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ACHTUNG: Der folgende Text bespricht ausführlich den Film „Booksmart“ von Olivia Wilde und kann daher einige wichtige Handlungselemente vorwegnehmen. Wer den Film also noch nicht gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte jetzt bitte nicht weiterlesen.

Und hier kommt auch schon das erste Highlight der heurigen Viennale. Das urkomische Regiedebüt der Schauspielerin Olivia Wilde. „Booksmart“ ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte in der Tradition von Genrehits wie John Hughes‘ „Breakfast Club“ oder Richard Linklaters Kultfilm „Dazed and Confused“, und man merkt Wilde die Einflüsse dieser Filme an. Der Film fügt den Teeniekomödien nichts Neues hinzu und bedient sich altgedienter und oft erprobter Handlungsabläufe und genrespezifischer Stereotypen, dennoch gelingt hier ein erfrischender und abwechslungsreicher Film.

© 2019 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Molly und Amy – großartig gespielt von den beiden Jungschauspielerinnen Beanie Feldstein und Kaitlyn Dever – sind wenig beliebte Streberinnen in ihrer Highschool, die sich, nun, da sie ihren Abschluss in der Tasche und Plätze an den renommiertesten Universitäten des Landes haben, zumindest an der Tatsache ergötzen, dass es ihre feierwütigen Mitschüler nie so weit bringen werden wie sie. Doch sie müssen erkennen, dass auch ihre faulen Kommilitonen glänzende Karrieren vor sich haben, was Amy und Molly zu einer schockierenden Erkenntnis führt: sie haben ihre gesamte Highschool-Zeit nur mit Pauken verplempert, ohne auch nur ein wenig Spaß gehabt zu haben. Was dann folgt, wird die abgefahrenste, durchgeknallteste und abenteuerlichste Nacht ihres Lebens. Auf der Suche nach der Party von Mollys Schwarm Nick geraten sie an einen unbeliebten Mitschüler, der mit seiner verrückten Freundin Gigi (Scene-Stealer Billie Lourd, Tochter der legendären Carrie Fischer) eine exklusive Yachtparty gibt – ohne Gäste. Der sorglose Rektor (Wildes Lebensgefährte Jason Sudeikis) verbessert nebenbei sein Gehalt als Taxifahrer und wird versehentlich Ohrenzeuge eines mehr als amourösen Handyvideos. Und schließlich landen sie in einem Lieferwagen mit einem gesuchten Serienmörder. Klingt verrückt? Ist es auch! Und mit unglaublichem Tempo abgelieferten Dialogwitz, der kommende populärkulturelle Generationen mit geflügelten Worten versorgen kann. Wilde versteht es, den ganz normalen Wahnsinn der Highschool einzufangen. Wo aber die meisten Teenagerkomödien aufhören und in die Mittelmäßigkeit abdriften, hebt sich „Booksmart“ angenehm ab: nicht nur durch die toll gespielte Freundschaft der beiden Hauptfiguren und ihre abgefahrenen Begegnungen mit den vielen Nebenfiguren – besonders erwähnenswert Amys Eltern, gespielt von „Friends“-Ikone Lisa Kudrow und Will Forte – sondern auch durch deren starke Charaktere. Generell schlägt „Booksmart“ einen starken feministischen Ton an – und das ist absolut positiv. In einer Zeit und einem Genre, in dem starke Frauenfiguren tendenziell unterrepräsentiert sind, bietet „Booksmart“ nicht eine, sondern gleich zwei starke Identifikationsfiguren, die sich im Laufe des Films auch auf andere Ikonen berufen: mit ihrem Codewort „Malala“, das eine ernste Situation der Beiden heraufbeschwört, nehmen sie Bezug auf das mutige pakistanische Mädchen Malala Yousafzai, welches sich ihr Recht auf Bildung und Freiheit auch durch ein Schussattentat nicht wegnehmen ließ. Molly möchte die jüngste Richterin am Obersten Gerichtshof werden und in die Fußstapfen von Ruth Bader Ginsburg treten.

© 2019 Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Dass Amy eine offen lesbische Filmfigur ist, verleiht dem Film noch einmal eine gewisse Tiefe. Ihr Verlangen nach Liebe und die Rückschläge, die sie dabei in Kauf nehmen muss, werden in den wenigen ruhigen Momenten des Films adäquat festgehalten. Selten wurden in „Coming-of-Age“-Komödien Figuren wahrhaftiger und überzeugender gezeichnet, wobei die differenzierten Charaktere den Charme des Films ausmachen.

Booksmart“ wird als eine der besten Komödien des Jahres 2019 gefeiert, der an den nordamerikanischen Kinokassen aber weniger erfolgreich war, wie erhofft. Das ist schade, denn der Film bietet trotz der genretypischen Stereotypen ein außergewöhnliches, einfühlsames und inspirierendes Filmerlebnis. Für dieses kurzweilige Vergnügen gibt es von mir

Dreieinhalb von vier Sternen!

Zum offiziellen, nicht jugendfreien Trailer geht’s hier:

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