Hochkarätig besetzt, bildgewaltig inszeniert, wenn auch sehr lose und eigenwillig interpretiert: vor 22 Jahren zog Hollywood in den Trojanischen Krieg und ließ Brad Pitt und Eric Bana als zwei glorreiche Kämpfer aufeinander los.

Wenn in den kommenden Tagen „The Odyssey“ von Christopher Nolan die Kinoleinwände bespielt – besonderes Augenmerk sollte einmal mehr auf IMAX gelegt werden – dann werden sich bestimmt viele Cineasten, darunter auch ich, an eine andere Adaption eines Heldengedichts von Homer erinnern. Damals, 2004, sollte Nolan eigentlich die Vorgeschichte zu Odysseus‘ unfassbar hindernisreicher Heimfahrt nach Ithaka verfilmen. Weil aber der deutsche Starregisseur Wolfgang Petersen nach dem geplatzten „Batman vs. Superman“-Projekt plötzlich Zeit und Energie hatte, übertrug Warner Bros. Pictures dem erfahreneren Petersen die Regie zu ihrem ambitionierten Monumentalfilm. Nolan durfte sich mit einem anderen Prestigeprojekt „trösten“: „Batman Begins“ (2005), der nicht nur seinen Status als einer der einflussreichsten und interessantesten Filmemacher des Gegenwartskinos einzementierte, sondern auch das Kino an sich maßgeblich prägen sollte. Dass ihn die griechische Antike dennoch auch nach über zwei Jahrzehnten nicht loslassen sollte, beweist er also nun mit seiner umstrittenen „Odyssey“-Adaption.
Petersen scheute damals weder Kosten – die sollen sich auf rund 180 Millionen Dollar belaufen haben – noch Mühen: gedreht wurde großteils in Mexiko und auf Malta, wo bereits Ridley Scott die prachtvollen Bauten zu seinem Rom-Epos „Gladiator“ errichten ließ. Für die Besetzung holte er sich ein Who’s Who der damaligen Hollywood-Elite vor die Kamera. Angeführt wird das Ensemble von „Goldilocks“ Brad Pitt als exzentrischer, streitbarer aber nahezu unbesiegbarer Krieger Achilles, der widerwillig im Kampf um Troja mitmischt. Sein ebenbürtiger Gegenspieler, der ehrwürdige und wohl einzig integre Charakter der Geschichte, Hector, wird von Eric Bana verkörpert. Als sein jüngerer, liebestoller Bruder Paris tritt Orlando Bloom in Erscheinung, der zu jener Zeit auf Rollen in Fantasy- und Historiendramen mit Schwertern und schweren Rüstungen abonniert war. Für die schöne Helena, jene Frau, deren Gesicht tausend Schiffe in den Krieg schickte, engagierte Petersen seine Landsfrau Diane Kruger, die bis dahin hauptsächlich in Frankreich tätig war und für die der Film der internationale Durchbruch bedeutete. Kruger wird dieser Tage übrigens 50 Jahre alt. In Nebenrollen sind dann noch einige große Namen vertreten, allen voran der große, achtfach Oscar-nominierte – aber leider nie ausgezeichnete – Peter O’Toole als trojanischer König Priam. Brian Cox als sein machtlüsternes Gegenüber Agamemnon. Der ebenfalls gerne in historischen Stoffen besetzte Brendan Gleeson als Agamemnons Bruder Menelaos, Helenas erzürnter Gatte. Julie Christie als Achilles‘ Mutter. Und auch Odysseus hat einen Auftritt in diesem Film. Er wird gespielt von Sean Bean, der, und das darf man ruhig an dieser Stelle verraten, den Film überleben wird. Sonst gäbe es ja keine Odyssee, nicht wahr?

Drehbuchautor David Benioff, der Jahre später mit der aufwendigen Fernsehadaption von George R.R. Martins Fantasyroman-Reihe „Game of Thrones“ für Furore sorgen sollte, nahm sich einige künstlerische Freiheiten in seiner Interpretation der Sage um den trojanischen Krieg heraus. Was sich einst über zehn Jahre hingezogen haben soll – genau verifizieren lässt sich das nicht, und auch Homers Urheberschaft an der Geschichte wurde über die Jahrhunderte oftmals angezweifelt – wird im Film auf einen Zeitraum von wenigen Wochen komprimiert. Trotzdem versucht Benioff, den gesamten trojanischen Krieg in einen rund dreistündigen Prachtschinken zu packen. Der Film hat, auch ohne die Inklusion der griechischen Götter, die in der historischen Vorlage maßgeblichen Einfluss auf den Krieg genommen haben, sehr viele handlungstragende Figuren. Die Filmemacher haben sich bei ihrem Ansatz sicher von der „Lord of the Rings“-Trilogie inspirieren lassen, die ebenfalls mit einer ganzen Armada an Figuren und Nebenhandlungen aufwartete. So ganz geht Petersens und Benioffs Jonglierspiel hier nicht auf.
Das ändert aber nur wenig an dem Unterhaltungswert, den „Troy“ zu bieten hat. In Sachen Bildgewalt steht der Film ganz in der Tradition klassischer Monumentalfilme, und James Horner kreierte in nur sechs Wochen einen eingängigen, elegischen und mit einigen denkwürdigen Melodien durchsetzten Soundtrack. Die Schauspieler sind durch die Bank gut besetzt, auch wenn man Pitt durchaus anmerkt, nicht unbedingt hier mitwirken zu wollen. Genau umgekehrt soll es sich mit O’Toole verhalten haben, der zwar eine gewohnt starke Leinwandpräsenz zeigt, aber die Premiere des Films nach nur wenigen Minuten verlassen haben soll. Durch die Fülle an Figuren kommen dann aber auch einige Charaktere in der Geschichte zu kurz, und dazu zählt eben auch Odysseus, und das ist schade, denn Sean Bean ist ein mehr als fähiger Charakterdarsteller, der hier nicht mehr als Statist in einer großen Geschichte ist, der darauf wartet, sein eigenes Abenteuer bestreiten zu dürfen. Pläne für eine Fortsetzung mit ihm in der Hauptrolle in einer „Odyssey“-Verfilmung gab es damals aber, soweit ich zumindest informiert bin, nicht. Dafür tritt ja nun Matt Damon, selbst ein erfahrener Mime, in seine großen Fußstapfen.

Wer also vor dem Kinobesuch im großen Saal zumindest einen groben Überblick darüber bekommen möchte, wie es zu der von Homer geschilderten haarsträubenden Odyssee kommt, dem sei dieser Film empfohlen. Dabei lohnt sich übrigens der 33 Minuten längere „Director‘s Cut“, den Petersen zwei Jahre nach der Kinoauswertung anfertigen durfte und der dann bei der 57. Berlinale im Februar 2007 uraufgeführt wurde, bevor er auch auf DVD erschien.
Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!
Trailer: