ACHTUNG: Der folgende Text bespricht ausführlich den Film „A Hidden Life“ von Terrence Malick und kann daher einige wichtige Handlungselemente vorwegnehmen. Wer den Film also noch nicht gesehen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte jetzt bitte nicht weiterlesen.
Kaum ein Regisseur ist so geheimnisvoll und faszinierend zugleich wie Terrence Malick. Seine Filme rufen überwiegend gespaltenes kritisches Echo hervor – die einen lieben sie, die anderen eher weniger. Seine philosophischen Zugänge machen seine filmischen Werke sperrig, dafür ist seine Bildsprache ästhetisch atemberaubend.

Malick ist aber auch bekannt für seine wenig produktive Arbeitsweise: seinem Erstlingswerk „Badlands“ (1973) und dem zweiten Film „Days of Heaven“ (1978) folgte eine zwanzigjährige Schaffenspause, bevor er 1998 mit dem hochgelobten und mit Stars nur so gespickten Kriegsdrama „The Thin Red Line“ triumphal zurückkehrte. Der „Goldene Bär“ der Filmfestspiele Berlin 1999 und sieben „Oscar“-Nominierungen waren der verdiente Lohn. Nach seiner Pocahontas-Neuinterpretierung „The New World“ (2005) war Malick in den letzten Jahren uncharakteristisch fleißig: seit 2011 veröffentlichte er gleich fünf neue Filme, mit unterschiedlichem Erfolg. Der erste von ihnen, „The Tree of Life“ erhielt zwar gemischte Kritiken bei der Uraufführung beim Filmfestival von Cannes, dafür aber die „Goldene Palme“ als bester Film des Festivals, bei der „Oscar“-Verleihung war er für drei Goldjungen nominiert. „To the Wonder“ (2012), ein philosophisch aufgeladenes Melodram über zwei Paare auf der Sinnsuche der großen Liebe, kam dann schon weniger gut an. Mit den beiden experimentellen Filmen „Knight of Cups“ (2015) und „Song to Song“ (2017), beide größtenteils improvisatorisch verwirklicht, schien Malick endgültig eine Karikatur seiner selbst zu werden. Nun folgt sein großes Comeback…
Bereits 2016 arbeitete Malick an der Verfilmung des Lebens des österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, der, als er sich weigerte, während des Zweiten Weltkriegs den Eid auf Hitler zu leisten und für das Deutsche Reich den Wehrdienst anzutreten, exekutiert wurde. Eine international wenig bekannte Geschichte über einen Mann, der seinen eigenen Prinzipien treu blieb, auch wenn er dafür einen hohen Preis zahlen musste. „A Hidden Life“ ist ein typischer Terrence Malick-Film: lange, eindrucksvolle Panoramen, lyrische Voice-Over, untermalt von elegischer Musik (James Newton Howard gelingt hier ein weiteres Meisterwerk der Filmmusik). Knapp drei Stunden dauert der Film und die Länge merkt man dem Film absolut an. Dennoch ist es ein ergreifendes, packendes und mitunter erschütterndes Drama geworden. Malick kehrt hier wieder zu seiner Hochform zurück. Das starke Darstellerensemble wird angeführt von einem großartig aufspielenden August Diehl in der Hauptrolle, dem eine ebenso beeindruckende Valerie Pachner als Franz‘ Ehefrau Fanny zur Seite steht. Es ist schön zu sehen, dass Malick fast alle Rollen mit Schauspielern aus dem deutschsprachigen Raum besetzt hat. So sind unter anderem auch Tobias Moretti, Karl Markovics, Franz Rogowski, Ulrich Matthes, Alexander Fehling und Martin Wuttke zu sehen. Besondere Erwähnung gilt sowohl dem schwedischen Akteur Michael Nyqvist als Bischof und der unvergesslichen Schweizer Legende Bruno Ganz als Richter bei Jägerstätters Tribunal, beide sind hier in einer ihrer letzten Rollen zu sehen.

Was an der englischen Sprachfassung auffällt, ist, dass die Dialogszenen allesamt ins Englische übersetzt wurden, während in anderen Szenen deutsch, in den Szenen in Radegund österreichisch akzentuiert, gesprochen wird, was stellenweise etwas eigenartig anmutet, dem Film aber keineswegs schadet. Diehl und Pachner spielen ihre Rollen mit großer emotionaler Wucht, ohne ausufernder Gesten, auch wenn ihre Charaktere später, durch die Einberufung und spätere Inhaftierung von Franz, räumlich voneinander getrennt werden. Die Briefe, die die Töchter Jägerstätters Malick zur Verfügung stellten, dienen als Kommunikation und Handlungsträger des Films und werden oft, zusammen mit Howards gefühlvoller, von Violinen getragener Musik, abwechselnd unter das Bergpanorama Radegunds und dem Gefängnis Berlin Tegel gelegt. Der Kontrast zwischen der weitläufigen, idyllischen Bergfassade und dem kargen, einengenden Gefängnis gelingt durch geschickte Parallelmontage. Jörg Widmers Kamera fängt sowohl die Natur als auch die Figuren eindrucksvoll ein und steht Malicks übrigen filmischen Arbeiten (er arbeitete zuvor für Malicks regelmäßigem Kollaborateur Emmanuel Lubezki) in nichts nach. Das (diesmal) gut strukturierte und großartig geschriebene Drehbuch ist voll von elegischen, philosophischen Dialogen, hätte aber hier und da doch eine gewisse Straffung durchaus vertragen können. So gibt es aber genügend Raum für Franz‘ und Fannys tragische Liebesgeschichte, die Anfeindungen, die sie aufgrund seiner Haltung über sich ergehen lassen müssen, und die bitteren Folgen, die er für sein moralisches Dilemma tragen muss. Malick fertigt mit „A Hidden Life“ ein Denkmal für einen als Märtyrer in die Geschichte eingegangenen stillen Helden an, der sich dem Grauen der Nazi-Diktatur widersetzte. Und beweist damit, dass, anders als es einige Charaktere im Film zu Franz sagen, seine Taten zwar den Ausgang des Krieges und die öffentliche Meinung dazu nicht zu ändern vermochten, sein verborgenes Leben aber keineswegs vergessen und sein Opfer bedeutungslos geblieben ist. Filme wie dieser, die sich explizit und ohne Scheuklappen mit dem dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte auseinandersetzen, beweisen, dass auch ein verborgenes Leben und all jene, die daran teilgenommen haben, einen Unterschied ausmachen können.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Zum emotionalen Trailer von Malicks neuem Meisterwerk (mit einem Vorgeschmack auf die tolle Filmmusik und die atemberaubenden Bilder) geht’s hier: