ACHTUNG: Der folgende Text bespricht ausführlich den Film „Marriage Story“ von Noah Baumbach und kann daher einige wichtige Handlungselemente vorwegnehmen. Wer den Film also noch nicht gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte jetzt bitte nicht weiterlesen.
Scheiden tut weh! So könnte man die Essenz dieses Films von Autor und Regisseur Noah Baumbach kurz und knapp beschreiben. Und tatsächlich gibt es in dieser Tragikomödie einige Szenen, in denen die Figuren ganz nah an ihre Schmerzgrenze und sogar darüber hinaus gebracht werden. Eine der bemerkenswertesten Leistungen Baumbachs hierbei ist die überraschende Leichtigkeit, mit der er das eigentlich tieftraurige Thema angeht: durch den Einsatz eleganter Filmmusik von Randy Newman, dessen vielleicht bekannteste Musik jene von „Toy Story“ (1995) ist, die ein wenig an Woody Allens Filme in und über New York erinnert, verteilt er den dramatischen Ballast über die gesamte 137minütige Laufzeit. Komische und dramatische Szenen wechseln einander laufend ab, manchmal dämpft der gut getimte Wortwitz die dramatische Situation etwas ab. Wer auf den ersten Blick befürchtet, ein trübsinniges, emotionales und zuweilen kitschiges Drama über das Auseinanderbrechen einer Ehe präsentiert zu bekommen, wird sehr schnell eines Besseren belehrt. Baumbach kreiert hier ein lebensnahes, ehrliches und authentisches Portrait eines Künstlerehepaares, welches ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe nicht unter einen Hut bekommt. Inspiriert von persönlichen Erfahrungen bringen sowohl Baumbach als auch seine Darsteller viel Wissen mit ein.
Apropos Darsteller: 2019 ist das Jahr der Scarlett Johansson. „Avengers: Endgame“ ist der erfolgreichste Film aller Zeiten, sie hat, nach 10 Jahren, endlich ihren eigenen Solofilm „Black Widow“ abgedreht, bekommt großartiges Echo auf ihre Performance in Taika Waititis „Jojo Rabbit“, doch hier zeigt sie zweifellos die beste Leistung ihrer bisherigen Karriere. Johansson hat bereits bewiesen, dass sie eine facettenreiche Schauspielerin ist – Mädchen von nebenan, Femme Fatale, Actionheldin, Stimme einer Sprachassistentin (!), Ivanka Trump (!!) – aber hier spielt sie sich so richtig die Seele aus dem Leib. Die Rolle scheint wie zugeschnitten für sie zu sein – immerhin ist sie selbst bereits zweimal geschieden – und sie gibt eine berührende Darbietung einer Frau, die nach einer Zeit voller Entbehrungen ihrem Mann und ihrem Sohn zuliebe einen Weg in die Selbstständigkeit und Selbsterfüllung sucht. Ihre Motive und Hintergründe transportiert sie glaubwürdig und mitunter mit großer emotionaler Wucht. Gerade in der jetzigen Zeit sind Frauenfiguren, die sich aus dem Schatten ihrer dominanten Männer erheben und ihre eigenen Ambitionen verfolgen, bedeutender und wichtiger denn je geworden und Johanssons Nicole reiht sich prima in die Liste dieser Figuren ein. Eine ähnliche Rolle hatte Glenn Close letztes Jahr in „The Wife“ gespielt, wofür sie, meiner Meinung nach unverständlicherweise, von der Academy einmal mehr übergangen wurde. Vielleicht wäre es dieses Jahr mal an der Zeit, dem neuen feministischen Zeitgeist zu huldigen. Scarlett Johansson wäre dafür eine geeignete Kandidatin, wobei die Konkurrenz, in Person von Renee Zellweger als Judy Garland und Charlize Theron als ebenso starke Identifikationsfigur Megyn Kelly in „Bombshell“, der Verfilmung des Missbrauchsskandals durch Roger Aisles, sehr stark ist.

Auf der anderen Seite legt Adam Driver eine zumindest ebenso imposante Performance hin. Als erfolgreicher Theaterregisseur, der sich mit der Situation der Scheidung erst einmal arrangieren und erkennen muss, dass das gemeinsame Zusammenleben nicht gänzlich nach seinen Vorstellungen aussehen wird. Auch er bringt eine hohe Intensität in sein Spiel ein, dass sich insbesondere im dramatischen Höhepunkt eindrucksvoll entlädt. Driver, der sich langsam, aber sicher zu einem der gefragtesten Charakterdarsteller Hollywoods entwickelt, ohne dabei von seiner Schurkenrolle in der neuen „Star Wars“-Trilogie überschattet zu werden, verleiht auch den komischen Szenen einen ganz eigenen Charme. Er und Scarlett Johansson komplimentieren einander sehr gut und verkörpern das auseinanderbrechende Ehepaar mit beißender Ironie ebenso wie mit tragischer Wucht. Parallelen zu einem anderen Scheidungsdrama, „Kramer vs. Kramer“ (1979) von Robert Benton, scheinen hier unausweichlich zu sein. Während in dem Drama der Fokus und damit auch die Sympathien fast ausschließlich bei Dustin Hoffmans Figur, der durch die plötzliche Trennung zum alleinerziehenden Vater wird und die Balance zwischen Job und Erziehung erst finden muss, liegt und Meryl Streep wiederum mehr als aus Egoismus und Eigennutz handelnde Figur agiert, lässt „Marriage Story“ eine eindeutige Kategorisierung nicht zu. Hier wird beiden Ehepartnern Raum für ihr eigenes Recht gegeben, auch wenn beide Auffassungen unvermeidlich zueinander in Konflikt stehen. Und eben weil beide Figuren ihr Recht auf Glück und Freiheit haben, bezieht der Film seine dramatische Stärke.
Aber auch die Nebenrollen sind in „Marriage Story“ exzellent besetzt: Laura Dern überzeugt als eiskalte und strategische Scheidungsanwältin an Johanssons Seite, während der legendäre Alan Alda hier zu einem eindrucksvollen Kurzauftritt kommt und den schwierigen Spagat zwischen Komik und Tragik, den seine bekannteste und bedeutendste Rolle, Hawkeye Pierce in „M*A*S*H“, ausgezeichnet hat, auch hier perfekt beherrscht. Und auch Ray Liotta als ebenso gewiefter wie lautstarker Gegenpart zu Dern trägt zu einer starken Ensembleleistung bei und untermauert die Tatsache, dass Baumbach hier wohl eine der stärksten Besetzungen des diesjährigen Kinojahres versammelt hat. Ein erstes Ausrufezeichen in der noch jungen Awards-Saison 2019.
Wertung: vier von vier Sternen!
Trailer: