietet der Film einen guten Anknüpfungspunkt für kritische Reflexionen und politische Diskussionen.
Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!
Trailer: